„Willkür des Staates“: Berliner Böller-Verkäufer über Silvester und Verbote

Knallerbsen und Konfetti, riesige Batterien und knallbunte Raketen. Das alles kaufen viele Berliner in einem Laden in Köpenick. Ein Besuch zum Jahreswechsel.

Feuerwerksartikel im Laden Pyro Thron in Berlin Köpenick.
Feuerwerksartikel im Laden Pyro Thron in Berlin Köpenick.Emmanuele Contini

Bernhard Thron böllert sofort los. Jeder Satz ein Knaller. Ob man denn aufseiten der Grünen sei, fragt er. Er sei ein gebranntes Kind. Bei einer Dokumentation für das Fernsehen sei alles, was er gesagt habe, aus dem Zusammenhang gerissen worden. Thron betreibt einen Feuerwerksladen in Berlin und hasst alle, die Feuerwerke bekämpfen, zum Beispiel die Deutsche Umwelthilfe. Hektisch werden Kartons angeliefert und verpackt. Thron nimmt sich trotzdem Zeit, um über sein Geschäft zu sprechen.

Bei Pyro Thron – so heißt das Fachgeschäft für Feuerwerk im Ortsteil Köpenick – gibt es alles, was das Böller-Herz begehrt. Knallerbsen und Konfetti, große Batterien im Wert von bis zu 750 Euro, Raketen und sogar DDR-Wunderkerzen. Ein junger Mann schaut sich um, er hat mehrere Zehn-Euro-Scheine in der Hand.

Pyro Thron verkauft Feuerwerk nach ganz Deutschland – 365 Tage im Jahr

„Wir sind hier ja nicht bei Lidl“, sagt Thron, weil der junge Mann offenbar über die Preise stöhnt. Thron, 60 Jahre alt, legt Wert darauf, dass es bei ihm qualitativ hochwertiges Feuerwerk gibt, „nicht wie beim Discounter“. Wer kein Geld ausgebe, könne auch nichts erwarten. Sein Unternehmen verkaufe das ganze Jahr über online Pyrotechnik nach ganz Deutschland. Privatleute dürfen Batterien, Raketen und Co allerdings erst am 29. Dezember in Empfang nehmen.

Ladenbesitzer Bernhardt Thron.
Ladenbesitzer Bernhardt Thron.Emmanuele Contini

Wenn überhaupt. Denn: Ein mögliches Feuerwerksverbot zu Silvester sorgt alle Jahre wieder für hitzige Debatten. Wegen der Corona-Pandemie galt in den Jahren 2020 und 2021 ein Verkaufsverbot von Feuerwerkskörpern. Menschenansammlungen und damit sogenannte Superspreader-Events sollten vermieden werden. In diesem Jahr dürfen Böller-Freunde wieder legal Feuerwerk kaufen – Stand Dienstagnachmittag. In den Vorjahren wurden die Verbote erst einige Tage vor Silvester erlassen.

Bernhard Thron: „Man ist der Willkür des Staates ausgeliefert“

Die Kurzfristigkeit der Entscheidungen bereitet Thron Kopfschmerzen. „Wir wissen nicht, ob da wieder etwas kommt. Man ist der Willkür des Staates ausgeliefert.“ 2020 habe der Staatsanwalt seinen Laden dichtgemacht und die Ware beschlagnahmt. Er habe erfolgreich dagegen geklagt, doch seine Böller habe er nie wiedergesehen. Die seien im vergangenen Sommer im Grunewald explodiert.

Nachdem nun also zwei Jahre coronabedingt Silvesterfeuerwerke weitgehend ausfielen, fordert ein vom Verein Deutsche Umwelthilfe koordiniertes und von der Gewerkschaft der Polizei (GdP) unterstütztes Bündnis ein endgültiges Verbot von Silvesterkrachern und Feuerwerksraketen. Als Argument führen sie neben möglichen Verletzungen den vielen Müll an. Der falle durch die Böller und Raketen zu Silvester und an den Tagen um den Jahreswechsel vermehrt an.

Nicht nur knallen soll es, sondern auch dabei gut aussehen.
Nicht nur knallen soll es, sondern auch dabei gut aussehen.Emmanuele Contini

Überlastung der Rettungsdienste an Silvester

Für Thron ist der Müll kein Argument. „Gehen Sie doch mal nach Neukölln. Da sieht’s immer so aus“, sagt er. Es gehe um drei Tage im Jahr. Die Deutsche Umwelthilfe sage auch immer nur zu Silvester etwas dagegen. „Damit sie eine Existenzberechtigung hat.“ Die Überlastung der Rettungsdienste in der Silvesternacht liege vor allem am Alkoholkonsum. Böllerverbotszonen findet Thron gut, aber: „Wer soll das durchsetzen?“

Mittlerweile werden auch Forderungen laut, wegen des Ukraine-Krieges auf die alljährliche Knallerei zu verzichten. So setzt sich beispielsweise die Partei ÖDP in München dafür ein, dass es statt Feuerwerk zum Jahreswechsel  weitere Unterstützung für die Ukraine geben soll.

„Ich will mein Feuerwerk“

Feuerwerk-Fachverkäufer Thron lässt auch dieses Argument nicht gelten. „Ich zahle meine Steuern für die Kanonen, ich will mein Feuerwerk.“ Man könne nicht alles mit der Ukraine verknüpfen. „Wir tun alles, helfen denen, und dann will man uns den Spaß nehmen.“

In einer Vitrine von Pyro Thron steht Feuerwerk aus DDR-Zeiten. Thron schiebt die Kartons, die davorstehen, beiseite. In dem Glaskasten sind auch Böller der Marke Funke zu sehen. Die Firma hat sich auf Retro-Böller spezialisiert und diese werden seit einigen Jahren stark nachgefragt. Thron ist in der DDR aufgewachsen. Wenn er erzählt, wie er als Kind in der Schlange stand für Harzer Knaller, Filous und Römische Lichter, spricht er ruhig und lächelt. Plötzlich klingen seine Worte wie Wunderkerzen, nicht wie Kubische Kanonenschläge.

Feuerwerk vor dem Lieblingsitaliener

Während der Pandemie habe Pyro Thron zwar noch für den Großhandel verkaufen dürfen, aber 40.000 Euro Verlust gemacht. Die von der Staatsanwaltschaft beschlagnahmte Ware, die später im Grunewald explodierte, sei zum Glück versichert gewesen. Die Hälfte seiner Kollegen hätten aufgegeben, sagt Thron. Die, die gegen Feuerwerk wettern, machten „die ganzen kleinen Unternehmer kaputt“.

Thron böllert an Silvester nicht mehr selbst. Er und seine Frau – sein „Schmuckstück“, wie er charmant sagt – seien ruhiger geworden. Sie lassen vor ihrem Lieblingsitaliener Feuerwerk schießen, während sie ein Glas Wein genießen.