Für Karl-Friedrich Müller ist die Gefahr mit den Händen zu greifen. „Wenn das, was der Brandenburger Ministerpräsident jetzt erreichen will, Wirklichkeit wird, dann nabelt sich die Region Berlin vom Luftverkehr ab“, sagt der Unternehmensberater, der mit dem Aachener Airport Research Center ein Gutachten zum Nachtflugverkehr am neuen Schönefelder Flughafen erarbeitet hat. Jede Stunde, die der BER früher als geplant für Linienflüge schließt und später öffnet, bedeute für den Luftverkehr Berlins und die internationale Anbindung einen existenzgefährdenden Eingriff.

Es ist vor allem die geografische Lage Berlins, mit der Müller argumentiert. In Europa liege Berlin ziemlich weit östlich. Die wichtigsten Ziel- und Umsteigeflughäfen Europas seien relativ weit entfernt, Flüge dorthin dauern vergleichsweise lang. Um täglich oft genug hin und her fliegen und um Anschlüsse gewährleisten zu können, seien am Flughafen BER lange Öffnungszeiten unabdingbar.

Wenn Umsteigepassagiere von London, Frankfurt (Main) oder anderen Drehkreuzen spätabends nicht mehr nach Berlin weiterreisen können, weil dort der künftig einzige Airport schon um 23 oder gar um 22 Uhr schließt, werde die Region vom Flugverkehr abgeschnitten und verliere an Attraktivität. Dann leide nicht nur die Wirtschaftlichkeit des BER, sondern auch der gesamte Wirtschaftsstandort. „Wenn Firmenmitarbeiter nicht mehr an einem Tag von Berlin zu einem europäischen Ziel hin und zurück reisen können“, sagt Müller, „trifft das die regionalen Unternehmen“.

Flughafen Dortmund als warnendes Beispiel

Der Flughafen Dortmund ist für ihn ein warnendes Beispiel. „Er zeigt, was passiert, wenn sich ein Airport nicht entwickeln kann“, sagt er. Dortmund ist der einzige deutsche Verkehrsflughafen, an dem die Betriebszeit auf 6 bis 22 Uhr beschränkt ist. Er ist seit langem im Abwärtstrend. Allein von 2008 bis 2011 sank die Fluggastzahl um 22 Prozent. Lufthansa steuere Dortmund nicht mehr an, Easyjet und Air Berlin stationieren dort keine Flugzeuge mehr.

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Auch bei der Berliner Wirtschaft stieß Platzecks Vorstoß auf Kritik. „Wir sind fassungslos“, hieß es in der Industrie- und Handelskammer (IHK). Offiziell habe der Ministerpräsident als Vorsitzender des Flughafen-Aufsichtsrats die Aufgabe, sich für die Wirtschaftlichkeit des BER einzusetzen. Wenn er sich – so die IHK – nun für eine „Überdemokratisierung“ engagiere, handele er dem zuwider. Der BER dürfe kein „Halbtagsflughafen“ werden, sagte der stellvertretende IHK-Hauptgeschäftsführer Christian Wiesenhütter. „Als künftig einziger Flughafen der Region kann er seinen Zweck nur mit Flügen in den Randzeiten erfüllen.“ Nur dann werden Airlines Flugzeuge am BER stationieren.

„Wir finden es völlig unverständlich, dass sich die Landesregierung nicht mehr an ihren eigenen Beschluss zu den Flugzeiten halten will, der vom Bundesverwaltungsgericht bestätigt worden ist“, sagt Klaus-Peter Siegloch, Präsident des Bundesverbands der Deutschen Luftverkehrswirtschaft. Die zugesicherte Betriebszeit von 5.30 Uhr bis 23.30 Uhr werde beim künftigen Hauptstadtflughafen gebraucht – „auch weil er ein internationales Drehkreuz für die Region sein wird“.
Die Wirtschaftlichkeit dürfe nicht das einzige Kriterium sein, sagte dagegen Anton Hofreiter (Grüne), Vorsitzender des Bundestags-Verkehrsausschusses. Die Gesundheit der Anwohner müsse vor massiven Fluglärmbelastungen geschützt werden. „Durch kluge Umlaufplanung kann man zwischen 6 und 22 Uhr viel Flugverkehr abwickeln.“