Berlin - Die Hütte ist so breit wie ein Bett für zwei, ein Spiegel hängt an der Wand, ein Kleiderhaken und ein elektrischer Heizer. Auf dem Boden liegen Waschzeug und ein paar Einkaufstüten. Aufgeräumt ist der vier Quadratmeter kleine Raum, das Bettzeug liegt ordentlich zusammengelegt auf der Matratze. Vier Quadratmeter sind nicht viel, für die meisten Leute wäre so ein Schlafraum viel zu klein. Doch es gibt Menschen, die froh sind, wenigstens diesen Platz für sich zu haben. Vor allem im Winter.

Vier solcher Hütten stehen auf dem Hof der Kirchengemeinde St. Antonius in Friedrichshain. In den Unterkünften leben den Winter über vier obdachlose Männer. Es ist eine Notunterkunft der besonderen Art, ein Experiment. „Die Bewohner der Hütten haben erstmals wieder ein Einzelzimmer und Privatsphäre“, sagt Diakon Wolfgang Willsch, der sich um die Notübernachtungen in seiner Gemeinde kümmert. 20 Schlafplätze in Fünf-Bett-Zimmern bietet die Gemeinde im Winter Obdachlosen im Pfarrhaus neben der Kirche an. Wer in einer der Hütten schlafen darf, genießt schon einen gewissen Luxus gegenüber anderen Obdachlosen.

Im Sommer mit Kühlschrank

Luxuriös wirkten die Holzhütten auch schon, als sie im Sommer auf Open-Air-Festivals im Einsatz waren. Unter dem Namen My Molo (My Mobile Lodge) haben drei Berliner Freunde diese komfortable Alternative zum gewöhnlichen Zelt auf meist matschigem und überlaufenem Festivalgelände entworfen. Für etwa 100 Euro pro Nacht konnten anspruchsvolle Festivalbesucher sich in den Behausungen am ruhigen Rand des Party-Areals einmieten. Sogar ein Kühlschrank gehörte zur Ausstattung, so gab es immer gekühltes Bier. Die 16 Hütten standen auf Festivals wie Melt und Splash in Ferropolis nahe Dessau, dem Deichbrand-Festival in Niedersachsen, beim Open-Flair-Festival in Eschwege und beim Ruhrpott-Rodeo in Hünxe, dem größten Punk-Spektakel in Deutschland.

Als der Sommer vergangen war, überlegten die drei Unternehmer, welche Möglichkeiten es denn noch geben könne, um die Hütten auch im Winter sinnvoll zu nutzen. Nico Marotz, Geschäftsführer von My Molo, meldete sich bei der Caritas. Dort empfahl man ihm den Diakon Wolfgang Willsch. Dem gefiel die Idee. „Die Hütten sind nicht nur funktional gebaut, sie haben auch Ambiente und Flair.“ Damit sie auch im Winter bewohnbar sind, wurden Heizungen eingebaut.

Keine Drogen, keine Gewalt, kein Alkohol, keine Tiere

Anfang November hat Diakon Willsch vier obdachlosen Männern aus der Notübernachtung angeboten, in den Hütten neben der St. Pius-Kirche zu schlafen. Die Männer sind zwischen 40 und 55. Willsch sagt, ihr Alltag sei strukturiert, ihre Alkoholsucht hätten sie unter Kontrolle. „Nicht jeder Obdachlose ist für so eine Hütte geeignet“, sagt er. Eine gewisse psychische Stabilität sei nötig, Eigenverantwortlichkeit und die Fähigkeit, für einen Raum allein verantwortlich zu sein, ihn also sauber zu halten und darin nicht zu rauchen.

Tagsüber dürfen die Bewohner ihre persönlichen Sachen in der Hütte lassen, ansonsten gelten die allgemeinen Regeln für das Zusammenleben in Notunterkünften: Keine Drogen, keine Gewalt, kein Alkohol, keine Tiere. Um 18 Uhr können die Bedürftigen ihre Unterkunft beziehen, es gibt Abendbrot, 22 Uhr ist Nachtruhe, um 8 Uhr morgens müssen sie die Schlüssel abgeben und ihre Hütte verlassen.

Ein Stückchen Heimat

Diakon Willsch sagt, für die vier Bewohner der Hütten sei diese Unterkunft etwas sehr Besonderes, manche verbringen den ganzen Abend darin, weil sie die Ruhe, das Private und den Rückzug genießen. Mit den anderen Obdachlosen im Haus spricht er auch über die Hütten im Hof, er erklärt ihnen, wer darin schlafen darf und warum. Denn das Wichtigste sei jetzt, so Willsch, dass sich die Obdachlosen im Haus nicht benachteiligt fühlen. „Es darf kein Neid aufkommen.“

Für die Männer von My Molo und Diakon Willsch sind die mobilen Hütten eine gut geeignete Notunterkunft für Obdachlose im Winter. Sie hoffen, dass im kommenden Winter in der Innenstadt weitere solcher Behausungen aufgestellt werden dürfen. „Vor allem im Winter erleben die Obdachlosen in den Hütten wieder ein Stückchen Heimat.“

Notübernachtung für Männer, St. Pius/St. Nikolaus, Palisadenstr. 72, Friedrichshain, geöffnet täglich 18–8 Uhr, letzter Einlass 21.30 Uhr