Eine – leider – typische Berliner Winterszene, am Alexanderplatz: Es ist morgens, das Thermometer zeigt minus acht Grad, nur ein paar Meter neben einer Bushaltestelle liegt etwas unter einem Mülleimer in BSR-Orange. Etwas – oder jemand? Ein paar Kleidungsstücke sind zu sehen, eine Reisetasche, ein gelber Müllsack, darüber etwas Blaues. Erst wer genauer hinschaut, erkennt: Hier liegt ein Mensch, auf Knien zusammengesunken an einem Laternenpfahl, der Oberkörper ist nach vorn gefallen. Eine nackte, vor Kälte schon blaue Hand ragt aus dem Bündel Elend. Ist hier jemand erfroren?

Die meisten Wartenden nehmen keine Notiz, nur eine Frau geht hin und sagt laut: „Es ist kalt, nicht hier schlafen!“ Die Person hebt den Kopf. Ein Mann blickt aus glasigen Augen hoch. Er rappelt sich auf, flucht, packt seine Sachen zusammen. Als er geht, sagt er: „Danke ...“.

Lebensgefährlicher Winter

Mit dem Wintereinbruch sind solche Szenen in Berlins Innenstadtbezirken – laut dem Sozialträger Gebewo gerade in Mitte, Friedrichshain-Kreuzberg und Charlottenburg-Wilmersdorf – keine Seltenheit mehr. Obdachlosigkeit wird in der kalten Jahreszeit schnell lebensgefährlich. Und in den vergangenen Jahren ist die Zahl der Wohnungslosen, die auf der Straße leben – oder gefährdet sind, dort zu landen – nach Ansicht von Experten stets gestiegen. Verlässliche Zahlen gibt es dazu bisher nicht in der deutschen Hauptstadt, es fehlt auch an tauglichen Versuchen, dem abzuhelfen. Die Bundesarbeitsgemeinschaft (BAG) Wohnungslosenhilfe spricht von knapp 40 000 Obdachlosen bundesweit, davon könnten allein in Berlin rund 7000 leben, so lauten Schätzungen. Zum Vergleich: Die Stadt Hamburg, halb so groß wie Berlin, zählte 2014 gut 2000 Obdachlose. Auch diese Zahl ist unsicher.

In Berlin kommen viele von ihnen inzwischen aus Osteuropa, vor allem aus den EU-Ländern Rumänien, Bulgarien, Polen. In vielen Anlaufstellen seien es schon deutlich mehr als die Hälfte, sagt Hermann Pfahler, Sprecher der Berliner Landesarmutskonferenz, einem Bündnis von mehr als 60 sozialen Organisationen. Manche kommen, weil es hier überhaupt Hilfe gibt. Manche haben hier gearbeitet und dann den Job verloren. Immer mehr junge Leute seien dabei, und immer mehr Frauen. Der ohnehin angespannte Wohnungsmarkt gibt für sie nichts mehr her. „Es sind Gestrandete“, sagt Pfahler.

Der rot-rot-grüne Berliner Senat, der sich dem Ziel einer sozialen Stadt verschrieben hat, versucht jetzt mit einem Maßnahmenpaket die Situation von Wohnungslosen entscheidend zu verbessern. So will Sozialsenatorin Elke Breitenbach (Linke) nicht nur die Not-Schlafplätze im Winter, organisiert von der Berliner Kältehilfe, von aktuell 755 auf 1000 Betten bis Ende März aufstocken lassen. Es soll insgesamt eine Neuaufstellung der Berliner Wohnungslosenhilfe kommen, deren Leitlinien seit fast zwei Jahrzehnten nicht mehr geändert wurden. Dazu zählt gerade auch die wirksame Prävention von Obdachlosigkeit. So soll die Zahl der von landeseigenen Wohnungsgesellschaften vorgehaltenen Wohnungen für besonders Bedürftige (im „geschützten Segment“) auf 2500 Wohnungen annähernd verdoppelt werden.

17.000 Wohnungslose

Auch eine langjährige Experten-Forderung wird umgesetzt: Die Senatssozialverwaltung will, nach Nordrhein-Westfalen erst als zweites Bundesland überhaupt, eine Wohnungslosenstatistik einführen, in der auch etwa drohende Räumungsklagen erfasst sind, damit (besser ausgestattete) Behörden und Beratungseinrichtungen frühzeitig reagieren können. Laut Senatsverwaltung gibt es derzeit rund 17.000 Wohnungslose in Berlin, die nicht auf der Straße, sondern in Heimen, Hostels und anderen Unterkünften leben – darunter auch knapp 6800 Flüchtlinge.

Werena Rosenke von der BAG Wohnungslosenhilfe verspricht sich davon einen nachhaltigeren Ansatz als bisher. Die großen deutschen Städte – Berlin, Hamburg, Köln, Stuttgart – hätten ihre Winterhilfen inzwischen alle recht gut organisiert. Doch das lindert nur die größte Not. „Das Hauptproblem bleibt natürlich, dass es insgesamt zu wenig günstige Wohnungen gibt“, sagt Rosenke.