Wird das 29-Euro-Ticket am Ende für viele zu einer Abofalle?

Lange Schlangen, geschlossene Kundenzentren, falsche Abbuchungen. Auch im neuen Jahr scheint die BVG nichts aus ihren vergangenen Fehlern gelernt zu haben.

Die Warteschlange am Alex ist so lang, dass sie bis auf die Treppe reicht.
Die Warteschlange am Alex ist so lang, dass sie bis auf die Treppe reicht.Volkmar Otto

Bahnhof Alexanderplatz, morgens 10.30 Uhr: Die Schlange vor dem Kundenzentrum der BVG ist lang, sogar sehr lang. Die Schalter haben bereits seit 6.30 Uhr geöffnet. Vier Stunden lang. Doch die Schlange wird nicht kürzer, eher länger. Absperrbänder trennen die Wartenden von den vorbeieilenden Passanten. Sie staunen, dass hier fast 40 Leute bis um die Ecke anstehen.

Sie alle wollen das 29-Euro-Ticket. Das große Geschenk des Berliner Senats an die Bürger dieser Stadt. Das Monatsticket ist seit Wochen zu bekommen, da müssten die Schlangen doch eigentlich sehr viel kürzer sein. Doch die Realität sieht anders aus. Die Realität sieht aus wie damals im Oktober, als das Ticket eingeführt wurde: Schlangen ohne Ende. Aber warum ist das so?

Es kommen immer mehr Leute. Einige steuern auf das Ende der Menschengruppe zu. Sobald die bevorstehende Wartezeit jedoch ungefähr absehbar ist, drehen sie um und gehen. Nur zwei der sechs Schalter sind geöffnet. Währenddessen sprechen Mitarbeiter der Berliner Verkehrsvertriebe Personen in der Schlange an. Sie wollen helfen und dadurch die Anzahl der Wartenden verringern.

„Das ist doch Blutsaugerei“

Sobald das 29-Euro-Ticket angesprochen wird, schütteln die Mitarbeiter nur den Kopf. „Das ist doch Blutsaugerei dieser Verkauf“, sagt einer der Mitarbeiter. Er zeigt auf die Personen hinter sich: „Schau dir das doch mal an hier, das geht gar nicht.“ Sein Unmut ist nicht zu überhören. So wie das Ticket angeboten wird, sei es eine Abofalle. Für ihn ist das alles absolut unverständlich. Beim 9-Euro-Ticket habe der Verkauf am Fahrkartenautomaten ja auch ohne Probleme funktioniert.

Lange Warteschlagen am Alex
Lange Warteschlagen am AlexVolkmar Otto

Der Verkehrsverbund Berlin-Brandenburg (VBB) baute beim Nachfolger, dem 29-Euro-Ticket, jedoch einige Fallstricke ein. Ohne Kündigung erhöht sich der Preis ab dem 1. April auf 64 Euro monatlich. Zudem ist der Kauf des Tickets im laufenden Monat nur am Schalter möglich. Über die BVG-App wird das Ticket gar nicht verkauft.

Hat die BVG nichts dazugelernt?

Wie heißt es so schön: Neues Jahr, neues Glück. Letzteres spielt bei der Abbuchung des Monatsbeitrags der BVG bei ihren Kunden momentan eine große Rolle. Während bei einigen Bestandskunden am 2. Januar tatsächlich 29 Euro abgebucht wurden, zahlten andere den alten Preis: 86 Euro.

Das ist aber nur einer von vielen Fehlern, die der BVG im Zusammenhang mit dem Umwelt-Ticket seit Oktober unterlaufen sind. Beispielsweise unklare Angaben zum Preis und zur Verlängerung des Angebotes.

Laut Angaben der BVG auf Twitter soll zumindest dieses Problem schnellstmöglich behoben und die Differenz an die Kunden zurückgezahlt werden. Ein genaues Datum dazu ist bisher nicht bekannt.

Kunden stehen auf unbestimmte Zeit vor verschlossenen Türen

Falsche Abbuchungen führen im Normalfall auch zu vielen unzufrieden Kunden. Eine schnelle und kompetente Kundenbetreuung kann dem positiv entgegenwirken. Doch drei der neun vorhandenen Kundenzentren in Berlin haben zum gegenwärtigen Zeitpunkt nicht geöffnet.

Der Grund dafür ist laut Mitarbeitern der BVG am Alexanderplatz zum einen der seit Jahren bestehende Personalmangel. Zum anderen seien in diesem Winter besonders viele Arbeitnehmer krankheitsbedingt ausgefallen; viele auch für einen längeren Zeitraum. Das führt wiederum zu geschlossenen Kundenschaltern wie am Alexanderplatz. Die wenigen vorhanden Mitarbeiter dürfen täglich die Schwachstellen des 29-Euro-Tickets ausbügeln.

Bei all der Kritik stellen sich vor allem zwei Fragen: Wie erfolgreich ist die Aktion wirklich? Und hat sich die Zahl an Neukunden tatsächlich erhöht, obwohl die Nutzung alles andere als kundenfreundlich ist? Wir haben bei den Berliner Verkehrsbetrieben nachgefragt.

BVG-Sprecher: „Die 29-Euro-Aboaktion ist ein großer Erfolg“

Die Zahlen sprechen für sich. Ende Dezember wurde eine Rekordzahl von etwa 1,06 Millionen Abonnenten erreicht. Laut BVG-Sprecher lag die Zahl im September 2022 noch bei 865.000. Aber dann wurde die Aktion Mitte Dezember verlängert und löste einen neuen Ansturm aus. Innerhalb von drei Wochen verzeichnete die BVG 20.000 Neubestellungen des Umwelt-Tickets.

Neukunden wählen für den Abschluss ihres Abos zum größten Teil die Online-Funktion. Mit Blick auf die geringfügig besetzten Kundenzentren ist das auch die beste Entscheidung.

Einmal und nie wieder

Die Einführung des 29-Euro-Tickets verfolgt unterschiedliche Ziele. Nicht zuletzt: Berliner als Neukunden gewinnen und langfristig halten. Bisher liegen den Berliner Verkehrsbetrieben keine aussagekräftigen Zahlen zu Personen vor, die eine Umweltkarte auch nach dem Ende des 29-Euro-Tickets zum 31. März nutzen werden. 

Wer neu in Berlin ist oder das 29-Euro-Ticket nur für einen kurzen Zeitraum nutzen möchte, sollte sich vorab informieren. Andernfalls tappen die Kunden schneller in die Abofalle als gedacht.


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