Wiedervereinigung? Nein, danke

Nach vielen Rückschlägen haben die Koreaner wenig Interesse an der Einheit. Zu viel haben sie versucht, zu viel zu verlieren. Helfen Deutschlands Erfahrungen?

In der sogenannten Joint Security Area an der Grenze zu Nordkorea blicken Südkoreanische Soldaten in Richtung Norden.
In der sogenannten Joint Security Area an der Grenze zu Nordkorea blicken Südkoreanische Soldaten in Richtung Norden.Berliner Zeitung/Paulus Ponizak

Völker können glücklich sein. Das befand zumindest Walter Momper, als er am 10. November 1989 sagte: „Gestern Nacht war das deutsche Volk das glücklichste Volk auf der Welt.“ Ob Völker auch neidisch sein können, ist hingegen nicht verbrieft. Eine Form von Eifersucht auf Deutschland dürfte es nach dem Mauerfall und der Wiedervereinigung in Korea aber wohl doch gegeben haben. Zumindest der Wunsch, zu verstehen, wie den Deutschen die Wiedervereinigung gelang, die den Koreanern weiterhin verwehrt bleibt, war allgegenwärtig.

Viele Jahre wurden deutsche Experten, Politiker, Wissenschaftler nach Korea eingeladen, um sie zu befragen: Was können wir von eurem Weg lernen? Doch auch 32 Jahre später ist Korea der Wiedervereinigung nicht näher, selbst wenn es zwischendurch immer wieder so aussah.

Niedlicher Schrecken: Figürchen der nord- (links) und südkoreanischen Grenztruppen in einem Regierungsbüro in Seoul.
Niedlicher Schrecken: Figürchen der nord- (links) und südkoreanischen Grenztruppen in einem Regierungsbüro in Seoul.Berliner Zeitung/Paulus Ponizak

Heute sind die Koreaner nicht mehr neidisch. In den letzten Jahren ist das Interesse an einer Wiedervereinigung auf südkoreanischer Seite immer weiter gesunken. Mittlerweile will kaum noch ein Drittel der südkoreanischen Bürger die Einheit, „weil wir ein gemeinsames Volk sind“, wie in einer Erhebung gefragt wurde.

Die Vorstellung des gemeinsamen Volkes ist die der älteren Generation. Sie vertreten auch zwei Bauern Mitte 60 an der Grenze zu Nordkorea. Seit 30 Jahren arbeiten die beiden in einer Sonderwirtschaftsregion in der Demilitarisierten Zone, kurz DMZ, einem vier Kilometer breiten und 250 Kilometern langen Abschnitt entlang der innerkoreanischen Grenze.

Sie sitzen nach dem Mittagessen Mitte September im Schatten eines kleinen Pavillons und rauchen Zigaretten. Ihre Kleidung ist schmutzig von der Feldarbeit. „Ich bezweifle, dass es je zu einer Wiedervereinigung kommen wird“, sagt einer, zu sehr habe man die Menschen im Norden Gehirnwäschen unterzogen. Sollte Kim Jong Un morgen sterben, käme gleich der Nächste, meint der Farmer. Sollte die Einheit aber wider alle Erwartungen doch gelingen, werde man die Menschen aus dem Norden selbstverständlich unterstützen. „Das ist unsere Pflicht. Wir Koreaner sind ein Volksstamm, eine Familie.“

Ein schwindender Appetit des Südens auf Wiedervereinigung aufgrund der fortschreitenden Dauer der Teilung ist nachvollziehbar. Immer weniger Koreaner können sich noch an einen gemeinsamen Staat, wie er vor 1950 existierte, erinnern, immer weniger Koreaner haben noch Familie im andern Teil des Landes. Die Jungen kennen das Gemeinsame nur aus Erzählungen, die Älteren sterben aus. Wer 1950 ein Teenager war, ist heute Mitte 80.

Der Bezug auf Blutsbande und Verpflichtung prägte lange die Debatte in ganz Südkorea. Die Menschen auf der anderen Seite der Grenze waren nicht nur im eigentlichen, sondern galten auch im übertragenen Sinne als Brüder und Schwestern. Doch mittlerweile gibt es auch unter älteren Südkoreanern nicht länger eine Mehrheit für die Wiedervereinigung. „70 Jahre sind eine lange Zeit“, sagt einer der Bauern. „Wir vergessen.“

Zwei Generationen, zwei Blickwinkel.
Zwei Generationen, zwei Blickwinkel.Berliner Zeitung/Paulus Ponizak

Umfragen zeigen, dass selbst ältere Koreaner mehrheitlich nicht bereit sind, Einbußen bei ihrem Lebensstandard hinzunehmen, wie sie eine Wiedervereinigung verlangen würde. Mehr als 70 Prozent der Menschen, die nach 1980 geboren wurden, sagen, dass sie sich „nicht“ oder „nicht besonders“ für Nordkorea interessieren. Darüber hinaus sieht etwa die Hälfte der Männer zwischen 20 und 30 Jahren Nordkorea explizit als Feind.

Für diese jüngere Generation stehen wirtschaftliche Fragen im Vordergrund. Allen voran: Wie teuer wäre eine Wiedervereinigung? Anders als 1990 BRD und DDR es waren, sind Süd- und Nordkorea wirtschaftlich Lichtjahre voneinander entfernt. Bei ungefähr 30:1 liegt das Verhältnis des Pro-Kopf-Einkommens zwischen Süden und Norden – ganz zu schweigen von den Unterschieden in Infrastruktur, Krankenversorgung und Digitalisierung. Während zwischen Seoul und der Küstenstadt Busan Schnellzüge mit über 300 km/h verkehren, werden in Nordkorea die Felder von Menschen mit Pflügen bestellt.

Die Kosten der deutschen Wiedervereinigung werden auf ein bis zwei Billionen Euro geschätzt. In Korea wären sie um ein Vielfaches größer. Nicht nur ist das Land als zehntgrößte Volkswirtschaft der Welt mit einem Handelsvolumen weltweit an siebter Stelle wohlhabender, als Westdeutschland es vor 30 Jahren war. Nordkorea ist heute ärmer, als die DDR es je gewesen ist.

Gleichzeitig hat sich im Süden ein dramatischer Kulturwandel vollzogen. Die K-Pop-Band Red Velvet trat im Rahmen einer Annäherungsphase 2017 in Pjöngjang auf. Die Gesichter der nordkoreanischen Konzertbesucher wirkten so, als würden sie Außerirdische sehen.

Das Desinteresse der Bevölkerung am Norden schlägt sich mittlerweile auch in den Prioritäten der Politik nieder. Schon 2020 wurden in Umfragen vor den Parlamentswahlen die interkoreanischen Beziehungen weit abgeschlagen von nur drei Prozent der Befragten als wichtiges Thema eingestuft. Waren die außenpolitischen Bemühungen über Jahrzehnte auf den Norden ausgerichtet, wendet sich das Land mit neuer wirtschaftlicher und militärischer Stärke anderen Nachbarn zu. Im August kaufte Polen von Korea Waffen im Wert von sechs Milliarden Dollar.

Touristen besuchen die demilitarisierte Zone (DMZ) in Korea. 
Touristen besuchen die demilitarisierte Zone (DMZ) in Korea. Berliner Zeitung/Paulus Ponizak

Auf der alljährlichen Friedenskonferenz auf der Insel Jeju vor der Südküste Südkoreas, dem Jeju-Forum, verkündete vor zwei Wochen Außenminister Park Jin eine neue außenpolitische Strategie. Südkorea soll demnach zu einem „global pivotal state“, einem weltweiten Schlüsselland, werden. „Wir sind bestrebt, unsere Kooperationsbeziehungen mit Ländern in aller Welt auszubauen“, sagte Jin. Beim Aufzählen globaler Krisen wie dem Konflikt der Großmächte USA und China, dem Ukrainekrieg oder der Bekämpfung des Klimawandels wurde Nordkorea nur noch zu einem Thema unter vielen.

„Korea macht jetzt einen Sprung nach vorn, um sich in die Reihen der G7 einzureihen“, kündigte der Außenminister an. „Wir haben uns vor fast sieben Jahrzehnten aus der Asche des Koreakrieges erholt und sind in etwas mehr als einem halben Jahrhundert zu einer der größten Wirtschaftsmächte der Welt geworden.“ Diese Erfolgsgeschichte wolle man der Welt erzählen. Es ist eine andere Erfolgsgeschichte als die der deutschen Wiedervereinigung.

Und was will der Norden? Es ist notorisch schwierig, die Beweggründe des völlig abgeriegelten Ein-Herrscher-Königreichs zu ergründen, geschweige denn zu erfahren, was die Bevölkerung möchte.

Dae Hyun Park lief vor 15 Jahren vom Norden in den Süden über. Er hat die Schrecken des Nordens erlebt und warnt davor, zu viele Rückschlüsse aus der deutsch-deutschen Einheit zu ziehen. „Wir sollten das deutsche Modell der Wiedervereinigung respektieren“, sagt Park. Doch dürfe man nicht zu viele Parallelen sehen. „Auf den ersten Blick ist die Situation sehr ähnlich, doch je näher man hinschaut, desto klarer werden die Unterschiede.“ Er verweist auf den erbitterten Krieg der beiden Koreas gegeneinander zwischen 1950 und 1953 – mehr als vier Millionen Menschen starben. Das sei zwischen West- und Ostdeutschland nie geschehen und erleichterte eine Versöhnung.

Hallo Nachbar: Zaun statt Mauer.
Hallo Nachbar: Zaun statt Mauer.Berliner Zeitung/Paulus Ponizak

Er befürwortet wie auch viele andere Südkoreaner mittlerweile eine graduelle Angleichung. Eine Wiedervereinigung von einem 9. November bis zum 3. Oktober des Folgejahres kann er sich nicht vorstellen. Und es soll auch keine Wiedervereinigung sein, bei der der Süden mit all seinen Institutionen den Norden unmittelbar absorbiert. Denn Park sieht gerade hier einen Grund, weshalb all die, die im Norden derzeit profitieren, kein Interesse an einer Wiedervereinigung haben dürften. „Sie haben sich schuldig gemacht.“ Verbrechen an ihren Mitbürgern könnte in einem wiedervereinigten Korea nicht ungestraft bleiben. Auch würden sie, das habe das deutsche Beispiel gezeigt, nie wieder in eine vergleichbare Machtposition kommen. Eine Wiedervereinigung würde zumindest ihre Karrieren, wenn nicht ihre Freiheit für immer beenden.

Für Park scheint die Diktatur daher noch ein Abklingbecken zu brauchen, eine Übergangsphase, bis es wieder nur ein Korea gibt. Wann das sein wird? „Ich weiß es nicht“, sagt Park, „aber ich bin mir sicher, der Tag wird kommen.“

Die Reise zum Jeju-Forum wurde durch das koreanische Außenministerium ermöglicht.