Mein innerer Berliner reagiert ganz empfindlich auf gefährliche Dummheit. Also wenn jemand zum Beispiel eine Leiter auf einen wackeligen Tisch stellt und obendrauf noch einen umgedrehten Eimer, weil er sonst nicht an die Dachrinne rankommt – und der besoffene Freund dann noch alles festhalten soll. Oder wenn einer in den Lauf einer geladenen Waffe guckt, während ein anderer am Abzug spielt. So etwas endet meist fatal.

Es gibt aber auch gefährliche Dummheit, die nicht nur den Akteuren selbst schadet, sondern vielen anderen. In der Politik ist es etwa die Idee, sich „unser altes Land zurückzuholen“. Das nennt sich Revanchismus und führt regelmäßig zu blutigen Kriegen.

Mein alter Schulfreund erzählt zum Beispiel manchmal etwas nostalgisch, dass seine Vorfahren einst irgendwo im Osten – wo die Leute heute Polnisch sprechen – einen großen Hof mit Land besaßen. Unserer Familie geht es ähnlich. Würde jetzt aber jemand sagen: „Dit is allet unjerecht. Ick zieh’ jetze los und hol mir dit alte Land von meene Familie zurück“, dann wäre mein innerer Berliner sofort munter. „Biste blöde?“, würde er rufen. „Wat willste denn da? Lass doch die Leute in Ruhe, niemand kann die Jeschichte zurückdrehn.“

Sollte das römische Weltreich wiederbelebt werden?

Wladimir Putin hat leider keinen inneren Berliner, sondern offenbar einen inneren Sankt Petersburger im Ohr, in kitschiger Zarenuniform. Der brabbelt unablässig: „Denk an Peter den Großen! Der war kein liberaler Schwächling. Der hat sich einfach geholt, was er wollte. Es gibt auch immer einen Grund, sich was zurückzuholen. Denn es leben ja schließlich überall Russen, nicht wahr, Eure Majestät, Wladimir der Große! Übrigens auch in Berlin!“

Man stelle sich vor, ein Politiker im schönen Rom hörte morgens plötzlich eine Stimme: „Ave, mein Freund! Ich bin dein innerer dictator perpetuo, olle Caesar. Ich glaube, es ist an der Zeit, in der wir uns alles wieder zurückholen, was irgendwann einmal römisch war.“ Der Politiker würde ins Parlament eilen und sofort eine Rede halten, in der es heißt, man erhebe im Ganzen oder in Teilen Anspruch auf: Frankreich, Spanien, Portugal, Großbritannien, Deutschland, die Türkei, den Balkan, den Nahen Osten, Nordafrika und so weiter. Detaillierte Forderungen folgten in den nächsten Tagen.

Stralsund, Wismar und Rügen standen einst unter schwedischer Herrschaft

„Nöö“, würden die Franzosen sofort rufen oder besser: „Non – wenn ihr so anfangt, dann holen wir gleich mal die napoleonischen Landkarten von 1812 hervor! Dann haben wir euch Italiener gleich wieder im Sack! Und viele andere ebenfalls. Vive l’Empereur!“ Die Schweden würden sich die Augen reiben und sagen: „He, warum immer nur ihr? Wir holen gleich die ‚Vasa‘ aus dem Museum und lassen sie schwimmen, aber dieses Mal richtig!“ Und dann würden sie gucken, wo einst die Wikinger überall waren (ja, auch in Russland!) und ob man sich nicht gleich Finnland zurückholen könne. Und Stralsund, Wismar und Rügen, die einst alle unter schwedischer Herrschaft standen.

Die Frage ist ja: Wie weit geht man beim Revanchismus zurück? Jahrhunderte, Jahrtausende? Und in welcher Reihenfolge arbeitet man die verschiedensten Ansprüche ab? Da sind wir dann die nächsten Jahrzehnte schön beschäftigt, Kriege zu führen, während alle anderen Probleme (Welthunger, Klimawandel, Wassermangel, pipapo) liegen bleiben und rings umher alles vertrocknet und verbrutzelt. Hoffentlich haben nicht noch mehr Politiker einen kleinen Mann im Ohr.