Raus geht Raul Krauthausen zurzeit nicht. Das Foto wurde vor Corona aufgenommen.
Foto:  Sozialhelden e.V.

BerlinAuf seiner Internetseite nennt sich Raul Krauthausen Aktivist für Inklusion und Barrierefreiheit. Er schreibt dort regelmäßigen zu Themen, die ihn interessieren. Es geht darin um ein inklusives Europa, die Auseinandersetzung mit Positionen von Politikern und anderen Autoren, Sozial- und Wirtschaftspolitik. In letzter Zeit geht es sehr oft um das neuartige Coronavirus und die Kontaktbeschränkungen. Wir führen das Gespräch am Telefon.

Herr Krauthausen, Sie haben kürzlich einen Blog „Viele Grüße aus der Risikogruppe“ veröffentlicht. Wie geht es Ihnen jetzt im Umgang mit der Bedrohung durch das neuartige Coronavirus?

Mir geht es ganz okay. Wir haben unsere Arbeit immer schon zum Teil aus dem Homeoffice betrieben, sodass es jetzt nur eine verschärfte Form des Arbeitens von zu Hause ist. Für mich hat sich also nicht so viel geändert wie für andere.

Worin besteht Ihre Arbeit?

Ich habe vor 15 Jahren den Verein „Sozialhelden“ gegründet, ein gemeinnütziger Verein, der sich für die Rechte von Menschen mit Behinderung einsetzt. Wir sind 20 Leute und arbeiten digital im Homeoffice und auch im Büro. Ein bisschen Sorgen machen wir uns, weil wir nicht wissen, was passiert, wenn jemand von uns erkrankt: aus dem Team, Menschen mit Behinderung allgemein und auch ihre Assistenten.

Welche Aufgaben haben die Assistenten?

Sie übernehmen all das, was Menschen mit Behinderung nicht selbst tun können. Es ist nicht klar, was passieren wird, wenn sie erkranken. Wie wird dann die Versorgung sicher gestellt? Es ist so, dass viele Menschen mit Behinderung selbst Assistenten beschäftigen. Da ist keine Pflegestation dahinter, die einfach einen Ersatz schicken könnte. Das ist dann eine schwierige Situation. Bei vielen wird es so sein, dass sich dann die Familie sich kümmern muss.

Wie organisieren Sie Ihr Leben? Kauft jemand für Sie ein?

Ich lebe in einer WG. Da kauft jemand anders ein, oder ich schicke meine Assistenten einkaufen.

Hat Covid-19 Ihren Alltag verändert?

Ich gehe halt nicht mehr raus. Das ist schon neu. Und meine Assistenten laufen seit neuestem mit Mundschutz herum. Das ist gewöhnungsbedürftig. Es hat etwas medizinisches und nimmt den Leuten die Persönlichkeit.

Man hat die Gefahr ständig vor Augen?

Genau. Man fühlt sich sofort ans Krankenhaus zurück erinnert. Gerade, wenn man eine lange Krankenhauskarriere hinter sich hat. Aber ich beschwere mich nicht. Besser so, als wenn ich krank werde.

Haben Sie sich schon als Teil einer Risikogruppe gefühlt, bevor wir es mit Covid-19 zu tun bekamen?

Nein. Aber die Debatte verändert sich auch jetzt immer noch. Erst hieß es, es gibt Menschen, die müssen wir schützen. Dann gab es das Wort Risikogruppe. Wir haben dann darauf aufmerksam gemacht, dass es nicht nur um alte Menschen geht, sondern auch Menschen mit Behinderung zur Risikogruppe zählen. Ich habe zum Beispiel eine kleinere Lunge als andere aufgrund der Tatsache, dass ich auch kleiner bin. Es wäre ungünstig, eine Lungenentzündung zu bekommen, weil die Wege zur Lunge kürzer sind, das Lungenvolumen kleiner ist und eine Lungenentzündung größere Auswirkungen haben kann. Es gibt viele Menschen mit Muskelerkrankungen, die große Probleme haben, abzuhusten. Auch für sie wäre eine Lungenentzündung sehr gefährlich.

Gilt das für alle Menschen im Rollstuhl?

Nein, man kann das nicht verallgemeinern. Es hat auch etwas damit zu tun, ob sich jemand viel bewegt. Und es hängt von der Form der Behinderung ab.

Wie beurteilen Sie die Corona- Schutzmaßnahmen in Bezug auf den Umgang mit Risikogruppen?

Die Debatte verändert sich gerade in eine unangenehme Richtung. Risikogruppen werden plötzlich als Gruppen wahrgenommen, von denen eine Gefahr ausgeht. Alte Menschen, Menschen mit Behinderung oder Vorerkrankungen werden zu Menschen, die ein Risiko für die Wirtschaft darstellen. Aber so ist es nicht. Wir sind kein Risiko für die Mehrheitsgesellschaft. Wir sind die vulnerable Gruppe. Wir sehen das in Altersheimen, dort, wo viele Menschen mit Behinderungen auf engstem Raum zusammen leben, ist die Ansteckungsgefahr am größten. Und trotzdem werden jetzt die Forderungen vor allem von CDU-Politikern immer lauter, die Kontaktbeschränkungen aufzuheben.

Was ärgert Sie daran?

Menschen mit Vorerkrankungen sollen zu Hause bleiben, weil sie ein Risiko für die Wirtschaft darstellen. Die Frage ist, inwieweit es verfassungsrechtlich überhaupt denkbar ist, dass man einem Teil der Bevölkerung aufzwingt, zu Hause zu bleiben. Auf welcher Grundlage soll das passieren? Wenn ich als behinderter Mensch das Haus verlasse und erkranke, wird es dann heißen, selber schuld? Eigentlich sind alle Menschen ab 50 Jahren Teil der Risikogruppe, plus Raucher, plus Menschen mit Vorerkrankungen. Das ist mehr als die Hälfte der Bevölkerung. Das ist alles nicht ausgegoren. Es ist zu früh für eine Aufhebung. Vor allem, weil es nicht gelingen wird, die Bevölkerung ein zweites Mal für solche Maßnahmen zu gewinnen.

In ihrem jüngsten Blog haben Sie sich mit einer Empfehlung verschiedener ärztlicher Fachgesellschaften zur Priorisierung von Patienten bei der Behandlung in Krankenhäusern befasst. Dieses Schreiben mit dem Titel „Entscheidungen über die Zuteilung von Ressourcen in der Notfall- und der Intensivmedizin im Kontext der COVID-19-Pandemie“ soll Ärzten eine Hilfe bei der Einteilung von Patienten in Gruppen bieten, wenn nicht genug Kapazität zur Behandlung von allen vorhanden ist. Was regt sie daran auf?

Diese Empfehlungen sind demokratisch nicht legitimiert. Juristen und Menschenrechtler müssen das bewerten, auch Menschen mit Behinderungen müssten gefragt werden. Nicht nur Ärzte. Es hat so ein Geschmäckle. Es geht um die Frage, welches Leben ist unwert? Es berührt Verfassungsfragen.

Warum sollen Ärzte nicht eine Empfehlung geben?

Wir müssen das klären und es ist erschreckend, wie sich die Politik in dieser Frage weg duckt und es vermeidet, für eine klare, vielleicht auch zeitlich befristete Regelung zu sorgen. So etwas kann nicht einfach so entschieden werden, auch nicht in einer Notsituation. Man könnte diese Frage ja auch anders angehen, etwa indem man sich besser vorbereitet und mehr Intensivbetten schafft.

Raul Krauthausen

Raul Krauthausen (39) ist Volkswirt, Sozialunternehmer, Telefonseelsorger und Autor. Er lebt in Berlin und setzt sich für soziale Projekte ein. Krauthausen hat Osteogenesis imperfecta, Glasknochen und ist auf einen Rollstuhl angewiesen. 2004 gründete er gemeinsam mit einem Cousin den Verein Sozialhelden, der mit kreativen Ideen auf soziale Probleme aufmerksam machen will. Für dieses Engagement erhielt Krauthausen 2013 das Bundesverdienstkreuz. 2017 war Raul Krauthausen Mitglied der Bundesversammlung.