Zukunft des Eissports: Was denkt der Präsident des Berliner Eissportverbandes?

Haben angesichts von Energiepreisschock und Klimawandel Schlittschuhlaufen, Eishockey und Kunstlauf eine Zukunft? Ein Gespräch mit dem Chef des Berliner Eissportverbandes. 

Schlittschuhläufer im Horst-Dohm-Eisstadion in Wilmersdorf
Schlittschuhläufer im Horst-Dohm-Eisstadion in WilmersdorfIMAGO/SVEN LAMBERT

Kunsteis sei der „teuerste Sportboden“ der Welt, hat ein Berliner Eismeister einmal gesagt. Fakt ist: Es kostet viel Energie, Flächen zu vereisen – in der Halle und erst recht draußen, wenn Sonne, Wind und milde Temperaturen am gefrorenen Wasser nagen. 60.000 bis 70.000 Kilowattstunden pro Monat sind nach Angaben des Bezirksamtes Mitte nötig, um das Eis auf der Außenfläche des Erika-Heß-Eisstadions zu halten. Das entspricht dem monatlichen Stromverbrach von 240 bis 280 Haushalten.

Eishalle als Impfzentrum genutzt

Um Energiekosten zu sparen, verlegten die Bezirke den Start der Eissaison in diesem Jahr um vier bis sechs Wochen nach hinten – auf den 1. Dezember. Die Außenfläche des Erika-Heß-Eisstadions ist inzwischen schon abgetaut. Aber nicht aus Energiespargründen, sondern wegen eines technischen Defekts. Nach nur sechs Wochen war die Saison für die breite Öffentlichkeit schon wieder vorbei. Überhaupt nicht eröffnet wurde bislang das Neuköllner Eisstadion, wo seit Herbst versucht wird, die kaputte Kühlanlage zu reparieren. Beide Ausfälle gehen zulasten der Schlittschuhläufer, die durch die Corona-Pandemie generell und speziell – die Halle des Erika-Heß-Eisstadions wurde lange als Impfzentrum genutzt – gelitten haben. Was bedeuten Wartungsdefizite, Energiekrise und Klimawandel für den Eissport? Synthetisches Eis hält Alexander Hedderich, der Präsident des Berliner Eissportverbandes, jedenfalls nicht für eine vollwertige Alternative.

Herr Hedderich, im vergangenen Jahr haben Sie von einer „verheerenden Situation“ für den Berliner Eissport gesprochen. Damals war der Totalausfall der Wilmersdorfer Anlage zu beklagen und in Hohenschönhausen war eine Halle über Wochen nicht nutzbar. In diesem Winter ist das Neuköllner Eisstadion zu, im Wedding ist die Außenfläche nach nur sechs Wochen abgetaut. Wie beurteilen Sie die aktuelle Lage?

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Berliner Eissportverband
Zur Person
Alexander Hedderich, 57, ist seit August 2021 der Präsident des Berliner Eissportverbandes. Neben seinem Ehrenamt ist Hedderich, der lange Jahre der Chefstratege der Deutschen Bahn war,  als selbstständiger Unternehmer tätig.

Im Berliner Eissportverband sind 22 Vereine mit rund 4000 Mitgliedern organisiert. Hedderich selbst ist Mitglied im FASS Berlin, dem mit 60 Jahren ältesten noch bestehenden Eishockeyverein in Berlin.

Durch den späteren Saisonstart auf sämtlichen Außenflächen fehlten uns Kapazitäten im Oktober und November. Mit dem Ausfall jetzt in Neukölln und Wedding kommen wir aktuell auf ein Defizit von elf bis zwölf „Eismonaten“. Insgesamt sind die Auswirkungen auf den Vereins- und Schulsport aber eher gering. Deutlich stärker betroffen ist die breite Öffentlichkeit, die genannten Flächen fehlen den Hobbyeisläufern.

Also alles nicht so schlimm?

Der Publikumslauf ist für den Eissport schon auch wichtig, viele Menschen – auch Kinder – bekommen dadurch einen Zugang zu Kunstlauf oder Eishockey; zudem ist der Spaß an der Bewegung auf dem Eis ist nicht zu unterschätzen. Wir würden uns daher sehr wünschen, schnell zur vollen Kapazität zurückzukehren. Berlin verfügt über zwölf  Eisflächen insgesamt. Das ist eigentlich eine ganz gute Ausstattung für die rund 4000 Mitglieder in den Berliner Eissportvereinen.

Weitere Eisbahnen
  • Eisbahn im Sportforum Hohenschönhausen: Täglich außer Sonntag 19 bis 21 Uhr, dienstags, mittwochs, donnerstags und sonntags auch 10.30 bis 12.30 Uhr, sonnabends 16 bis 18 Uhr, sonntags auch 15 bis 17 Uhr.
  • Horst-Dohm-Eisstadion Wilmersdorf: Montag bis Freitag 9 bis 13 Uhr (400-Meter-Ring und Innenfläche), 16.15 bis 18 Uhr (Innenfläche) sowie 19.30 bis 22 Uhr (Ring). Samstag 10 bis 13 Uhr, 13 bis 14.30 Uhr (Innenfläche), 14.30 bis 17.30 Uhr, 19 bis 22 Uhr, 17.30 bis 20.30 Uhr (Innenfläche), Sonntag 10 bis 12 Uhr, 13 bis 15 Uhr, 16.30 Uhr bis 18 Uhr sowie Innenfläche 10 bis 13 Uhr und 14 bis 17 Uhr.
  • Eisbahn Lankwitz: Montag 10 bis 13 Uhr, Dienstag bis Donnerstag 10 bis 15.30 Uhr, Freitag 10 bis 18 Uhr, Samstag 12 bis 21 Uhr, Sonntag 12 bis 18 Uhr.
  • Eissporthalle Charlottenburg: Montag 14.30 bis 16.30 Uhr, Dienstag bis Donnerstag 9.30 bis 11.30 Uhr, 12 bis 14 Uhr, 14.30 bis 16.30 Uhr sowie Freitag 9.30 bis 11.30 Uhr. Am Wochenende kein öffentlicher Eislauf.
  • Eisbahn Rübezahl (Köpenick): Dienstag bis Freitag 13 bis 15 Uhr, 15.30 bis 18.30 Uhr, Samstag, Sonn- und Feiertage 10 bis 12.30 Uhr, 13 bis 16.30 Uhr, 17 bis 19.30 Uhr.
  • Eisstrand Friedrichshagen: Montag bis Freitag 12 bis 13.30 Uhr, 14 bis 15.30 Uhr, 16 bis 17.30 Uhr, 18 bis 19.30 Uhr, Samstag, Sonn- und Feiertage 10 bis 11.30 Uhr, 12 bis 13.30 Uhr, 14 bis 15.30 Uhr, 16 bis 17.30 Uhr, 18 bis 19.30 Uhr.

Wegen der Energiekrise stand der Betrieb von Eissportanlagen in mehreren Kommunen zur Disposition. Der Bezirk Mitte hat den Eisaufbau in der Halle des Erika-Heß-Stadions im Sommer kurzzeitig stoppen lassen, erst nach Protesten Ihres Verbandes und des Landessportbundes wurde die Anlage dann doch präpariert ...

Die Diskussionen gab und gibt es deutschlandweit, und ich verstehe das. Auch dass die politischen Entscheidungsträger zunächst verunsichert und zögerlich waren. Anfangs haben wir aufgrund der Energiekrise noch über Stromabschaltungen für Haushalte und Industrie diskutiert. Letztendlich wurden dann aber doch alle Eisanlagen in Betrieb genommen.

Einerseits sind wir alle aus gutem Grund zum Energiesparen angehalten, andererseits fressen die zum größten Teil jahrzehntealten Eisanlagen große Mengen Energie. Durch energetische Sanierungen der Eisbahnen könnte viel Strom gespart werden, allein schon durch die Überdachung der Außenanlagen. Wissen Sie von entsprechenden Plänen?

Nein, davon ist mir nichts bekannt. Zuletzt wurde eine der Eisflächen des Erika-Heß-Eisstadions überdacht, das war aber schon in den 80er-Jahren. Und eine der drei Hallen in Hohenschönhausen wurde vor etwa zwei Jahren saniert. Alle anderen Anlagen – mit Ausnahme der Charlottenburger Halle – sind Jahrzehnte alt. Prinzipiell halten wir die energetische Sanierung der Anlagen für sehr sinnvoll, vielleicht muss auch an Neubauten gedacht werden.

Dass die Eissportanlagen in die Jahre gekommen sind, zeigen ja auch die vielen durch technische Defekte bedingten Ausfälle im vergangenen und in diesem Winter ...

Das stimmt. Wir würden uns wünschen, dass zukünftig der Funktionscheck dieser Anlagen – so weit möglich – bereits im Sommer vorgenommen wird. Dann ist noch genug Zeit, um mögliche Defekte bis zum Saisonstart zu beheben. Es ist schon auffällig, dass die technischen Probleme zuletzt immer bei der Inbetriebnahme im Herbst zutage traten und dann Trainingsbetrieb und Publikumslauf beeinträchtigten.

Längst wird an Alternativen zum Kunsteis aus gefrorenem Wasser gearbeitet. Was halten Sie von synthetischem Eis?

Ich habe mir verschiedene solcher Flächen angesehen, das muss man auf alle Fälle im Auge behalten. Im Moment ist das noch keine vollwertige Alternative. Am ehesten ist das synthetische Eis für Kinder einsetzbar, denn seine Gleitfähigkeit ist umso besser, je leichter der Läufer ist. Synthetisches Eis könnte eine wertvolle Ergänzung von Trainingskapazitäten besonders im Nachwuchsbereich sein. Aber für Eiskunstlaufwettbewerbe oder Eishockeyspiele ist es noch nicht tauglich.

Der Energie-Lockdown und der Klimawandel können dem Eissport nichts anhaben?

Das ist das Ziel.

Interview: Susanne Rost.