Berlin - Züge sind hier schon lange nicht mehr gerollt vor der maroden Umschlaghalle des Güterbahnhofs Wilmersdorf. Zum letzten Mal wurde der Bahnhof im Jahr 1996 genutzt: Als die Eisenbahnmesse Innotrans auf dem Gelände zwischen Ringbahn, Stadtautobahn A100 und der Friedenauer Bennigsenstraße stattfand. Später wurden die rostig gewordenen Gleise entfernt. Denn der alte Bahnhof hatte bereits in den 70er Jahren ausgedient – und soll jetzt einer großen Wohnsiedlung und einem Gewerbegebiet Raum geben.

Gewerbe als Schallschutz

Planungen gibt es schon seit vielen Jahren. Zuletzt scheiterte die Ansiedlung eines Möbelmarktes. 2010 verkaufte die Bahn den Güterbahnhof an den Hamburger Investor Böag Beteiligungs-Aktiengesellschaft. Dessen Vorhaben deckten sich zunächst nicht mit den Vorstellungen des Bezirks Tempelhof-Schöneberg, es gab deutliche Meinungsverschiedenheiten.

Doch nun soll ein neuer Anlauf genommen werden. Am Donnerstagabend trafen sich Anwohner, Investor und Bezirksvertreter zu einem ersten Werkstatttermin im Rathaus Schöneberg. Für diesen Sonnabend ist eine gemeinsame Besichtigung des Areals angesetzt. Auf Betreiben der neuen Stadträtin für Stadtentwicklung, Sibyll Klotz (Grüne), sollen die Bürger stärker in den Prozess eingebunden werden, als bislang geplant.

Es geht um etwa 60.000 Quadratmeter Fläche. Und um eine schwere Hypothek, die Stadtautobahn. Von der A100 geht erheblicher Lärm aus, der die Planer vor ein Problem stellt. Denn der Bezirk will auf dem früheren Güterbahnhof vor allem Wohnungen. Von bis zu 735 Wohneinheiten ist die Rede. „Die Autobahn ist eine große Herausforderung“, sagt Sibyll Klotz. Die grob skizzierte Lösung der Böag: Ein Gewerbegürtel an der nördlichen Grenze zur Ringbahn und A100 – quasi als Schallschutz – und südlich, zum Friedenauer Quartier hin, die Wohnbebauung.

Die Stadträtin ist überzeugt von dem Areal: „Es hat großes Potenzial, weil es zentral und sehr verkehrsgünstig gelegen ist und direkt an das beliebte Friedenau anschließt.“ Sie wünscht sich familienfreundliches, barrierefreies Wohnen und lieber kleine Mietwohnungen als teure Appartements. Der Investor hat drei Architektenbüros mit Testentwürfen beauftragt.

Böag-Vorstand Lars Böge aus Hamburg hat Erfahrung in Berlin. Böge hat unter anderem das Gelände des früheren Reichsbahnausbesserungswerks in Tempelhof entwickelt, heute Heimat von Ikea. Der Güterbahnhof Wilmersdorf gehört zu seinen größten Vorhaben. „Das Investitionsvolumen wird bei 150 bis 200 Millionen Euro liegen“, sagt Böge.

Bei der bislang strittigen Frage der Aufteilung in Wohnen und Gewerbe zeige sich der Investor diesmal kompromissbereiter als in vergangenen Jahren, heißt es im Bezirksamt, wo ein Schwerpunkt auf Wohnbebauung favorisiert wird. Frühere Planungen hatten in erster Linie Gewerbeflächen vorgesehen.

Böge selbst sagt: „Es wird wohl eine deutliche Verschiebung in Richtung Wohnen geben.“ Großflächige Gewerbeansiedlungen werden vor allem von Anwohnern in der Nachbarschaft sehr kritisch gesehen. Einer, der ausdrücklich davor warnt, ist Wolfgang Severin, Vorsitzender der Initiative Bundesplatz. „Das wäre städtebaulich ein völlig irres Signal“, sagt er. Ein Zentrum mit vielen Geschäften und Supermärkten würde für weitere Verkehrsströme in der schon jetzt Autogeplagten Gegend führen.

Überlastete Straßen

„Das Quartier rund um den Bundesplatz ist schon über Gebühr durch den Ausweichverkehr der A100 belastet“, sagt Severin. Der Verkehr auf der Autobahn nehme drastisch zu und führe vor allem in den Stoßzeiten dazu, dass die parallel verlaufende Wexstraße und der Bundesplatz stark überlastet seien. Die Attraktivität der Wexstraße sinke deshalb, Fachgeschäfte zögen weg. Stattdessen würden sich Spielsalons, Bordelle und Wettbüros ansiedeln.

Auch die Bürgerinitiative Breslauer Platz aus Friedenau, eigentlich für die Umgestaltung des dortigen Marktplatzes gegründet, will sich am Werkstattverfahren beteiligen. Vor allem hoffe man, dass es keine „politische Showveranstaltung“ wird, sagt Mitstreiter Ottmar Fischer.