Wildau - Die fast vier Meter lange Kurbelwelle glüht grellgelb, als sie ein Kran aus dem Ofen zieht. Mit einer Art Hochdruckreiniger säubern Arbeiter das Werkstück. Funken fliegen in die von bläulichem Dunst geschwängerte Werkshalle. Dann wird es laut, sehr laut. Die Kurbelwelle wird in den Schlund eines Ungetüms geschoben, das ihr die künftige Form verleiht und den Stahl verdichtet. Mehrfach hintereinander schlagen zwei mächtige Hämmer, jeweils 80 Tonnen schwer, aufeinander, dazwischen die glühende Kurbelwelle. Das Donnern ist nur mit Gehörschutz zu ertragen.

Die Leute nennen ihn das Herz von Wildau, den größeren der zwei Gegenschlaghämmer in den Schmiedewerken der Stadt im Kreis Dahme-Spree. Seit Jahrzehnten bestimmt er buchstäblich den Puls des Ortes. Das Schlagen dieses Hammers ist in der ganzen Stadt zu hören, sogar nachts. Neun Wochen lang war er verstummt. Er musste generalüberholt werden, zum ersten Mal seit 20 Jahren. Nun schlägt er wieder, der Puls von Wildau.

Sonder- und Nachttransporte

„Jetzt ist der Wildauer Gegenschlaghammer nicht nur einer der größten Europas, sondern auch der modernste“, sagt Alexis Bömcke, technischer Geschäftsführer des Schwermaschinenbau-Betriebs, anlässlich der Wiederinbetriebnahme am Mittwoch. Über die Jahre habe er Risse bekommen. „Wir haben den gesamten Hammer von der Grundplatte bis zum Kopf instandgesetzt“, so Bömcke. Das sei eine Herkulesaufgabe für die Techniker gewesen. Die mehr als 400 Tonnen schwere Maschine sei auseinandergenommen und die Einzelteile in Stahlwerken in Osnabrück und im sächsischen Gröditz erneuert worden. „Da waren viele Sonder- und Nachttransporte nötig“, sagt der Geschäftsführer.

Die Wildauer Schmiedewerke gelten als hochspezialisiert und zählen in Europa zu den führenden der Branche. Das Unternehmen stellt Stahlteile vor allem für Großmotoren her. Dazu gehören Pleuelstangen für Schiffsdiesel, wie sie in Fregatten der Bundesmarine verbaut werden, Kettenglieder für Großbagger, Bremsscheiben für den französischen Hochgeschwindigkeitszug TGV und Spezialachsen für U-Bahnen. Der Vorteil von geschmiedetem Stahl gegenüber Gussstücken ist vor allem hier von großer Bedeutung: Er ist wesentlich belastbarer und bruchfester.

„Zu unseren Auftraggebern gehört zunehmend auch die Gas- und Ölindustrie“, sagt Mark Martin, ebenfalls Geschäftsführer des Betriebes. Im Bereich der Großmotoren gebe es derzeit eine Krise, man habe das Angebot erweitern müssen. So würden auch Großkurbelwellen für Bohrinseln produziert.

„Es hat schon etwas Beunruhigendes, wenn eine solche Instandhaltung an der Achillessehne eines bedeutenden Industrieunternehmens unserer Region stattfindet“, sagt Wildaus Bürgermeister Uwe Malich (Linke) über die neun Wochen, in denen der Schmiedehammer stillstand. Die Ruhe, die dadurch einkehrte, scheint man – jedenfalls im Rathaus – nicht zu vermissen. „Das Schlagen des Hammers gehört irgendwie hierher“, sagt Katja Lützelberger, Sprecherin der Stadt. Auch in ihrem Haus höre man ihn. Aber stören tue er sie nicht.

Immerhin, mit 150 Mitarbeitern sind die Schmiedewerke einer der wichtigsten Arbeitgeber in Wildau, einem Ort, der erst im April dieses Jahres das Stadtrecht erhielt. Zu DDR-Zeiten waren es zeitweise sogar 3 500 Menschen die im damaligen VEB-Schwermaschinenbau „Heinrich Rau“ arbeiteten. Die Schmiede gilt deshalb als das wichtigste Traditionsunternehmen Wildaus.

Schon 1914 war an dem Standort die erste Schmiede eröffnet worden. Damals baute die Firma Schwartzkopff dort Dampflokomotiven. Die eigentliche Gesenkschmiede mit ihrem Gegenschlaghammer wurde 1974 in Betrieb genommen. „Gesenk“ steht für eine Schmiede, bei der das Werkstück im Moment des Hammerschlags von den sogenannten Gesenken – den Werkzeugen mit dazugehöriger Gravur – vollständig umschlossen wird.

Für die Arbeiter, die in der Hitze der Halle den Gegenschlaghammer bedienen, bringt die Instandsetzung auch eine bedeutende Modernisierung mit sich. „Früher hatte der Hammerführer einen Hebel, heute steuert er ihn über eine PC-Maus“, sagt Geschäftsführer Mark Martin. Die Maschine sei jetzt computergesteuert und damit weltweit fast einzigartig. „So lassen sich Schlagkraft und Schlagfolge programmieren und viel besser dosieren“, sagt er. Trotz der Wuchtigkeit des massiven Geräts sei beim Schmieden absolute Präzision notwendig. „Sonst kann der Hammer nicht schlagen“, sagt Mark Martin.

Neue Heimat

Der Schmiedehammer ist Teil einer Stadt vor den Toren Berlins, die nach dem Wegfall vieler Arbeitsplätze in der Schwerindustrie zu Wendezeiten langsam wieder ihren Puls findet. Zusammen mit den Schmiedewerken gibt es vier Schwermaschinenbaufirmen, aber auch Unternehmen der Luft- und Raumfahrtindustrie. 5 000 Arbeitsplätze gibt es mittlerweile wieder, die Erwerbslosigkeit ist vergleichsweise gering. Und es kommen viele junge Leute, denn Wildau ist – mit gerade einmal 10 000 Einwohnern – Hochschulstadt. 4 400 Studierende lassen sich an der Technischen Hochschule ausbilden, der größten des Landes. Viele wohnen im neuen Studentenwohnheim. Und auch sonst haben offenbar nicht wenige Wildau als ihre neue Heimat auserkoren. Der Wohnraum wird knapp, die Wartelisten sind lang.