Wilhelm Nadolny wird neuer Leiter der Berliner Stadtmission am Bahnhof Zoo

Wilhelm Nadolny hat lange überlegt, ob er den neuen Job annimmt: Leiter der Berliner Stadtmission am Bahnhof Zoo, der deutschlandweit bekanntesten Einrichtung für obdachlose und arme Menschen. Der 32-Jährige sagt, er habe gezögert, denn es sei ein großes Erbe, das er antrete.

Sein Vorgänger, Dieter Puhl, hat die Einrichtung zehn Jahre lang geleitet und sie mit seinem sensiblen, freundlichen und nachdenklichen Art berühmt gemacht. Nadolny dachte anfangs, es sei eine schier unlösbare Aufgabe, in diese Fußstapfen zu treten. Dabei hat er doch die besten Voraussetzungen: Er arbeitet seit elf Jahren in der Bahnhofsmission. Zuvor hatte er sein Informatikstudium abgebrochen. Dafür habe sein Herz nicht gebrannt, sagt er.

Manchmal hilft reden

Als Praktikant der Bahnhofsmission wurde er erstmals mit dem Elend konfrontiert. Später wurde er mobiler Einzelfallhelfer, lernte Schwerkranke kennen, Alkoholiker, Drogenabhängige und alte Menschen.

Solche Lebenswelten hatte der gebürtige Berliner aus Friedrichshain noch nicht erlebt. Dort kannte er ein paar Trinker und Punks von der Straße, doch das war kein Vergleich zu den 700 Bedürftigen, die täglich zur Stadtmission kommen: für eine Mahlzeit, einen Schlafsack, Kleidung, eine Dusche und, wie Nadolny von seinen Kollegen gelernt hat, für ein paar freundliche Worte. Manchmal hilft reden.

Doch mehr als helfen könne man nicht, sagt er. Und man müsse akzeptieren, dass sich manche Menschen nicht helfen lassen wollen. Er musste schon mitansehen, wie Menschen auf der Straße gestorben sind. Er hat getrauert. Man brauche in diesem Job auch Hornhaut auf der Seele, sagt er und gibt auch gleich zu, dieses sprachliche Bild von Dieter Puhl übernommen zu haben.

Nadolny war einst Gitarrist von Heavy-Metal-Band

Wilhelm Nadolny, den alle nur Willi nennen, will sich darum kümmern, den Obdachlosen eine neue Perspektive geben, er wolle versuchen, sie von der Straße zu holen. Und er weiß, wie schwierig das ist. Mehr Stellen für Sozialarbeiter braucht er. Bei aller Zuwendung und Hilfe für die Bedürftigen – professionelle Distanz sei wichtig, meint Wilhelm Nadolny. Und ein ausgefülltes Leben neben der Arbeit.

Nadolny hat viele Freunde, sonntags geht er in die Kirche. Er spielt E-Gitarre, war mal Gitarrist in einer Heavy-Metal-Band und freut sich jetzt auf das Konzert der US-amerikanischen Band Tool in Berlin. Und mit den großen Fußstapfen, in die er treten werde, habe er jetzt kein Problem mehr. Er sagt, er ziehe einfach neue Schuhe an.