BerlinDetlef Cwojdzinski hat ein temporäres Büro im DRK-Landesverband an der Bundesallee bezogen, es ist ein Werktag nach 18 Uhr, in den Räumen wird noch gearbeitet, oft bis Mitternacht. Er war eigentlich schon im Ruhestand, als ihn die DRK mit der Organisation der Impfzentren beauftragte. Mit Notlagen kennt er sich aus, er war 40 Jahre lang der oberste Krisenmanager des Senats. 

Herr Cwojdzinski, das Impfzentrum in der Arena, das größte der Stadt, hat am 27. Dezember aufgemacht, dann gleich wieder zugemacht. War das ein Fehlstart?

Nein. Es war bereits bei der Eröffnung von der Senatsgesundheitsverwaltung angekündigt worden, dass bei wenigen Anmeldungen das Impfzentrum über die Feiertage kurz zu schließen ist. Wir haben die Zeit genutzt, um uns weiter vorzubereiten, uns aufeinander einzustellen, die Teams waren alle ganz neu, die Betreuer, die Ärzte, die Pharmazeuten.

Aber hatten Sie nicht mit einem Ansturm gerechnet?

Es gibt ein gezieltes Einladungswesen, deshalb kann es gar keinen Ansturm geben. Das verantwortet die Senatsverwaltung. Davon sind wir abhängig. Es kann jederzeit auch dazugebucht und hochgefahren werden. Unsere Maximalvorgabe sind derzeit 600 Impfungen pro Tag. Für die 90-Jährigen in der ersten Januarwoche hatten wir ein Drittel an Personal aufgestockt, weil doch größerer Betreuungsbedarf besteht. Das fängt beim Ausstieg aus dem Taxi an.

Die Hochbetagten werden kostenlos mit den Taxis zu den Impfzentren gefahren und nach Hause gebracht. Wer hatte diese Idee?

Es gab eine kleine Studie, in der 50 Prozent der über 90-Jährigen gesagt haben, sie wüssten nicht, wie sie in die Impfzentren kommen, deshalb haben wir die Taxi-Lösung unterstützt. Wir haben das mit der Taxi-Innung innerhalb von wenigen Tagen auf die Beine gestellt, unbürokratisch. Ganz Berlin zieht hier mit. 

Wie ist das Impfzentrum organisiert?

Wir haben drei Stationen: Dokumentation, Impfberatung und Impfen und Beobachtung. Wir haben ein Tool entwickelt, mit dem man berechnen kann, wie viele Leute man in welcher Zeit durchschleusen kann. Impfen und Beratung dauern sieben Minuten. Damit haben wir eine solide Planungsgrundlage. Unsere Leute kümmern sich um die Menschen, schließlich kommt der Arzt, führt ein Aufklärungsgespräch und dann kommt der Piks. Anschließend bleiben die Menschen noch mindestens 15 Minuten zur Beobachtung da. Künftig wird es auch noch einen Notarzt in jedem Impfzentrum geben.

Warum?

Wenn es doch einmal eine heftige Impfreaktion gibt, haben wir gleich einen Notarzt vor Ort. Es ist meine Aufgabe, an alles zu denken, was möglicherweise schiefgehen könnte. Diesen Fall hatten wir aber glücklicherweise bisher noch nicht.

Wie groß ist der politische Druck, jetzt so viel zu impfen wie möglich?

Ich kann mit Druck gut umgehen. Ich segle gern, Segeln erfordert schnelle Entscheidungen, man macht vielleicht manchmal einen Umweg, aber man hat immer ein Ziel vor Augen. Aber ich will auch nichts beschönigen, wir haben innerhalb kürzester Zeit ein Projektteam aufgebaut, viele neue Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter eingestellt. Jeden Tag passiert viel, da muss sehr viel kommuniziert werden. Wir arbeiten im Modus Krisenmanagement, obwohl wir keine Krise haben. Für uns ist es ein Projekt.

Keine Krise?

Nein, wir haben nach der Definition von Katastrophen keine Krise und keine Katastrophe. Ein Faktor ist erfüllt: Eine Vielzahl von Menschen ist in ihrer Gesundheit gefährdet, aber wir sind mit der Situation nicht überfordert. Das wäre die Definition in Berlin für eine Katastrophe.

Und dass die Krankenhäuser am Limit sind – zählt das nicht?

Um die Berliner Krankenhäuser mache ich mir keine Sorgen, sie sind trainiert. Es kann sein, dass Ärzte eine Auswahl auf der Intensivstation machen müssen. Aber diese Lage haben wir derzeit nicht. Es gibt noch Ressourcen. Wir könnten innerhalb kürzester Zeit alle sechs Impfzentren aufmachen, sie sind alle bereit. Ich war heute in der Messe, da sah ich lauter Kleingruppen, die geschult wurden. Da sind Hunderte von Berlinern eingestellt worden. Viele kommen aus der Veranstaltungsbranche, die ja im Moment brachliegt, frühere Flugbegleiter von Easyjet und Lufthansa. Wir haben eine Amtsärztin, die die Hygieneregeln aufgestellt hat, einen IT-Professor aus Nürnberg, der extra nach Berlin gekommen ist, um zu helfen. Zusammen mit allen Hilfsorganisationen ist dies ein tolles Team.

Wie schafft man es, so schnell das Personal zu schulen?

Wir haben innerhalb von zehn Tagen eine eLearning-Plattform aufgesetzt, mit Podcast, mit Videos, die nutzen wir zur Vorbereitung des Trainings. Anders hätten wir es nicht geschafft. Aber es ändert sich auch ständig was: Der Bausachverständige muss demnächst wieder in seinen Job zurück, jetzt führen wir jemanden Neues ein.

Sie haben in der Vergangenheit mehrere Impfaktionen organisiert. Was ist diesmal anders?

2003 ging es nur um eine Planung. Die Gefahr bestand damals darin, dass durch den Irakkrieg biologische Kampfstoffe nach Deutschland kommen und die Pocken bringen könnten. Das war anders als jetzt. Wir übten, dass innerhalb von fünf Tagen die komplette Berliner Bevölkerung geimpft werden soll. Da gab es eine Planung mit 135 Impfstätten im gesamten Berlin, die innerhalb von Stunden in Schulen eingerichtet werden sollten. Das wurde von den Gesundheitsämtern koordiniert, die damals personell gut ausgestattet waren. Da haben wir geprüft, ob wir 400 Personen innerhalb einer Stunde durchimpfen können. 

Sind Sie schon gegen Covid geimpft?

Ja, ich gehöre durch meine Aufgabe zur ersten Kategorie von Rettungsdienst- und Krankenhausmitarbeitern, die höchste Priorität wegen des hohen Expositionsrisikos haben. Die Reihenfolge der Impfungen ist in einer Rechtsverordnung des Bundesgesundheitsministeriums klar festgelegt.

Sind Sie sauer, dass die Bundesregierung zu wenig Impfstoff bestellt hat?

Es wird irgendwann genug Impfstoff geben. Das liegt in den Händen der Hersteller, des Bundesgesundheitsministeriums und der EU.

Wann wissen Sie, wie viele Dosen ankommen? Wöchentlich? Täglich?

Das kann sich bald stündlich ändern. Das ist die größte Schwierigkeit für uns.

Wo werden die Biontech-Impfstoffe gelagert?

Es gibt ein zentrales Lager mit Tiefkühlgeräten, die minus 75 Grad halten müssen. Dort kann man den Impfstoff bis zu sechs Monate lagern. Zum Transport kann man ihn mit Thermobehältern lagern und Trockeneis regelmäßig auffüllen. Bei uns ist es so, dass der Impfstoff an einem geheimen zentralen Ort aufgetaut wird, bei zwei bis acht Grad transportiert wird und dann im Impfzentrum bis zu fünf Tage aufbewahrt werden kann. Wenn er dann aufgetaut ist und angemischt wird, muss er innerhalb einer Stunde verimpft werden. Es ist eine Herausforderung, das Termin-Management darauf auszurichten.

Deshalb muss gelegentlich auch Impfstoff weggeschmissen werden?

Das ist nur einmal mit geringsten Mengen passiert. Es macht auch niemand mit Absicht. Und es sind immer Mitarbeiter der Impfstätten vor Ort, die man dann berechtigt impfen könnte.

Gesundheitsminister Spahn hat gesagt, dass der Moderna-Impfstoff nächste Woche ausgeliefert wird. Wissen Sie, wie viel Berlin bekommt?

Erste Zahlen sind seit kurzem bekannt.

Wann können alle Berliner geimpft werden?

Wir wissen, dass Moderna kommt, das Erika-Heß-Stadion ist seit Mittwoch betriebsbereit. Das ist eine schöne, schlanke Impfstätte mit einer tollen Leitung. Der Impfstoff hat andere Anforderungen, muss bei minus 20 Grad gelagert werden, nach vier Wochen folgt die zweite Impfung. Im Velodrom und in der Messe wird am Wochenende noch mal der Betrieb getestet und dann könnte es dort auch losgehen. Wir sind vorbereitet.

Gerade wird diskutiert, dass man die zweite Dosis erst später gibt, wie in England.

Die Engländer gehen volles Risiko, das wäre mir zu gefährlich. Stellen Sie sich vor, die Impflieferungen stocken wider Erwarten. Ich persönlich bin dagegen, das weiter hinauszuziehen. Wir haben bereits die zweiten Impftermine vergeben.

Impfweltmeister sind die Israelis. Dort ist ein großer Teil der Bevölkerung bereits geschützt. Wie geht das?

Die Israelis trainieren seit Jahrzehnten biologische Gefahrenlagen. Die deutschen Katastrophenschützer sind regelmäßig nach Israel gefahren, um sich weiterbilden zu lassen. Die Israelis sind krisenerfahren und militärisch organisiert. Da impft auch das Militär. Bei uns ist das ganz anders. So schlecht sind wir in Deutschland im Vergleich zu anderen europäischen Ländern aber nicht. Gerade erst war ein belgischer Vertreter hier, um sich zu informieren, wie wir es machen.

Zur Person

Detlef Cwojdzinski wurde 1955 in West-Berlin geboren. Er kam 1979 zur Senatsverwaltung, leitete bis Mitte Dezember 2019 den Stab Gesundheitlicher Bevölkerungsschutz. Anschläge, Katastrophen, Pandemien – das sind seine Fachgebiete. In den 80er-Jahren führte er das Katastrophen-Alarm-System in Krankenhäusern ein, 2009 organisierte er eine Massenimpfung gegen die Schweinegrippe. In der Flüchtlingskrise baute er mit seinem Team die ersten sechs Containerdörfer. Cwojdzinski ist bundesweit als Dozent für Krisenmanagement aktiv.