Plötzlich frage ich mich, wie viele Menschen in dieser Stadt wohl genauso daliegen.
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BerlinSonntag, 9 Uhr. Draußen pladdert der Septemberregen auf das Trottoir, drinnen um ein Haar der Kaffee auf den Boden. Beides stört mich nicht, lenkt mich aber kurz ab. Der Blick hebt sich vom Buch, fliegt raus in den Regen, und plötzlich frage ich mich, wie viele Menschen in dieser Stadt wohl genauso daliegen. Mit einem dicken Buch, vielleicht wie meines wegen der erlahmenden Arme auf einer Bettwurst abgestützt, mit Kaffee neben sich und Seite um Seite blätternd. Grübelnd. Seufzend. Lächelnd. Stirnrunzelnd. Vor allem aber: Friedlich und dankbar.

Es werden viele sein, Tausende. In der Stadt und drumherum, im Land und auf der Welt. Anderswo sitzen die Lesenden vielleicht im Sessel oder am Tisch, in der Tram oder auf einer Bank. Weil dort nicht Morgen ist, sondern Nachmittag oder Abend. Es sind große und kleine Lesende, ganz kleine, denen hoffentlich jemand vorliest, alte und junge. Gebildete und solche, die es werden wollen, Studierende etwa, tief gebeugt über muffligen Bänden, zwischen Wänden voller Folianten. Kaffee dürfen die nur in der Cafeteria trinken. Wegen drohendem Gepladder.

Wie viele Leute stehen gleich auf, frage ich mich kurze Zeit später den Flur entlang wandelnd, werfen den täglichen besorgten Blick auf gebogene Regalbretter und fragen sich, wann es kracht. Sortieren aus in Gedanken, den kalt werdenden Kaffee in der einen Hand, das angelesene Buch in der anderen, und spüren den zartbitteren Schmerz der bevorstehenden Trennung. Schieben sie auf, schließlich ist Sonntag, und noch hält das Holz dem Gewicht der Worte stand. Streicheln stattdessen die liebgewordenen Rücken und verwerfen zum hundertsten Mal den Gedanken an ein E-Book. Weil das nicht so gut riecht wie ein frisch gedrucktes Papierbuch.

Und weil es keine Schlaflieder singt. Ich meine, was klingt beruhigender als das sachte Seitenumgeblätter auf der anderen Seite des Bettes? Auch weil man nichts reinschreiben kann, keine Lieblingswörter, Merksätze und später noch einmal zu lesenden Passagen unterstreichen. Und auch die lahmen Arme gehören irgendwie dazu. (Nächstes Mal eben ein Taschenbuch.) Weil, und das ist womöglich der am schwersten wiegende Grund, ein Gerät kein Freund werden kann. Da kann es noch so schnieke aussehen und hübsch leuchten.

Denn das sind sie, ganz ohne Pathos, die tausenden im Regal. Freunde. Haltgeber in taumeligen Zeiten, Trostspender in schweren, Freudenquellen in glücklosen. Und irgendwie gehören ja auch die anderen Büchermenschen da draußen in diesen Freundeskreis. Zumindest verbindet uns etwas. Ich bin nicht nur Kolumnistin, Mutter, Ehefrau, Deutsche, Europäerin, Protestantin, Wahlberlinerin und vieles mehr, sondern ich gehöre einer weiteren Gemeinschaft an. Der Gemeinschaft der Lesenden.

Das, denke ich – wieder ohne jedes erhabene Gefühl – ist ziemlich schön. Kehre auf dem Absatz um, lasse die Regale sich in Ruhe weiterbiegen und gehe mit dem Buch und dem Kaffee zurück ins Bett. Jede Wette: Millionen tun gerade exakt dasselbe.