Ein Altenpfleger und Mann mit Rollator im Hausflur. Wie gehen die Heime in den Corona-Winter?
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BerlinAn dem Tag, an dem eine Heimbewohnerin an Corona erkrankte, brach in dem Pflegeheim in Lichtenberg die Angst aus. Die 80-jährige Frau klagte vergangene Woche über Übelkeit, erbrach sich. Fieber hatte sie nicht. Die Heimleitung ließ sie sicherheitshalber in ein Krankenhaus einweisen.

„Und dort wurde sie positiv auf Corona getestet“, sagt Martina Müller (Name geändert). Sie ist Pflegerin und arbeitet in dem Heim mit den 148 Betten in fünf Wohnbereichen. Müller: „Danach folgten für unsere Heimbewohner und Pfleger Tage der Unsicherheit.“

Es ist ein Fall aus einem Pflegeheim, der wohl kein Einzelfall bleiben wird. Die zweite Corona-Welle rollt heran. Viele befürchten einen erneuten Lockdown. Doch sind die Einrichtungen, die Altenheime, die Behörden und Gesundheitsämter gewappnet? Gibt es genug Tests und Vorsorgemaßnahmen, um gerade auch die älteren, schwächeren Menschen der Gesellschaft zu schützen? Und vor allem Strategien, um schnellstmöglich handeln zu können? 

Ein Kollege arbeitete noch tagelang weiter. Er war erkältet, das wussten wir alle. Erst ein paar Tage später wurde er nach Hause geschickt, weil sein Testergebnis inzwischen da war. Er war positiv.

Pflegerin Martina Müller 

Für Martina Müller, ihre Kollegen und die Heimbewohner begann am Tag, als Covid-19 in dem Heim ausbrach, ein Bangen und Warten. „Einen Tag darauf informierte die Leitung das Gesundheitsamt Lichtenberg.“ Der Direktor sei daraufhin von der Behörde gebeten worden, die Tests dort selber abzuholen.

Martina Müller: „Wir dachten, die kommen zu uns und testen uns alle. Doch es geschah nichts.“ Als endlich alle getestet waren, mussten sie tagelang auf die Ergebnisse warten, so die Pflegerin. „Ein Kollege arbeitete noch tagelang weiter. Er war erkältet, das wussten wir alle. Erst ein paar Tage später wurde er nach Hause geschickt, weil sein Testergebnis inzwischen da war. Er war positiv.“

Inzwischen sind mehrere Pflegekräfte in Quarantäne geschickt worden. „Was uns so verunsichert hat, war, dass man damit so allein gelassen wurde. Wir haben alte, kranke Menschen zu pflegen. Wir müssen sie und auch uns schützen.“ Hinzu komme, dass es kaum Ersatz gebe, wenn sie als Pfleger auf den Stationen ausfielen. „Wir arbeiten mit einem Leasingdienst zusammen, doch als die Mitarbeiter dort hörten, sie sollen in einem coronainfizierten Pflegeheim einspringen, haben die dankend abgewunken.“

Sind die Alten- und Pflegeheime Berlins ihrer Meinung nach auf eine zweite Welle vorbereitet? „Ja, das sind sie schon. Es gibt Pandemiepläne, wir halten anderthalb Meter Abstand und wir messen täglich Fieber, tragen Schutzkleidung und Mundschutz. Nur wenn ein Ernstfall eintritt, das sieht man ja jetzt, sind alle Seiten überfordert. Sei es das Gesundheitsamt, die Mitarbeiter oder die Verwaltung. Bis heute sind manche Testergebnisse nicht bei uns angekommen. Man ist so im Ungewissen und fühlt sich wie Kanonenfutter.“

Sind Schnelltests die Lösung? 

Das Pflegeheim ist seit vergangener Woche für Besucher geschlossen. Die Heimleitung bestätigte die Infektionsfälle. Eine Sprecherin: „Alle entsprechenden Hygienemaßnahmen nach RKI-Standard sind umgesetzt. Wir sind im Kontakt und Abstimmung mit dem Gesundheitsamt.“ Werden weitere Heime folgen?  

Eine Sprecherin der Caritas Altenhilfe in Berlin: „Wir sind auf eine zweite Welle vorbereitet. Diesmal müssen wir allerdings genau abwägen, wie der Schutz der Hausbewohner und auch Pfleger gesichert ist, ohne dass die Menschen vereinsamen.“ Auch dort machte man Erfahrungen mit dem Testverfahren. „Mit dem PCR-Test ist es schwierig, wir mussten ganz stark mit den Amtsärzten und den Gesundheitsämtern in Kontakt treten, um Tests und Ergebnisse zu erhalten.“ Zurzeit arbeite die Caritas daran, Schnelltests zu bekommen. Doch wann diese verfügbar seien, sei unklar. 

Diakonie-Präsident Ulrich Lilie warnte bereits im August davor, dass  Deutschlands Pflegeheime - allen gegenteiligen Beteuerungen zum Trotz - denkbar schlecht vorbereitet seien. Noch immer fehle es flächendeckend an Desinfektionsmitteln und Schutzkleidung. Statt effektiv zusammenzuarbeiten, traktierten Gesundheitsämter, Ministerien, Kommunen und das Robert-Koch-Institut die Heime mit sich widersprechenden Anforderungen und Anweisungen.

Was Lilie besonders erboste: Die Erfahrungen aus der ersten Welle seien folgenlos geblieben, eine systematische Aufarbeitung sei nicht erfolgt. Es seien keine Schlüsse gezogen worden. Entsprechend groß sei die Angst in den Einrichtungen jetzt in Hinblick auf die zweite Welle.

Und auch der BIVA-Pflegeschutzbund schlug Alarm. Man müsse die Erfahrungen aus der Pandemie nutzen und Fehler vermeiden - insbesondere eine soziale Isolation der Pflegeheimbewohner. Dies sowie ausbleibende Therapie- und Betreuungsangebote führten zu Depressionen, Selbstmordgedanken und sogar Selbsttötungen aufgrund der sozialen Vereinsamung.

In einem Positionspapier heißt es: „Ohne Zweifel sind alte Menschen eine besonders verletzliche Gruppe, die in besonderer Weise vor Ansteckung geschützt werden muss. Aber viele negative Auswirkungen wären zu vermeiden gewesen, wenn behördliche Entscheidungen besser durchdacht und von Heimseite bewohnerfreundlicher umgesetzt worden wären. Es darf nicht Sinn von Verordnungen sein, dass die Menschen, die geschützt werden sollen, massiv in ihren Grundrechten und ihrer Freiheit beschnitten werden.“

Wir brauchen einen Perspektivwechsel. Wir müssen die Sorgen, die Angst, die Verzweiflung, auch das Gefühl der Ohnmacht der Angehörigen unbedingt ernst nehmen.

Pflegekritiker Claus Fussek 

So sieht das auch Deutschlands oberster Pflegekritiker, Buchautor und Sozialarbeiter Claus Fussek aus München. Er weist schon seit Jahrzehnten immer wieder öffentlich auf Missstände hin. Er sieht sich als Stimme  der Schutzbedürftigen und spricht sich für mehr Selbstbestimmung der Heimbewohner aus. In der Krise sieht Fussek auch eine Chance, das Thema Pflege generell stärker in den Fokus zu rücken. Er sagt: „Man kann zurzeit nicht sagen, wie die Einrichtungen gewappnet sind. Das ist pauschal nicht zu beantworten.“ Es gäbe Pflegeheime, die auf eine zweite Welle vorbereitet seien, andere nicht. „Es ist eine echte Herausforderung.“

Fussek fordert „eine angstfreie und ehrliche Kommunikation“ sowie eine Grundsolidarität zwischen allen. Fussek ist selbst pflegender Angehöriger und sagt: „Wir brauchen einen Perspektivenwechsel. Wir müssen die Sorgen, die Angst, die Verzweiflung, auch das Gefühl der Ohnmacht der Angehörigen unbedingt ernst nehmen. Und die Angehörigen brauchen ehrliche Auskünfte und dürfen nicht mit dem Satz ‚Ihrer Mutter geht es gut‘ abgespeist werden. Wir dürfen die Pflegekräfte mit dieser Herausforderung nicht alleine lassen, sondern brauchen zusätzlich Sozialarbeiter, psychologisch und palliativ geschulte Mitarbeiter. Wichtig kann allein schon sein, dass am Empfang ein freundlicher und qualifizierter Mensch sitzt, der sagt: ‚Ich kann Sie gut verstehen‘.“