Berlin - Berlin bibbert. Am Dienstagnachmittag wurden am kältesten Ort der Stadt in Tegel minus sieben Grad gemessen, nachts sanken die Werte vielerorts auf minus 13 Grad. Schneidender Ostwind sorgt dafür, dass es sich schnell mal doppelt so kalt anfühlt. Der Berliner nimmt’s – nach drei zu kalten Wintern in Folge – gelassen. Viele haben den Winter sogar regelrecht herbeigesehnt.

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Händler: „Wir reiben uns die Fäustlinge“, sagt der Chef des Einzelhandelsverbandes, Nils Busch-Petersen. Die Menschen kaufen endlich die bislang ignorierten, im Lager schmorenden Mützen, Mäntel und Handschuhe. Die Läden sind voll, auch Touristen, die keine dicken Pullis im Koffer haben, müssen nachrüsten. Und das für wenig Geld: Bei Galeria Kaufhof am Alex ist Winterware um bis zu 70 Prozent gesenkt. Auch die Kürschner freuen sich über steigende Umsätze. Pelz liege seit einigen Jahren wieder voll im Trend, heißt es aus der Innung.

Energieversorger: Endlich drehen die Berliner die Heizung voll auf. Beim größten städtischen Energieversorger Vattenfall arbeiten Heizkraftwerke und Fernwärmesystem auf vollen Touren. Noch vor drei Wochen war der Verbrauch viel geringer. Es kann also noch eine gute Heizperiode werden. Sprecher Hannes Hönemann: „Abgerechnet wird Anfang April.“ Auch für die Gasag lohnt sich die Kälte. Ihre Kunden heizen jetzt 50 Prozent mehr als an normalen Wintertagen.

BVG: „Trockene Kälte ist kein Problem“, so Sprecherin Petra Reetz. Erst wenn es glatt wird, kann es für Busse gefährlich werden. Voller wird es jetzt in den Kältebahnhöfen. Wie jedes Jahr können Obdachlose in den U-Bahnhöfen Schillingstraße, Südstern und Hansaplatz übernachten. Sie sind tiefer gelegen und kühlen daher nicht so schnell aus.

Flughäfen: Flugzeuge, die über Nacht in Berlin stehen und früh am Morgen starten, werden enteist. Zu Verspätungen führte das bisher nicht, da längst nicht alle Maschinen betroffen sind. Enteisungsmittel ist auch noch genug da: 270 000 Liter in Tegel und 185 000 Liter in Schönefeld.

Notunterkünfte: Hart trifft die Kälte die Wohnungslosen. „Die Notübernachtung am Hauptbahnhof platzt aus allen Nähten“, so Ortrud Wohlwend von der Stadtmission. In der Nacht zu Dienstag kamen 170 Menschen auf 60 Plätze. Viele mussten am Boden schlafen. „Wir sind an der Kapazitätsgrenze, brauchen dringend mehr Plätze“, so Wohlwend. Abgewiesen werde nämlich niemand.

BSR: Die Stadtreinigung freut sich über trockene Kälte. Zwar gibt es Kontrollfahrten, auf Brücken und am Stadtrand wird bei Reifansätzen gestreut. „Aber intensiver Winterdienst ist das nicht“, sagt Sprecher Bernd Müller. Die Vorräte – 10 000 Tonnen Streusalz – sind noch lange nicht verbraucht.

Tiere: Elefanten und Giraffen in Zoo und Tierpark dürfen nur noch kurz vor die Tür. Die Dickhäuter haben eine Stunde statt fünf Ausgang, damit sie sich keine Erfrierungen an den Ohrrändern und der Schwanzspitze zuziehen. Die Giraffen könnten auf kleinen Eispfützen ausrutschen. Direktor Bernhard Blaszkiewitz beobachtet zudem eine frostbedingte Unlust bei den Flamingos. Hatten sie an den milden Tagen schon mit der Balzvorbereitung begonnen und Drehungen vollführt, ist nun wieder Ruhe im Karton.

Pflanzen: Durch den milden Winteranfang sind Stauden und Blumenzwiebeln ausgetrieben, Bäume haben erste Blätter und Knospen entwickelt, die nun absterben. Laut Pflanzenschutzamt kann es daher im Frühjahr schüttere Baumkronen und weniger Krokusse geben. Dafür geht es durch den späten Frost Schädlingen wie der Fichtenröhrenlaus effektiver an den Kragen.

Spaziergänger: Ob im Tiergarten oder im Schlosspark Charlottenburg – viele Spaziergänger genießen das sonnige Wetter und die klare Luft, die der Frost bringt.

Draußen-Arbeiter: Händler auf Wochenmärkten fahren ihr Sortiment zurück. So gibt es am Stand von Yavuz Hussein am Maybachufer nur noch Obst, bevorzugt Orangen und Clementinen. Tomaten und Paprika würden ihm jetzt einfrieren. Die Grillwalker am Alex wechseln sich schon nach 45 statt nach 60 Minuten ab, da sonst Füße und Beine zu sehr auskühlen.