Das Restaurant ORA am Oranienplatz (Archiv).
Foto: Markus Wächter

BerlinEs gibt Äußerungen, die können in ihrer Absolutheit niederschmetternd sein. „Zu der Frage, was passiert mit Gastronomie, Restaurants und ähnlichem, können wir heute noch nichts sagen“, sagte Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) am vergangenen Mittwoch, nachdem sie sich mit den Ministerpräsidenten der Länder auf Lockerungen der Corona-Verordnungen verständigt hatte. Anders etwa als Läden oder auch Friseure, die unter Einhaltung der Abstands- und Hygieneregeln demnächst sehr wohl öffnen dürfen. Dabei gehen der Gastronomie nach Berechnungen des Branchenverbandes Dehoga bundesweit bis Ende April rund zehn Milliarden Euro Umsatz verloren. 70 000 Betriebe stünden vor der Insolvenz. Da ist ein fast schon flapsiges „Das ist noch nicht dran“ der Kanzlerin besonders schwer zu akzeptieren.

„Diese Äußerung war für uns ein Schlag ins Gesicht“, sagt Thomas Lengfelder, Hauptgeschäftsführer des Berliner Dehoga-Verbandes, im Gespräch mit der Berliner Zeitung. In der Stadt gibt es demnach mehr als 19 000 gastgewerbliche Betriebe mit rund 90 000 sozialversicherungspflichtigen Mitarbeitern sowie nochmals 160 000 direkt dem Gastgewerbe zuzuordnende Mitarbeiter. Alle klagen über Umsatzeinbußen, viele fürchten, den Shutdown nicht zu überstehen, so Lengfelder.

Matthias Buchholz mit seinem Gutshof Britz gehört nicht unmittelbar dazu. Der frühere Sterne-Koch hat im idyllischen Süden Neuköllns sein Glück gefunden. In dem alten Herrenhaus aus dem 18. Jahrhundert tischt Buchholz seit zehn Jahren internationale Küche auf: Da gibt es ein Frikassee vom Landhuhn, aber auch Wasabi zu den Maccaroni oder eine Panna Cotta von der Kokosnuss.

Seit März ruht der Betrieb in Britz, zwei Mitarbeiter hat Buchholz entlassen, zwei weitere in Kurzarbeit geschickt, der Azubi ist zum Monatsende dran. Zusammen mit zwei geringfügig Verdienenden macht der Chef jetzt Dinge, für die sonst keine Zeit bleibt. Als am Sonntag die Berliner Zeitung anruft, schleift und lackiert Buchholz mit seinen Leuten gerade die Gartentische.

„Einerseits finde ich die Entschleunigung cool“, sagt der 52-Jährige. Die vergangenen zwei Jahre habe er sehr viel arbeiten müssen, jetzt tue ihm persönlichen die Pause gut. „Für die Branche hat die Schließung aber natürlich gravierende Folgen, für viele ist das eine Vollkatastrophe.“ Er selbst hofft, dass es spätestens im Juni weitergeht, „danach müsste ich ganz neu nachdenken“, sagt Buchholz. Wenigstens habe er die Miete für den Gutshof beim Bezirksamt Neukölln stunden können.

Das können viele Kollegen mit gewerblichen Vermietern nicht. Sie sind dringend auf Umsatz angewiesen. Deswegen fordert   Branchensprecher Lengfelder von der Politik einen „differenzierten Blick“. „Wir plädieren dafür strikt medizinisch zu begründen, welche Schutzmaßnahmen beachtet werden müssen“ – unabhängig davon, ob sie von einem Händler oder einem Wirt beachtet werden müssten. Auch in der Gastronomie wären etliche Betriebe in der Lage, die Richtlinien zu erfüllen.

Boris Radczun vom gutbesuchten Grill Royal an der Weidendammer Brücke in Mitte zum Beispiel wünscht sich im Interview mit der Berliner Zeitung, „dass sich da auch einer mal wissenschaftlich aus dem Fenster lehnen und sagen würde: ,Macht es doch so oder so’“. Man bräuchte konkrete Schritte, die man abarbeiten könne. Etwa, dass der Gast, beziehungsweise die Gastgruppe zum Nächsten einen gewissen Abstand einhalten müsste. Das ließe sich organisieren. „In der Gastronomie sind Bankettsitze üblich, Anordnungen, bei denen Stühle Rücken an Rücken ausgerichtet sind. Wir könnten sogar Plexiglasscheiben dazwischen machen. Wenn man also wüsste, was genau wirken würde, könnten wir das baulich ziemlich schnell umsetzen“, sagt Radczun.

Einen Mitstreiter hat die Branche in Sebastian Czaja, FDP-Fraktionschef im Abgeordnetenhaus. Er fordert vom Senat Lockerungen für den Außenbereich von Lokalen. Dort seien die Abstände einzuhalten. „Die Berliner Gastronomie braucht dringend ein Signal der Unterstützung“, teilt Czaja am Sonntag mit. Berlin brauche   eine Regelung, die auch für andere Länder beispielgebend sein könnte.

Zur Forderung der Dehoga, die Mehrwertsteuer für alle gastronomischen Umsätze von 19 auf 7 Prozent zu senken, gibt es nun Bewegung. Finanzminister Olaf Scholz (SPD) sagt in der Welt am Sonntag, dass man genau schaue, wo gezielt weitere Hilfen benötigt würden. „Wir haben vor allem jene Branchen im Blick, für die es noch nicht so schnell wieder losgeht. Das Hotel- und Gaststättengewerbe gehört sicher dazu.“ Und in der Bild am Sonntag verspricht Wirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) „eine sorgfältige Prüfung“ einer Mehrwertsteuersenkung.

Der bayerische Ministerpräsident Markus Söder (CSU) nennt in der Passauer Neuen Presse sogar einen möglichen Öffnungstermin: „Wenn wir Glück haben, könnte es bereits Pfingsten eine bessere Perspektive geben. Das müssen wir zum gegebenen Zeitpunkt entscheiden.“

Wann aber dieser Zeitpunkt gegeben ist, erscheint offen. Jedenfalls hatte Söder, als er am Mittwoch neben Kanzlerin Merkel saß, noch gesagt, dass vor allem in Biergärten, in denen schon dem Namen nach auch alkoholische Getränke ausgeschenkt werden, die Einhaltung des Abstandsgebots besonders problematisch sei. „Da wird die Disziplin schwächer.“ Weil das so sei, stehe deren Eröffnung „erst im Entferntesten an“.