Harren auf dem Hochsitz: Mein erstes Mal bei der Jagd

In der Schorfheide, wo schon Erich Honecker zur Jagd ging, gibt es viel Wild. Unser Autor saß zwei Stunden lang auf dem Hochsitz.

Da kann die Zeit schon mal lang werden: Hochsitz im Biosphärenreservat Schorfheide-Chorin.
Da kann die Zeit schon mal lang werden: Hochsitz im Biosphärenreservat Schorfheide-Chorin.imago/Volker Hohlfeld

Wildbratwurst, über Holzkohle gegrillt, oder Hirschgulasch mit Rotkraut und Kartoffeln. Beides esse ich wirklich gern. Doch wie ist es, die Zutaten für diese Gerichte selbst zu erlegen? Um das herauszufinden, fahre ich in die Schorfheide, eines der größten zusammenhängenden Waldgebiete Deutschlands. Hier, im nördlichen Brandenburg, ging schon Erich Honecker auf die Jagd.

Honecker, so lese ich, hatte fast schon eine pathologische Jagdliebe, die Jagd war sein einziges Hobby. Pro Jahr erlegte er an die 100 Hirsche. Ich verabrede mich mit Oberförster Dietrich Mehl, der mir erst mal das Waldgebiet erklärt. Für den ehemaligen Staatschef der DDR, so berichtet Mehl, wurde das Waldgebiet damals extra präpariert, um den Wildbestand zu erhöhen.

So wurden unter anderem Wasserleitungen unterirdisch verlegt, um das Areal feucht zu halten, und es wurde Futter verstreut, um Wild anzulocken. Dabei war der Wildbestand in der Schorfheide ohnehin schon recht hoch. „Wir haben Statistiken zum Abschuss, die bis ins Jahr 1957 zurückreichen“, sagt der Oberförster. „Und heute hat sich die Zahl in Brandenburg gegenüber 1957 verzehnfacht. Man kann allein schon daran sehen, dass unsere Arbeit nötig ist, um den Wald zu pflegen.“

Umstrittenes Thema: Ist die Jagd sinnvoll oder nicht?

Denn zu viel Wild heißt auch, dass zu viele junge Bäume angeknabbert werden. Nicht nur das, auch die Bodenvegetation wird beäst, wie es in der Forstsprache heißt. Bäume werden vom Wild geschält, gefegt oder geschlagen. „Fegen“ und „schlagen“ nennt man es im Fachjargon, wenn Hirsche ihr Geweih an den Bäumen vom Bast befreien, wenn es fertig gewachsen ist. Neben der Jagd gibt es verschiedene waldbauliche Technologien zur Wildschadensabwehr, zum Beispiel Schutzhüllen für junge Bäume.

Es gibt natürlich auch Stimmen, die sich gegen die Jagd aussprechen. Die Argumente: Jäger sorgen für unnatürlich dichte Wildpopulationen. Denn Tiere wie Wildschweine, Fuchs und Waschbär würden sich unter jagdlichem Druck besonders stark vermehren, eine Jagd auf die Tiere sei also nicht sinnvoll.

Infobox image
Dirk Engelhardt
Jagen in der Schorfheide
Wer selber einmal das Jagen ausprobieren möchte, kann ein Jagdwochenende auf Gut Sarnow am Werbellinsee buchen. Für 379 Euro erhält man zwei Nächte im Einzelzimmer, Frühstück und fünfmal Ansitze mit Einweisung in das Jagdgebiet. www.gut-sarnow.com

In der Nähe ist auch eine Jagdschule, die Jagdschule Schorfheide. Dort kann man Jagdkurse buchen, Workshops im Hochsitzbau, Workshops im Bogenschießen, Messer schmieden oder wildes Grillen. Neuerdings gibt es auch Frauenjagdkurse, denn immer mehr Jäger sind heute weiblich.
www.jagdschule-schorfheide.de

Der Wald hat wegen der letzten sehr trockenen Jahre sowieso schon Stress, wobei sich die Schäden in der Schorfheide zum Glück noch in Grenzen halten. Schlecht sieht es vor allem für die künstlich aufgeforsteten Waldgebiete aus; so wurden zu DDR-Zeiten und auch schon lange davor viele Kiefernwälder gepflanzt, weil dieses Holz schnell wächst und sich entsprechend schnell verkaufen lässt.

Die Oberförsterei im winzigen Walddorf Reiersdorf ist eine imposante Siedlung von Backsteinhäusern, erbaut mitten im Wald im Jahr 1905. Das riesige Haus der Verwaltung der Oberförsterei aus rötlichem Backstein gleicht einem Gutshaus. Daneben gibt es Ställe, Dienstgebäude fürs Personal und Räume für das erlegte Wild.

Oberförster Dietrich Mehl
Oberförster Dietrich MehlDirk Engelhardt

Insgesamt arbeiten fast 60 Personen in Vollzeit für die Försterei, das geht vom Controlling über Holzvermarktung und Waldschutz bis zu den Revierförstern und Waldarbeitern. Das gesamte Gebiet der Oberförsterei umfasst rund 22.000 Hektar, erfahre ich von Oberförster Dietrich Mehl. Wobei Teile des Waldes auch in Privatbesitz sind, hier gelten andere Jagdregeln.

Angeknabberte Äste: Auf Spurensuche mit dem Förster

Auf dem Weg zum Hochsitz zeigt mir Mehl Spuren im Waldboden, es liefen also vor kurzem Wildschweine hier entlang. Dann zeigt der Förster auf feine Äste der Eberesche, die angeknabbert aussehen. Diese Baumart ist ein Leckerbissen für Rehe, erfahre ich. Rehe, Hirsche und Wildschweine sind hier anzutreffen, auch Wölfe und Füchse gibt es. Wobei Wölfe nicht gejagt werden dürfen.

Wie ein klassischer Jäger mit Hut und Lodenmantel ist Dietrich Mehl nicht gekleidet, die heutigen Jäger bevorzugen Basecap und Fleecejacke. Wobei Mehl den Lodenmantel im Winter durchaus schätzt, nichts halte in der Kälte auf dem Hochsitz so gut warm wie ein echter Lodenmantel. Ich habe eine schwarze Jacke aus Polyester an. Die sei nicht gut für die Jagd, erfahre ich, denn das Reiben der Ärmel macht ein Geräusch, das Wildtiere mit ihren feinen Ohren hören. Das Wild sei überhaupt sehr intelligent; wenn ein Mensch mit einem Gewehr aufkreuzt, merken die Tiere das und machen einen großen Bogen um ihn.

Der Hochsitz bietet einen guten Blick auf eine rund 200 Meter breite, fast runde Waldlichtung. Hier wachsen Gräser und Büsche, die für Wildtiere ein gutes Abendessen sein könnten. Um 18 Uhr weht ein leichter Wind, ansonsten ist es still. Natürlich hat Mehl ein Fernglas dabei, ein Jagdmesser, einen treuen Jagdhund namens Betty und eine Repetierbüchse mit Schalldämpfer. Solch eine handgearbeitete Flinte kostet rund 3000 Euro, sie hält ein Leben lang. Mehls Vater hat eine Waffe aus den 50er-Jahren, die immer noch perfekt funktioniert.

Dann heißt es, still zu sitzen und zu warten. Die Flinte liegt schussbereit direkt vor meinem Begleiter, sie ist mit drei Patronen geladen, die heute natürlich bleifrei sind. Mehl erklärt, wie man schießen muss, damit man der Gefahr entgeht, einen Menschen zu treffen, der sich ja zufällig im Wald aufhalten könnte.

Ein Reh tritt auf die Lichtung

Schon nach 20 Minuten gibt mir Mehl ein Signal. Er deutet auf den Waldrand, nur etwa 50 Meter entfernt. Ich sehe erst mal nichts, doch kurz darauf erblicke ich es auch: Ein Reh und ein Rehkitz treten auf die Lichtung und äsen in aller Ruhe. Der Jäger muss hier zuerst das Kitz schießen, dann erst die Mutter. So will es die Jagdvorschrift. Doch Mehl wartet noch, weil das kleine Kitz fast vollständig von Büschen bedeckt ist und er sichergehen will, dass der Schuss sitzt. Dann hören die Tiere plötzlich auf zu äsen, sie stellen die Ohren auf, nehmen Witterung auf. Jetzt ist der Zeitpunkt gekommen. Mehl legt an, kurz darauf gibt es einen lauten Knall. Das Kitz fällt zu Boden, das Reh flüchtet in den Wald.

Der Förster bedeutet mir im Flüsterton, dass wir trotzdem noch oben bleiben. Es könne sein, dass das Reh noch einmal kommt, um nach dem Kitz zu sehen, oder dass ein anderes Tier auf die Lichtung tritt. Doch in den restlichen eineinhalb Stunden bis Sonnenuntergang regt sich nichts mehr.

Der Jagdhund und die Beute
Der Jagdhund und die BeuteDirk Engelhardt

Gegen 20 Uhr gehen wir mit dem Jagdhund zur Beute, nun wird es blutig. Das Rehkitz ist mausetot, und in diesem Moment scheiden sich die Menschen in Jäger und Nichtjäger. Der Jäger erlebt diesen Moment als Triumph über das Tier, der Nichtjäger sieht den Tod, das viele Blut, und ist unglücklich. Jagdfieber, also das Hochgefühl, Herr über Leben und Tod zu sein, befällt immer mehr Menschen in Deutschland. Mehr als 400.000 Menschen haben den Jagdschein, jedes Jahr steigt die Zahl.

Dietrich Mehl schneidet mit dem scharfen Jagdmesser den Bauch auf, holt die Innereien heraus und versteckt sie in den Büschen. „Das fressen dann die Wölfe“, sagt er.

Mit dem Auto geht es zurück zur Oberförsterei, dort bekommt das Kitz einen Code, der auf ein Plastikschild gedruckt ist, und dann geht es ab in die Kühlkammer. Dort hängt noch ein Wildschwein von der letzten Jagd. Als ich ein Foto machen will, winkt Mehl ab, das sähe doch zu grauslich aus. Die Wildtiere, die hier hängen, werden alle verkauft – an Restaurants oder an Metzgereien, denn das Fleisch ist erster Qualität. Schließlich haben sich die Tiere ein Leben lang nur von gesunden Wildpflanzen ernährt. Und ich habe „Glück“, dass ich gleich bei meiner ersten Jagd Beute machen konnte, denn oft sitzen Jäger stundenlang im Hochsitz, ohne dass etwas passiert.