Leergeräumte Supermarktregale sind nur ein Indikator von vielen, dass Corona entgültig Panik in den Köpfen der Menschen ausgelöst hat. 
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BerlinEs ist leicht, eine Klinke nach unten zu drücken, eine Tür nach außen aufzustoßen, ohne dabei die Hände zu benutzen. Es ist allerdings weitaus schwieriger, diese Alltagsübung zu wiederholen, wenn man wieder rein will; und wenn nur ein Ellenbogen oder höchstens die Unterarme zum Einsatz kommen sollen. Ich habe mehrere Menschen dabei beobachtet, wie sie versuchten, die zwischen Elle und Speiche geklemmte Türklinke zu ziehen, um dann auf Beinarbeit zu wechseln.

Eine Frau hatte ihre Technik bereits so verfeinert, dass sie bestimmt Nachahmer finden wird. Ein Mann scheiterte an den Selbstschließkräften einer Bürozwischentür – mit Knauf! – und dachte laut fluchend darüber nach, nur noch mit Handschuhen aus dem Haus zu gehen. Das Coronavirus steht zurzeit für die härteste Türpolitik der Welt. Wer drin ist, der sollte besser drinbleiben.

Kein Bussi, keine Umarmung und kein Händeschütteln

Wer trotzdem rausgeht, bleibt oft auf Distanz zu den anderen, hält den empfohlenen Rangierabstand von mindestens einem Meter ein, um nicht in einen ansteckenden Tröpfchenflug zu geraten. Man berührt sich auch nicht mehr zur Begrüßung. Kein Bussi, keine Umarmung, kein Händeschütteln oder Einklatschen mehr. Augenkontakt muss reichen, manche fäusteln oder füßeln, und die früher weit Gereisten sollen kontaktlose Grußgesten wie „Namaste“ (Indien), „Gasshoo“ (Japan), „Thai wai“ zelebrieren. Sieht man jedenfalls ständig in den Timelines.

Jeder ist ja irgendwie verdächtig, Glied einer Infektionskette zu sein. Wir werden zu argwöhnischen Beobachtern. Die einen aus Selbstschutz. Andere aus Solidarität. Was ist mit der Frau in der Supermarktschlange, die ihr Niesen mit einer allergischen Reaktion erklärt? Was mit dem Mann am Bankschalter, der zu sonnenbraun ist im Gesicht, um die vergangenen Wochen in Quarantäne verbracht zu haben? Oder dem verrotzten Handwerker, den ich rief und jetzt wieder ausladen würde, wäre da nicht die Sache mit der Geschirrspülmaschine? In die – Virenkomplettschutzprogramm ein – würde ich mich am liebsten hineinlegen jeden Abend.

Und Moment mal, vor ein paar Tagen, soziale Kontakte standen noch nicht auf der Streichliste – hat da diese in die Hand hustende Frau am Tresen ihren Bartoilettengang nicht etwas zu vorzeitig beendet? Wusste sie vielleicht noch nicht, dass zweimal „Happy Birthday“ singen oder einmal das „Vater Unser“ aufsagen die neuen Zeiteinheiten sind fürs Händewaschen? Überall hängt doch jetzt der Fünfstufenplan: nass machen, rundum einseifen, Zeit lassen, gründlich abspülen, sorgfältig abtrocknen.

Überall hängt der Fünfstufenplan fürs Händewaschen

Noch präziser ist die Anleitung der der Apotheken Umschau, die ihr Plakat „Coronavirus, Die wichtigsten Informationen für Ihre Gesundheit“ in U-Bahnhöfen präsentiert und im Internet zum Download bereit hält. Dort findet sich der waschdienliche Hinweis: „Nehmen Sie sich bewusst auch Fingerspitzen und Daumen vor.“

Man kann dem Virus trotzdem nicht entkommen, weil es bereits jeder in sich trägt. Wir haben uns längst infizieren lassen mit Sorgen und Ängsten. Kaum ein Gespräch bleibt noch unberührt von den Folgen dieser Pandemie. Irgendjemand kennt ja immer irgendjemanden, der, die, das und jenes erlebt hat. Früher gab es Millionen Bundestrainer. Heute wollen alle Chefvirologen sein. Freunde sprechen plötzlich von Letalität und Basisreproduktionszahlen, Bekannte erklären exponentielles Wachstum. Und wer zu Dystopien neigt, sehnt bereits die ersten Plünderungen herbei.

Gegen das Coronavirus gibt es keine Therapie, keinen Impfstoff, wir tragen noch keine natürlichen Antikörper in uns. Was wir haben: Viel Zeit, um an unserer Türklinkentechnik zu feilen.


Wir reisen nicht mehr, gehen nicht zur Arbeit und ins Theater. Unter Corona fährt unser Leben runter. Was bleibt ist viel Zeit und die Möglichkeit, neue Formen des Zusammenlebens auszuprobieren. Einige Betrachtungen am Rande einer Krise: