Ein Bild aus besseren und bunteren Zeiten: Graffiti -Workshop im Urban Spree auf dem RAW-Gelände.
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BerlinErfolgsgeschichten sind selten in Zeiten von Corona, in denen sich eine Gesellschaft einigelt. Wo soll der Erfolg sein, wenn der Staat seine Bürger bestraft, wenn sie sich zu zweit auf eine Bank setzen? 

Doch es scheint eine Erfolgsgeschichte zu geben, von der es wohl nur wenige vermutet hätten: Die Zuschüsse für kleine und kleinste Betriebe mit bis zu zehn Mitarbeitern, für Soloselbstständige und Freiberufler, sie scheinen tatsächlich zu funktionieren. Und der weitüberwiegende Teil der Wirtschaft der Dienstleistungsmetropole Berlin hat plötzlich bis zu 15.000 Euro mehr: zum leben, um Löhne und Mieten zu bezahlen, um Pläne zu schmieden für die Zeit nach dem Shutdown.

Viel Lob für „unkomplizierte Antragsverfahren“

Die sozialen Netzwerke sind voll von dankbaren Einträgen über das sogenannte Paket „Soforthilfe II“, das sich aus Geld teils vom Land Berlin, teils vom Bund speist. Viele User loben – man höre und staune, schließlich sind wir in Berlin! – das „einfache und unkomplizierte Antragsverfahren“ und „die schnelle Auszahlung“, vorgenommen von der landeseigenen Investitionsbank Berlin (IBB).

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Das Programm ist so erfolgreich, dass es schon wieder auf Eis gelegt wurde. Vorigen Freitag erfolgte der Start, fast schon standesgemäß mit dem Zusammenbruch der Server. Mit einstündiger Verspätung ging’s los, doch schon bald wurde klar, dass man ein Datenschutzproblem hatte. So konnten Antragsteller die Kontodaten des Vorgängers sehen. „Das tut uns leid“, sagte IBB-Sprecher Jan Holtkamp. Das Formular wurde überarbeitet – und der Run ging weiter, bis das Verfahren gestoppt wurde. In dieser Zeit hat die IBB nach eigenen Angaben mehr als 120.000 Antragsstellern 1,4 Milliarden Euro ausgezahlt.

„Damit erhalten die durch die Corona-Epidemie in Notlage geratenen Unternehmer staatliche Hilfe so schnell wie in keinem anderen Land in Deutschland,“ sagt IBB-Vorstandschef Jürgen Allerkamp.

Der Bund zieht mit 2 Milliarden-Paket nach

Donnerstagmittag wurde das Verfahren gestoppt, um es auf ein einheitliches Bundesprogramm umzustellen, heißt es von der IBB. Ab Montag, 10 Uhr, soll es mit dem Bundesprogramm weitergehen, das mit knapp zwei Milliarden Euro dotiert ist. Zwar sei die Warteschlange fast abgearbeitet, aber die restlichen Anträge würden genau wie die Wartenummern übernommen, wird versichert. Details will die IBB auf ihrer Webseite veröffentlichen.

Parallel zu Soforthilfen und günstigen Unternehmenskrediten erwägt der Bund eine Anhebung des Kurzarbeitergeldes. Er werde mit Arbeitgebern und Gewerkschaften darüber reden, „ob wir das Kurzarbeitergeld noch einmal anheben können“, sagte Arbeitsminister Hubertus Heil (SPD) der Zeitung Rheinische Post. Zugleich sei eine Verlängerung denkbar. Beschäftigte in Kurzarbeit erhalten 60 Prozent, in Haushalten mit Kindern 67 Prozent des Nettoentgelts.


15.000 Euro - Pascal Feucher, 49, Galerist

Das Geld braucht der 49-jährige, um „eine Brücke zu bauen in die Zeit nach dem Shutdown“.
Foto: urbanspree.com

Pascal Feucher braucht einige Zeit, bis er aufgezählt hat, was Urban Spree alles ist: ein lebendiges Kunst- und Kulturhaus auf dem RAW-Gelände, ein Galerie, ein Kunst- und Buchladen für Street Art, ein Verlag, ein Ort für Ausstellungen und Filme, ein Platz für Do-it-yourself-Workshops, eine Börse zur Vermittlung von Künstlerresidenzen, eine Halle für Konzerte, ein Biergarten… All das ist seit dem Corona-Shutdown existenziell bedroht, die acht festen Mitarbeiter hat Feucher schon in Kurzarbeit geschickt. „90 Prozent unserer Einkünfte sind weggefallen“, erzählt der 49-Jährige.

Um Miete und Gehälter bezahlen zu können und „eine Brücke zu bauen in die Zeit nach dem Shutdown“, wie er es nennt, hat er bei der IBB 15.000 Euro beantragt. Er hat den vollen Betrag erhalten, zwei Tage nach dem Einreichen.

„Diese schnelle Hilfe ist außergewöhnlich“, sagt Feucher. Alles habe gut funktioniert. Dazu muss man sagen, dass Feucher vom Bank-und auch vom Krisenfach ist. Der Franzose war Investmentbanker, zu Zeiten der Bankenkrise arbeitete er in Berlin. Er warf entnervt hin und verwirklichte 2012 mit Urban Spree seinen Traum.

5000 Euro - Michael Groß,45, Marktbetreiber

Schnell und unbürokratisch: Drei Tage nach dem Antrag hatte Michael Groß das Geld auf dem Konto. 
Foto: Jan Ganshow

Michael Groß war es anfangs gar nicht klar, „das ich nicht nur relativ gebeutelt, sondern existenziell getroffen bin“, wie er sagt. Seit zehn Jahren betreibt er den Flowmarkt, einen Second-Hand-Markt für Kunsthandwerk mit rund 160 Ständen. Lange Zeit bereiste er damit die Prinzessinnengärten auf dem Moritzplatz in Kreuzberg und das Maybachufer in Neukölln. Groß nennt es Nowkoelln. Seit vorigem Jahr gibt es den Flowmarkt nur noch am Maybachufer, an jedem zweiten Sonntag, insgesamt 16-mal im Jahr.

Am 29. März wollte Groß den Winter beenden, die Zeit ohne Einnahmen. „Der Markt ist ein Saisonbetrieb“, sagt er. Er war ausgebucht. Dann kam der Shutdown. „Ich habe keine festangestellten Mitarbeiter, aber laufende Kosten: zum Beispiel meine fünf Anhänger, die Versicherung, die Sondernutzungsgebühr“, zählt Groß auf.

Das Antragsverfahren und den gesamten Ablauf bei der IBB fand Groß „schon bemerkenswert. Man musste sich nicht nackig machen, wie manche behauptet haben“, sagt er. Am Sonnabend vergangener Woche beantragte er 5000 Euro, Sonntagabend gab’s die Zusage, „am Dienstag hatte ich das Geld auf dem Konto“.

12.000 Euro - Steffi Esterer, 52, Wollladeninhaberin

Die 52-jährige betreibt einen Wollladen Loops (englisch für Maschen) an der Wörther Straße in Prenzlauer Berg. 
Foto: Privat

Steffi Esterer hat am Freitag gerade eine Kundin im Laden, als die Berliner Zeitung anruft. „Man kann per Telefon oder über soziale Netzwerke bestellen. Wir machen einen Termin aus, zu dem der Kunde kommt. Ich muss alle Anfragen im Blick haben, so habe ich gefühlt mehr zu tun als vorher“, erzählt die 52-Jährige.

Nur nach Lust und Laune einfach so reinschauen kann niemand mehr in den Wollladen Loops (englisch für Maschen) an der Wörther Straße in Prenzlauer Berg. Auch für Wollläden gilt der Shutdown, auch wenn Esterer halb scherzhaft behauptet, sie sei auch systemrelevant. Schließlich werde gerade in solchen Zeiten gestrickt, was das Zeug hält.

Steffi Esterer stammt aus Österreich, 1993 kam sie nach Berlin. 2001 fing sie als Verkäuferin im Loops an, als ihre Chefin vor zwei Jahren aufhörte, übernahm sie den Laden, den sie jetzt zusammen mit einer Angestellten und einer 450-Euro-Kraft betreibt.

Und weil sie jetzt völlig unverschuldet zwei Drittel ihres Umsatzes verloren hat, hat Esterer Soforthilfe beantragt – und 12.000 Euro erhalten. Auch weil viele Lieferanten kulant sind, „kann ich vielleicht einen Teil davon wieder zurückzahlen. Das würde ich gerne tun“, sagt sie.

5000 Euro - Martina Schultke, 59, Sprachdozentin

Die 59-jährige Germanistin ist Dozentin für Deutsch als Fremdsprache. 
Foto: Privat

Martina Schultke hatte gerade den ersten Termin eines neuen Kurses „Deutsch als Fremdsprache“ am BBW absolviert, dem Bildungswerk Berlin Brandenburg in Charlottenburg am Schillertheater. Es war der 16. März, der Kurs hätte bis in den Juli gehen sollen: hochintensiv, eine Lektion pro Woche, fünf Stunden pro Tag, 400 Stunden insgesamt.

Am 17. März fiel die Corona-Klappe, alle Schulen in Berlin machten dicht. Und Martina Schultke hatte von einem Tag auf den anderen ihren größten Honorargeber verloren.

Die 59-jährige Germanistin ist Dozentin für Deutsch als Fremdsprache. Bei ihrem Hauptauftraggeber, dem BBW, lernen Menschen aus aller Welt Deutsch, bezahlt vom Jobcenter und der Agentur für Arbeit. Ihr zweiter Auftraggeber ist die private Schule Berlasco in Mitte. Dort bezahlen die Schüler selbst, derzeit geht der Unterricht digital weiter.

Vom Soforthilfe II-Verfahren schwärmt sie geradezu, vom Tempo, aber auch von der Kundenfreundlichkeit und vom Ton, wie sie sagt. Ein großer Unterschied zum Jobcenter, so Schultke, wo sie sich gerade parallel um ALG II bemühe. „Da kommt man sich vor wie ein Bittsteller, ganz anders als bei der IBB.“