Berlin - Geht es nach den Plänen des Daimler-Vorstands, dann werden im Berliner Werk des Konzerns mittelfristig die Lichter ausgehen. Der Automobilhersteller will die Produktion aus seinem ältesten Werk abziehen. Die Entscheidung darüber, das haben die Beschäftigten an diesem Mittwoch in Marienfelde klargestellt, wird aber nicht allein in Stuttgart, sondern auch in Berlin getroffen. „Zukunft oder Widerstand“ war auf einem fahrbahnbreiten Transparent zu lesen, hinter dem sich am Morgen schätzungsweise mehr als eintausend Mitarbeiter des Werks versammelten hatten, um von der Daimlerstraße bis zum U-Bahnhof Alt-Mariendorf zu ziehen. Man wolle das eine, könne aber auch das andere, so die Botschaft.

Damit standen am Mittwoch im Werk alle Räder still. Kurz nach Beginn der Frühschicht bis weit in die Spätschicht hinein ging nichts im Werk. Auch Sadik Pehlivan war auf der Straße statt an den Maschinen. Der 40-jährige Instandhaltungsmechaniker arbeitet seit 22 Jahren bei Daimler in Marienfelde. Als Lehrling habe er dort angefangen, erzählt er. Nun wünscht er sich eine Art Neuanfang. Er weiß, dass die Getriebeteile, Nockenwellen und sechszylindrigen Dieselmotoren, die jetzt im Werk gefertigt werden, keine Zukunft haben. Aber er will auch noch die nächsten 20 Jahre dort arbeiten. „Wir wollen neue Produkte und nicht rasiert werden“, sagt Pehlivan.

In dem Werk brodelt es seit Monaten. Mitte September hatte die Berliner Werksleitung dem Betriebsrat die Pläne aus Stuttgart offenbart. Die Hälfte des Werks solle demnach verkauft, auf dem Rest eine Art Campus angesiedelt werden. Für Produktion ist in den Plänen kein Platz. Das bedeutet herbe Einschnitte. 1500 der insgesamt 2500 Beschäftigten arbeiten in der Produktion. Bei der IG Metall rechnet man im schlimmsten Fall mit dem Verlust von 2000 Jobs. In Stuttgart heißt es, dass dazu derzeit Gespräche mit dem Betriebsrat liefen, zu denen man sich aber grundsätzlich nicht äußere. Die Emotionen waren in den vergangenen Tagen hochgekocht, als bekannt wurde, dass Daimler weiter in Verbrennertechnologie investiert, diese aber nach Polen sowie Asien verlagert, während für das Berliner Werk keine Perspektive zu erkennen ist.

In ihrem Widerstand stehen die Berliner Daimler-Beschäftigten allerdings nicht allein. Während der Demonstration am Mittwoch marschierten die sozialdemokratische Bezirksbürgermeisterin Angelika Schöttler sowie der CDU-Landesvorsitzende Kai Wegner neben IG-Metall-Funktionären in der ersten Reihe. Bei der anschließenden Kundgebung sprachen sie sich für den Erhalt der Produktion in Berlin aus und sagten Unterstützung zu. „Wir bleiben zusammen Seit an Seit“, rief CDU-Mann Wegner ins Mikrofon. Kevin Kühnert, stellvertretender  Bundesvorsitzender der SPD und als „Überraschungsgast“ angekündigt, forderte, dass die Mitarbeiter die Akteure der Transformation sein sollten, „nicht die Leidtragenden“.

Im Anschluss an die Kundgebung fand im Werk eine digitale Betriebsversammlung mit der Werksleitung statt, von der sich der Betriebsrat ein klares Signal für den Erhalt des Werks erhoffte. Der Werksleiter ist erst seit wenigen Wochen im Amt. Wie es auf Nachfrage in der Senatswirtschaftsverwaltung hieß, hat Senatorin Ramona Pop (Grüne) ihm ein Gesprächsangebot unterbreitet.