Der Abriss des Wohnhauses an der Wilhelmstraße 56–59 in Mitte sollte eigentlich im April beginnen. Ein österreichischer Investor will den Plattenbau, der seit 25 Jahren dort steht, durch einen Luxusneubau ersetzen. Die letzten Mieter der fast hundert Wohnungen zogen im Januar aus. Wie die meisten ihrer Nachbarn waren sie vom Eigentümer mit viel Geld aus ihren Wohnungen „herausgekauft“ worden. Doch auf den geplanten Abriss muss der Investor jetzt warten – bis Spatzen und Mauersegler ihre Brutzeit an seinem Gebäude beendet haben.

„Ende März haben wir den Hinweis einer Bürgerin aus der Nachbarschaft erhalten, die an dem leeren Wohnblock Spatzen beim Nestbau beobachtet hat“, sagt die für Umwelt und Natur zuständige Bezirksstadträtin Sabine Weißler Grüne). Der Bauherr habe es offensichtlich versäumt, sich mit geltenden Bestimmungen des Artenschutzes zu befassen, so die Politikerin. Was nichts anderes bedeutet als: Die Spatzen waren schneller als der Investor. Dieser kann mit dem Abriss frühestens Ende September beginnen, denn Spatzen brüten gern mehrmals im Jahr.

In Verbindung mit dem Abriss von Gebäuden gilt seit September 2014 in Berlin eine Verordnung, in der Ausnahmen von Schutzvorschriften für besonders gefährdete Tier- und Pflanzenarten geregelt sind. Betroffen ist auch der Haussperling, der zwar einer der am weitesten verbreiteten Singvögel ist, wegen des Rückgangs seiner Population jedoch auf der Vorwarnliste der bedrohten Arten steht.

Laut Gesetz dürfen Nist- und Ruhestätten von Tieren an Gebäuden unbrauchbar gemacht werden – aber nur, wenn sie unbesetzt sind und wenn Tiere oder Gelege nicht zu Schaden kommen. Stadträtin Weißler: „Jeder Bauherr muss also rechtzeitig vor Beginn von Abrissmaßnahmen prüfen, ob es solche Nist- oder Ruhestätten gibt.“ Er muss diese nicht nur der zuständigen Naturschutzbehörde melden, sondern dort auch ein Konzept für den ökologischen Ausgleich, also für Ersatz-Nistplätze, vorlegen.

Im Falle der Wilhelmstraße 56–59 hat der Investor beides nicht getan, so Weißler: „Die Meldung über den Nestbau kam von einer Bürgerin, und das Konzept für Ersatzquartiere wurde bisher auch nicht vorgelegt.“

Nach dem Hinweis auf die Spatzennester forderte Mittes Naturschutzbehörde den Investor zu Untersuchungen auf. Das Ergebnis: „Eine Ornithologin fand 72 Nistplätze von Haussperlingen und Mauerseglern sowie sechs Ruhe- und Fortpflanzungsstätten von Fledermäusen“, sagte Weißler. Der Bauherr bestätigte am Montag diese Darstellung, der Abriss könne nun frühestens im September erfolgen.

Umkämpfte Platte

Um den Wohnblock an der Wilhelmstraße, der zwischen 1988 und 1992 errichtet wurde und damit als letzter DDR-Plattenbau gilt, wurde lange gerungen. Viele Mieter wehrten sich gegen einen Auszug. Auch der Senat versuchte, den Abriss zu verhindern. Anwohner erwirkten vor Gericht sogar einen Stopp von vermeintlichen ersten Abrissarbeiten.

Dann wurde bekannt, dass eine Abrissvereinbarung zwischen dem Vorbesitzer des Gebäudes und der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung existierte. Die Mieter wurden schließlich mit einem Scheck zum Auszug „überredet“. „Es ist ein Skandal, dass hier preisgünstiger Wohnraum vernichtet wird“, sagt Sven Diedrich von den Linken im Bezirksparlament Mitte. Der Neubau soll 165 Wohnungen bis 80 Quadratmeter enthalten, die ab 485.000 Euro verkauft werden.