BerlinNeukölln hat ein massives Problem mit der steigenden Zahl von Coronainfizierten. Mittlerweile liegt der Inzidenzwert pro 100.000 Einwohner bei fast 200. Dass der Landkreis Berchtesgaden dem Bezirk nun den Rang abgelaufen hat als größter Covid-19-Hotspot Deutschlands, findet Gesundheitsstadtrat Falko Liecke nicht beruhigend. Im Gespräch erklärt er, warum Neukölln von der Pandemie so schwer betroffen ist und wie das Gesundheitsamt die Zahl der Infizierten verringern will.

Herr Liecke, wie starten sie derzeit jeden Morgen in Ihren Arbeitstag?

Als Erstes checke ich immer die Datenlage. Ich schaue, wie sich die Zahlen entwickelt haben, lese den Lagebericht.

Wie sieht es denn aus in Neukölln?

Nicht gut. Die Sieben-Tage-Inzidenz lag im Bezirk gestern bei über 190. Damit hat Neukölln die höchste Zahl von Infizierten. Gefolgt von Mitte mit einem Wert von 141 und Friedrichshain-Kreuzberg mit 113.

Immerhin steht Ihr Bezirk jetzt nicht mehr an der absoluten Hotspot-Spitze. Die hat der Landkreis Berchtesgadener Land seit Montag inne.

Das ist für mich kein Grund zum Jubeln. Dadurch schrumpft bei uns die Zahl der Infizierten ja nicht. Interessanterweise haben wir in Berlin ein Ost-West-Gefälle. Im Ostteil der Stadt gibt es deutlich weniger Infektionen als im Westteil. Und in der Mitte der Stadt, also auch in Neukölln, explodiert das Infektionsgeschehen.

Warum ist das so?

Ich denke, dass das etwas mit der Mentalität und der Bevölkerungsstruktur zu tun hat. Wir haben in den Innenstadtbezirken einen hohen Anteil von Migranten und einen hohen Anteil armer Menschen, da spielen oftmals Bildungsarmut und wirtschaftliche Armut eine Rolle. Ich denke, dass viele nicht verstehen, was wir von ihnen wollen, und sich deshalb auch nicht an die Regeln halten.

Dann ist das Infektionsgeschehen ein soziales Problem?

Auch. Hier leben in bestimmten Schichten größere Familienverbände in beengten Wohnverhältnissen. Größere Wohnungen können sie sich nicht leisten, und sie haben auch nicht die Möglichkeit, einfach mal in den Garten zu gehen. Diese Menschen sind jetzt besonders hart vom Infektionsgeschehen betroffen.

Aber das ist nicht der einzige Ursache für die vielen Infizierten, oder?

Es gibt noch andere relevante Gründe. Wir haben in Neukölln viele junge Leute, ein internationales Publikum, das unterwegs ist, um Party zu machen, zu feiern, Spaß zu haben. Junge Menschen, die sich keine Gedanken machen, was eigentlich in Berlin los ist. Diese Partyszene gibt es nach wie vor. Schauen Sie sich die Weserstraße an oder den Richardkiez. Die Kneipen sind voll, die Menschen sind ausgelassen, singen und tanzen. Das führt natürlich dazu, dass sich das Virus wunderbar ausbreiten kann. Aber nicht nur die Partyszene ist ein Problem.

Berliner Zeitung/Sabine Gudath
Falko Liecke

wurde in Berlin geboren. Er hat Verwaltungswissenschaften studiert. Von 2009 bis 2011 war der 47-Jährige Stadtrat für Bürgerdienste und Gesundheit in Neukölln. Seit Oktober 2011 ist der Familienvater Stadtrat für Jugend und Gesundheit sowie stellvertretender Bürgermeister des Bezirks. Der CDU Neukölln gehört Liecke seit dem Jahr 1995 an.

Sondern?

Wir hatten sehr viele Feiern auch in den Großfamilien. Allein von Mitte September bis Anfang Oktober fanden sieben Großhochzeiten im Bezirk statt, mit jeweils mehreren Hundert Gästen. Zahlreiche Menschen haben sich dabei infiziert. Aber auch ganz normale Familienfeiern führten zu einem Anstieg der Infektionszahlen.

Konnte der Bezirk diese Feiern nicht verbieten?

Solche großen Feiern wurden erst mit den neuen Maßnahmen am 3. Oktober untersagt. Davor bewegten sich die Feiern im Rahmen des Erlaubten. Zudem hatten wir vor vier Wochen noch schönes Wetter. Die Menschen kamen zusammen, waren ausgelassen. Ich denke, dass in dieser Zeit das Virus in die Bevölkerung eingestreut hat. Nach meiner Theorie durch Menschen, die überwiegend symptomfrei waren. Die auch keinen Anlass hatten, sich testen zu lassen. Mitte September explodierten dann die Fallzahlen, als wenn jemand den Schalter umgelegt hätte.

Und die Fallzahlen steigen weiter. 

Trotz der Herbstferien. Ich hatte gehofft, dass die Zahlen sinken. Weil die Ansteckungsmöglichkeit in den Schulen weggefallen ist.

War sie so hoch?

Wir hatten in mehr als 20 der 60 Schulen im Bezirk Corona-Fälle.

Gibt es im Hotspot Neukölln eine Gegend, die besonders betroffen ist?

Die gibt es nicht mehr. Und das macht es uns so wahnsinnig schwierig, weil wir nicht mehr feststellen können, wo das Virus herkommt. Mitte des Jahres hatten wir mit dem Harzer Kiez einen Cluster, mit dem wir gut umgehen konnten. Wo wir, wenn man so will, den Deckel draufgemacht haben, und dann war gut. Das gelingt uns jetzt nicht mehr.

Das hört sich an, als könnten Sie auf das Virus nur noch reagieren und nicht mehr agieren.

So ist es, wir laufen der Lage hinterher. Wir haben immer einen Überhang an Positivfällen, die wir an einem Tag nicht abarbeiten können.

Was heißt das?

Wenn jemand positiv auf Covid-19 getestet wurde, bekommen wir von den Labors die Meldung. Wir bekommen 100 solcher Meldungen am Tag. Und davon können wir im Zuge der Fallermittlung und der Kontaktnachverfolgung nur 50 abarbeiten.

Warum nicht mehr?

Dafür reicht die Kapazität im Gesundheitsamt einfach nicht.

Und was geschieht mit den 50 liegengebliebenen Fällen?

Sie werden auf den nächsten Tag übertragen. Das heißt, es laufen dann noch 50 Leute in der Gegend herum, die nicht wissen, dass sie das Virus in sich tragen. Sie werden angerufen - aber erst am nächsten Tag, an dem schon wieder neue Fälle aus den Labors gemeldet werden. So wird der Berg immer höher.

Das hört sich an, als hätte Ihr Gesundheitsamt nicht genügend Mitarbeiter.

So ist es. Aber wir werden Ende nächster Woche 200 Kollegen in dem Amt haben. Normalerweise sind es knapp die Hälfte.

Woher kommen diese Mitarbeiter?

Aus anderen Bereichen des Bezirksamtes. Dann gibt es 27 Soldaten der Bundeswehr, die uns unterstützen, und fünf Scouts des Robert-Koch-Instituts. Das sind Mitarbeiter, die uns bei der Fallermittlung helfen. Die also klären, wer, wann, mit wem Kontakt hatte. Dann helfen uns noch zwei Mitarbeiter vom Medizinischen Dienst der Krankenkassen. Und wir haben 26 Jahresverträge besetzt, die zum 1. November greifen.

Es sollte eine zentrale Berliner Hotline geben, wo den Berlinern einfachste Fragen zu Corona beantwortet werden.

Falko Liecke, Gesundheitsstadtrat von Neukölln

Und das ist dann genug Personal?

Nein. Deswegen habe ich mich am Sonntag mit der Gesundheitssenatorin getroffen und vereinbart, dass wir noch einmal 20 Kollegen aus dem Landesamt für Gesundheit und Soziales bekommen und 20 Regierungsinspektoren auf Probe. Ich hoffe, dass wir dann genug Leute haben, um den Überhang an nicht abgearbeiteten Fällen auf Null zu bringen. Die Arbeit ist nun mal sehr personalintensiv. Ein Kollege schafft am Tag ein bis maximal zwei Fälle. 

Das hört sich nicht sehr viel an.

Das ist es aber. Sie müssen den positiv Getesteten telefonisch erreichen. Im Schnitt hatte jeder 20 bis 40 Kontaktpersonen, die informiert werden müssen. Und diese Kontaktpersonen müssen auch alle erreicht werden. Das ist eine echte Herausforderung. Deswegen sagen wir, dass man die Kontakte auf das Nötigste beschränken sollten.

Das hört sich fast aussichtslos an. Wirft man da nicht irgendwann das Handtuch?

Aufgeben kommt nicht infrage. Die Kollegen, die das im Gesundheitsamt machen, sind hochmotiviert. Sie kommen auch am Wochenende, um den Rückstau abzubauen. Und wenn wir dann wirklich 240 Mitarbeiter im Gesundheitsamt haben, bin ich relativ guter Dinge, dass wir die Lage schnell in den Griff bekommen. Darüber hinaus haben wir eine Allgemeinverfügung erlassen, die jetzt alle Bezirke übernehmen wollen.

Was beinhaltet sie?

Sie hat den Zweck, uns zu entlasten. Das Gesundheitsamt kann nun Dritte beauftragen, die Quarantäne-Mitteilung zu überbringen.

Das müssen Sie erklären.

Wenn wir beispielsweise in einer Schule, in der Klasse 10a, eine positiv getestete Lehrerin haben, dann war es früher so, dass die Information an das Gesundheitsamt ging. Dann fingen wir an, Lehrer, Schüler und Eltern anzurufen. Das war ein riesiger Aufwand. Jetzt bitten wir die Schule: Macht das bitte für uns und teilt gleich mit, dass auf Anordnung des Gesundheitsamts die Kontaktpersonen in Quarantäne müssen. Das ist viel einfacher, weil die Schule sowieso die Kontaktdaten hat.

Die erlassenen Kontaktbeschränkungen des Senats greifen nicht - auch nicht in Neukölln. Welche Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie können Sie treffen?

Das Wichtigste ist, die Betroffenen für 14 Tage in Quarantäne zu schicken. Derzeit befinden sich im Bezirk 2095 Personen in häuslicher Isolation.

Und die halten sich alle an die Quarantäne?

Natürlich ist es schwer, das zu kontrollieren. Aber die Menschen haben auch eine Eigenverantwortung. Man kann nicht alles beim Gesundheitsamt abladen. Jeder muss sich fragen, ob er sich unbedingt mit Freunden treffen, ob er unbedingt in die Kneipe und bis nachts, ich sage das mal so krass, saufen muss.

Wird auch kontrolliert, ob die Hygieneregelung in den Kneipen eingehalten wird oder das Alkoholverkaufsverbot nach 23 Uhr?

Da haben wir nach wie vor ein massives Kontrolldefizit. In der Sommerphase, als die Fallzahlen sanken, haben wir es versäumt, die Ordnungsämter mit mehr Personal auszustatten. Da lag das Hauptaugenmerk bei den Gesundheitsämtern.

Was bedeutet das für das Neuköllner Ordnungsamt?

Die Mitarbeiter arbeiten von 6 bis 24 Uhr in drei Schichten. Pro Schicht sind vier Fahrzeuge mit jeweils zwei Mitarbeitern auf der Straße, sofern niemand krank oder im Urlaub ist. Das ist natürlich ein Witz. Das ist quasi nichts für einen 330.000 Einwohner zählenden Bezirk. Deshalb hilft uns massiv die Polizei. Die Kollegen schrubben gerade Überstunden ohne Ende. Aber auch das reicht nicht, sodass uns nun noch die Bundespolizei unterstützt.

Damit sind umfassende Kontrollen möglich?

Nein, auch noch nicht. Deshalb habe ich vorgeschlagen, auch noch den Zoll heranzuziehen. Und vielleicht könnten uns unsere Nachbarn aus Brandenburg auf dem Wege der Amtshilfe mit Einsatzhundertschaften unterstützen, damit wir an den Wochenenden Schwerpunkteinsätze fahren können. Das wäre ein Signal an alle Feierwütigen: Die Party is over. Ich wünsche mir auch, dass wir Kneipen oder Spätis, die sich nicht an die Regeln halten, 14 Tage zumachen zu können.

Quarantäne und Kontrollen gibt es derzeit. Was ist, wenn das alles nichts bringt? Können Sie sich einen Lockdown für Neukölln vorstellen?

Ein Lockdown sollte, so weit es irgend geht, verhindert werden. Er wäre fatal für Familien und die Wirtschaft und würde die Akzeptanz aller Maßnahmen in der Bevölkerung vermutlich auf einen absoluten Nullpunkt bringen.

Können Sie sich vorstellen, Neukölln abzusperren wie das Berchtesgadener Land?

Das bin ich auch in der Fraktionssitzung gefragt worden. Aber wie soll das gehen? Wir haben keine Grenzen, und man kann ja nicht die U-Bahn unter Neukölln ohne Halt durchfahren lassen. Wir hatten schon vor Wochen ein Treffen mit der Gesundheitssenatorin, in dem über Maßnahmen für die Innenstadt nachgedacht wurden, über strengere Regelungen innerhalb des S-Bahn-Rings. Weil von dort die meiste Gefahr ausgeht. Ich hätte diese Maßnahmen für sinnvoll gehalten.

Aber?

Es gab Bedenken, dass sich dann das Geschehen in die Außenbezirke verschiebt.

Sind Sie ein Freund der Sperrstunde?

Ich finde die Regelung richtig. Aber das Gericht hat gesagt, sie wäre unverhältnismäßig. Meine Befürchtungen sind nun, dass es weitere Einschränkungen im kulturellen und Freizeitbereich geben wird. Damit würde das Argument ausgehebelt, die verschärften Maßnahmen beträfen nur die Gastronomie.

Was müsste Ihrer Meinung nach im Kampf gegen die Pandemie verbessert werden?

Ich finde es nicht gut, dass die Informations- und Aufklärungskampagne nicht aus einer Hand für diese Stadt läuft. Das eine kommt von der Wirtschaftssenatorin, das andere aus dem Gesundheitsressort. Es sollte auch eine zentrale Berliner Hotline geben, wo den Berlinern einfachste Fragen zu Corona beantwortet werden. Das würde die Hotlines der Gesundheitsämter in den Bezirken entlasten. Mittlerweile hat auch die Gesundheitssenatorin erkannt, dass so ein First Level Support sinnvoll wäre.

Melden sich denn viele Neuköllner bei der Hotline des Gesundheitsamtes?

Wir haben gigantisch viele Anfragen per Mail, per Fax und auch telefonisch. Die Leute kommen mitunter gar nicht mehr durch.

Wie viele Anfragen hat das Gesundheitsamt am Tag?

Das ist ganz unterschiedlich. Vergangene Woche hatten wir an einem Tag 700 Anfragen per Mail und Fax und 400 per Telefon. Es ist ja auch richtig, wenn sich die Leute mit speziellen Fragen an das Gesundheitsamt wenden.