Berlin - Die Wissenschaft ist neben dem Tourismus der Wirtschaftsmotor der Stadt. Während es im Gastgewerbe Berlin-Besucher sind, die Geld in die Stadt bringen, sind es in der Forschung Bundesmittel. Allein für ein neues Kompetenzzentrum Biodiversität zum Erhalt der Artenvielfalt, das die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) in Bonn ausgeschrieben hat, würden 70 bis 80 Millionen Euro nach Berlin und Potsdam fließen, sollte die Region  im kommenden Frühjahr den Zuschlag erhalten.

Zu den Bewerbern in Berlin gehört Klement Tockner, Leiter des Leibniz-Instituts für Gewässerökologie und Binnenfischerei. Er hat sich eigentlich gute Chancen ausgerechnet, sich mit seinen Partnern gegenüber den Konkurrenten in Göttingen, Bremen/Oldenburg sowie der Region Jena/Leipzig/Halle durchzusetzen. Doch die vom neuen Senat beschlossene Verteilung der Wissenschaft über zwei Verwaltungen könnte ihm einen Strich durch die Rechnung machen, befürchtet der Österreicher.

Politik der kurzen Wege

„Bei der Auswahl wird auch eine Rolle spielen, wie Berlin verwaltungstechnisch dasteht“, sagt er. „Die neue Vergabestruktur wird alles komplizierter machen und ist ein echter Standortnachteil.“ Denn für die Wissenschaftler wären dann allein in Berlin gleich zwei Verwaltungen zuständig. Da die Leibniz-Institute zu jeweils 50 Prozent aus Landes- und Bundesmitteln finanziert werden, muss Tockner auch auf Landesebene verhandeln, von nun an mit der Wirtschaftsverwaltung, die den Bereich außeruniversitäre Forschung übernommen hat.

Die Freie Universität (FU) wiederum als einer von fünf weiteren Kooperationspartnern für das Kompetenzzentrum muss sich an die Wissenschaftsverwaltung wenden. Beide Verwaltungen müssen sich dann einigen, bevor eine Entscheidung getroffen wird. „Das konterkariert alle Bestrebungen, Forscher in und außerhalb der Unis zusammenzubringen“, sagt Tockner. Dies führe zu mehr bürokratischem Abstimmungsbedarf, die Politik der kurzen Wege gehe verloren.

Erfolgsmodell Genomzentrum

Wie erfolgreich eine Zusammenarbeit mehrerer Partner sein kann, zeigt das erst im Oktober eröffnete Genom-Zentrum für Biodiversität in Dahlem, das gewissermaßen den Kern eines künftigen Kompetenzzentrums bilden könnte. Sechs Partner sind an dem Zentrum beteiligt: drei Leibniz-Institute, unter anderen das Museum für Naturkunde, die FU, die Universität  Potsdam sowie der Botanische Garten, der in seinem angegliederten Museum die Räume für Labore und Büros zur Verfügung stellt.

„Das Personal wird von den Leibniz-Instituten gestellt und die FU hat im  Rahmen der Exzellenzinitiative  700 000 Euro für die  Anschaffung eines Sequenzierers  eingeworben“, sagt Tockner, einer der Gründungsdirektoren. Dieses Großgerät ist das Herzstück des Zentrums.  Mit einem Sequenzierer werden zum Beispiel Algenproben untersucht, um ihre genetischen Strukturen zu identifizieren.

„Wir bestimmen die Basenabfolge von Molekülen, um herauszufinden, wie sich Organismen entwickelt haben und was sie voneinander unterscheidet“, sagt der Mikrobiologe Martin Allgaier. Er ist der erste von drei Wissenschaftlern, die in dem neuen Zentrum  arbeiten. Weitere Kollegen sollen demnächst folgen, die Proben aus den Partner-Instituten analysieren. Derzeit werden bereits 40 Projekte bearbeitet.

Die Idee entstand beim Mittagessen

Auch das Land hat das Genom-Zentrum unterstützt und eine knappe Million Euro bereitgestellt, damit die Labore saniert werden konnten. Der ausgeschiedene Wissenschaftssenator Jürgen Zöllner (SPD), der sich immer für die Zusammenarbeit von Hochschulen mit außeruniversitären Einrichtungen eingesetzt habe, sei leicht zu überzeugen gewesen. „Er hat Mittel bereitgestellt, weil wir als Konsortium Synergieeffekte erzielen können, die man nicht erreicht, wenn man in einzelne Projekte investiert“, sagt Tockner. 

Die Partner des Genom-Zentrums hätten eine gemeinsame Infrastruktur geschaffen, die ein Institut allein nicht hätte aufbauen können.  Dass es für die Kooperation gemeinsame Räume gebe, sei bundesweit einmalig. Das Zentrum konnte  bereits weitere 800 000 Euro einwerben,  um ein Massenspektrometer anzuschaffen, mit dem die Masse von Molekülen gemessen wird. Zudem gibt es 150 000 Euro Drittmittel für einen zusätzlichen Sequenzierer.

„Unsere Projekte sind auch auf internationaler Ebene attraktiv“, sagt Tockner. „Junge Wissenschaftler kommen zu uns, wir haben als Konsortium eine bessere Position, um Drittmittel einzuwerben.“ Aber ohne Verwaltungsapparat konnte auch das Genom-Zentrum nichtgebildet werden. „Die Idee entstand vor drei Jahren  beim  Mittagessen“, berichtet Tockners Mitarbeiter  Allgaier.

Exzellenz steht im Vordergrund

Doch bis zur Eröffnung mussten in allen beteiligten Instituten verschiedene Gremien zustimmen: Abteilungsleiter, Institutsdirektoren, wissenschaftlicher  Beirat, Vorstand. Aus den USA kennt Allgaier, der dort eine Zeit lang forschte, solch einen bürokratischen Aufwand nicht. Der neue Zuschnitt der Senatsverwaltungen sei ein zusätzliches Hemmnis.

Die DFG, die über die Vergabe des Kompetenzzentrums Biodiversität zu entscheiden hat,  mischt sich grundsätzlich nicht in Landespolitik ein und will daher auch nicht über die neue geschaffenen Verwaltungsstrukturen urteilen. „Bei unseren Entscheidungen steht immer die wissenschaftliche Exzellenz im Vordergrund, aber wenn sich Länder selbst ein Bein stellen, werden sie das vermutlich irgendwann auch mal bei einer DFG-Bewilligung merken“, sagt Sprecherin Cornelia Pretzer.