Die Schüler sind schwarz gekleidet, nur die Gesichter weiß geschminkt. Auf der Leinwand über der Bühne erscheinen verschiedene historische Persönlichkeiten, darunter der Wissenschaftler Albert Einstein und mehrmals Willi Graf.

Willi wer?, werden nun vielleicht einige fragen. Neben dem bekannten Geschwisterpaar Hans und Sophie Scholl war auch Willi Graf als Mitglied der Weißen Rose im Widerstand gegen das mörderische NS-Regime. Genau vor 75 Jahren, am 12. Oktober 1943, ließen ihn die Nazis per Fallbeil hinrichten. Die Schüler des Gymnasiums in Lichterfelde-Ost, das seit 1990 nach Willi Graf benannt ist, führen ihm zu Ehren am Freitag – seinem 75. Todestag – ein Stück auf.

Keine leichte Aufgabe

Willi Graf wird in der szenischen Lesung vom 16-jährigen Schüler Friedrich Näumann verkörpert. „Das ist sehr anspruchsvoll“, erzählt der junge Mann. „Zwei Wochen, bevor die Proben begannen, habe ich mich in alle verfügbaren Schriften von Willi Graf hereingelesen, um ihn darzustellen.“

Gleich in der dritten Szene tritt Näumann auf. „Der Krieg, gerade hier im Osten, führt mich an Dinge, die so schrecklich sind, dass ich sie nie für möglich gehalten hätte“, trägt der Schüler vor. Über ihm erscheint ein Foto des jungen Willi Graf, mit seinen Lebensdaten: 1918 bis 1943. Graf, ein junger Medizinstudent, erlebte als Wehrmachtssanitäter die Gräueltaten der deutschen Einheiten während des Russlandfeldzuges. Diese Erlebnisse ermutigten ihn endgültig, in den Widerstand gegen Hitler zu gehen. 

Er unterstützte die Widerstandsorganisation Weiße Rose, die mit Flugblättern und Wandparolen während des Krieges auf die Gräueltaten aufmerksam machte. „In unserem Stück übernimmt Willi Graf ja auch die Moderatorenrolle, erklärt die Zeitläufe“, sagt Schüler Friedrich Näumann. „Das ist aber schwer mit der Person Willi Graf zu verbinden, denn er war ja ein zurückhaltender Charakter.“ Doch Näumann kann es. Er ist fast ein Profi, spielt im Jugendensemble des Schlosspark Theaters.

„Eine große Verantwortung“

Innerhalb der Weißen Rose hatte Willi Graf die gefährlichste Aufgabe, erfahren wir. Er reiste durch Deutschland und versuchte, Bekannte zu motivieren, selbst aktiv zu werden. Als Katholik und Mitglied der Bündischen Jugend hat Graf den Nationalsozialismus stets abgelehnt.

Andere Schüler verkörpern in dem Stück weitere historische Figuren. Catherina Mertens, 17, ist Sophie Scholl. „Eine große Verantwortung, es freut mich, dass mir so etwas zugetraut wird“, sagt sie.

Die Schüler lassen in der Aufführung viele zu Wort kommen, die im Widerstand gegen den NS-Staat oder längst im Exil waren. Dazu gehören Bertolt Brecht, Thomas Mann oder Alice Salomon. Zwischendrin erklingt das Lied der Weißen Rose „Schließ Aug und Ohr“ mit der schon prophetischen Zeile „Und in das Feuer, das verraucht, wirf dich als letztes Scheit“.

Während andere Mitglieder der Weißen Rose, nachdem die Gruppe entdeckt war, umgehend hingerichtet wurden, saß Willi Graf noch sechs Monate in Haft. Man wollte von ihm Namen weiterer Verschwörer erfahren. Doch er schwieg. Inszeniert haben das Stück Marianne Strohmeyer und Klaus Kortstock, zwei eigentlich bereits pensionierte Lehrer für Darstellendes Spiel.

Als sie hier anfingen, hieß die Schule noch Tannenberg-Gymnasium, benannt nach einer für das Deutsche Reich siegreichen Schlacht im Ersten Weltkrieg. Kurz nach der NS-Machtergreifung 1933 hatte der damalige Schulleiter den Antrag gestellt, die Schule nach Tannenberg zu benennen. Und so geschah es.

Umbenennung im Jahre 1990

In den 1980er-Jahren setzten sich dann zunächst die Gymnasiasten selbst für eine Umbenennung ein – in Willi-Graf-Gymnasium. Eltern und Lehrer schlossen sich an. Unterstützt wurde das im damaligen Bezirk Steglitz von SPD und Grünen, doch die CDU lehnte es mit absoluter Mehrheit ab. Erst als sich die Machtverhältnisse änderten, kam es im Jahre 1990 zu der Umbenennung.

Gibt es für die Schüler des Kurses heute etwas, was sie nicht kampflos hinnehmen würden? „Wenn es gegen Demokratie und Menschenrechte geht“, sagt Näumann. Heutzutage würde man wohl nicht wie die Weiße Rose Flugblätter werfen, sondern in sozialen Netzwerken agieren, sagt ein anderer Schüler. „Aber eine richtige Diktatur würde sich eigene Internetdienste schaffen, um alle zu überwachen.“