Wer die Müllerstraße, die den Wedding von Südost nach Nordwest durchquert, entlangfährt, kann Stadtgeschichte besichtigen: das Rathaus Wedding, das in den Dreißigerjahren gebaut und den Sechzigern erweitert wurde, das City Kino Wedding, das 2016 Spielort der Berlinale war, das Arbeitsamt, die Pharussäle in der Hausnummer 143, die so etwas wie das zweite Wohnzimmer der KPD waren. Die Müllerstraße spiegelt die facettenreiche Kultur und Geschichte dieses Stadtteils.

Dirk Franke sieht noch etwas anderes: „Es ist die bunte Mischung der Bewohner, die den Wedding so lebendig und spannend machen“, sagt er. Franke, 40, fährt die Müllerstraße ein Mal in der Woche auf seinem Weg zu seinem Wochenendhaus in Oranienburg entlang. Seit Jahren schreibt er für die Online-Enzyklopädie Wikipedia.

Als er aus Neugierde begann, dort nach einem Artikeln über die Müllerstraße zu suchen, war er enttäuscht: „Generell gibt es nur sehr wenig Wikipedia-Einträge zum Wedding, und die meisten sind sehr kurz“, sagt Franke. Um das zu ändern, rief er das Wikiwedding-Projekt ins Leben.

Auf einem Treffen mit anderen Wikipedianern, wie sich die Autoren nennen, die regelmäßig unentgeltlich Beiträge für die Enzyklopädie verfassen, fand Franke seine Mitstreiter. Zwölf Leute umfasst die Gruppe bisher. Sie alle wohnen in Wedding oder sind dort aufgewachsen, nur Franke lebt in Schöneberg.

Sie sind so etwas wie ein digitaler Heimatverein. Ihr Plan ist, bis Ende des Jahres zunächst die kontrastreiche Geschichte des Bezirks zu recherchieren und in der Online-Enzyklopädie zu ergänzen. Außerdem sollen Informationen zu verschiedenen Straßenzügen, architektonischen Besonderheiten und Biografien von bekannten Weddinger Bürgern online gestellt werden. Die Arbeitsliste des Projektes ist umfangreich. „Bisher gibt es nur etwa 110 Artikel zum Wedding“, sagt Franke. Stadtteile wie Kreuzberg habe dagegen locker das Dreifache an Einträgen.

Alles muss nachprüfbar sein

Das Projekt lebt von der Freiwilligkeit und den Interessen der Beteiligten. Jeder darf schreiben, worüber er will, ohne feste Deadline. „Ein Autor, der im Filmbereich arbeitet, möchte gerne etwas über die Rolle des Wedding im Film machen, also über Filme, die in Wedding spielen oder gedreht wurden“, sagt Franke. Andere arbeiten an Artikeln über die afrikanische Community, die Geschichte des Virchow-Klinikums oder die Tradition als Arbeiterviertel. Franke selbst hat sich den Volkspark Rehberge vorgenommen. „Der hat eine hochspannende Geschichte und es gab nur einen sehr kurzen, oberflächlichen Artikel dazu“, sagt er.

Franke hat Politikwissenschaften studiert und ist heute als Community-Manager in den sozialen Netzwerken unterwegs. Die Recherchen für Wikipedia seien nicht immer einfach. „Alles muss extern belegt und nachprüfbar sein“, sagt er, das seien die eisernen Regeln der Online-Enzyklopädie. Er sucht in wissenschaftlichen Arbeiten nach Informationen zu Wedding, in Sachbüchern aus der Bibliothek und in Berichten von sozialen Stadtprojekten oder anderen städtischen Einrichtungen. Die Fotos macht er selbst. „Wir versuchen auch, historisches Fotomaterial zu sammeln“, sagt Franke.

Für seine Artikel und die Treffen mit der Gruppe fährt er jetzt öfter von Schöneberg nach Wedding. „Der Ortsteil ist auch deshalb so spannend, weil er so randständig ist, aber trotzdem sehr urban“, sagt Franke. Auch das ist es, was ihn begeistert. „Der Wedding geht immer ein bisschen unter.“

Autoren gesucht

Allein in Berlin gibt es etwa 400 bis 500 Autoren, die regelmäßig Artikel für Wikipedia verfassen, schätzt Franke. „Die deutschen Wikipedianer stehen in engem Austausch, in Berlin gibt es monatlich einige Treffen“, sagt er. Er selbst hat mit den Lexikon-Einträgen 2004 nach seinem Studium angefangen. „Ich schreibe über alles, worüber ich im Alltag stolpere“, sagt Franke. „Auch Dinge, über die ich am Anfang gar nichts weiß wie eben einen Stadtteil, ein Gebäude oder die Frage, warum Pizzakartons Löcher haben.“ Neben Wedding sei Tempelhof noch nicht gut erschlossen. „Jetzt muss aber erst mal der Wedding aufholen“, sagt Franke.

Die Gruppe hat noch viel vor. Für das Wikiwedding-Projekt suchen die Wikipedianer noch Autoren, die Lust haben, einen Eintrag beizusteuern.