Wirtschaftslenker reden: Ostdeutsche Erfahrungen in der Krise nutzbar machen

Aus dem Mangel lernen: Generaldirektoren von Kombinaten trugen im Rohnstock-Erzählsalon ihre Geschichten zusammen. Zum Jubiläum sprach Verleger Holger Friedrich.

Beim Jubiläumstreffen des Generaldirektorensalons, v. l. n. r.: Holger Friedrich (Verleger Berliner Zeitung), Uwe Trostel (Plankommission Magdeburg), Christa Bertag (Berlin Kosmetik), Katrin Rohnstock (Verlegerin), Eckhard Netzmann (SKET). Trostel, Bertag und Netzmann bilden den Vorstand des Vereins zur Förderung lebensgeschichtlichen Erinnerns und biografischen Erzählens e. V.
Beim Jubiläumstreffen des Generaldirektorensalons, v. l. n. r.: Holger Friedrich (Verleger Berliner Zeitung), Uwe Trostel (Plankommission Magdeburg), Christa Bertag (Berlin Kosmetik), Katrin Rohnstock (Verlegerin), Eckhard Netzmann (SKET). Trostel, Bertag und Netzmann bilden den Vorstand des Vereins zur Förderung lebensgeschichtlichen Erinnerns und biografischen Erzählens e. V.Volkmar Otto

Energiemangel? Rohstoffknappheit? Gestörte Lieferketten? Im Westen Deutschlands mag das Auftauchen solcher Phänomene überraschen – die DDR-Wirtschaft schöpfte nie aus dem Vollen; ihren Lenkern war „rationeller Einsatz“ von Ressourcen tägliche Aufgabe. Bisher lautete das Urteil: Ach ja, die sozialistische Mangelwirtschaft packte es eben nicht. Aber neuerdings könnten manche Erfahrungen der DDR lehr- und hilfreich sein. Denn wo Ressourcen knapp sind, ist der Anreiz groß, sie zu schonen.

„Wir mussten uns eben immer was einfallen lassen – und wir haben Wege gefunden“, sagte Winfried Noack, Generaldirektor des großen DDR-Arzneimittel-Herstellers Germed, am Sonnabend in Berlin-Oberschöneweide. Dort feierten ehemalige Generaldirektoren bedeutender Werke wie dem Schwermaschinenbau-Kombinat „Ernst Thälmann“ (SKET) Magdeburg, dem Kombinat Berlin Kosmetik und anderen, dazu ehemalige Regierungsmitglieder, Leute mit Treuhand- und Abwicklungserfahrung eine Großtat für die Aufbewahrung von DDR-Geschichte und -Erfahrungen: das zehnjährige Jubiläum des auf Initiative der Verlegerin Katrin Rohnstock gegründeten Erzählsalons der Generaldirektoren.

Entstanden sind historische Dokumente, Bücher wie „Jetzt reden wir“, biografische Erinnerungen wie die von Karl Nendel, dem „General der DDR-Mikroelektronik“. Jeder Generaldirektor hatte „seinen Salon“, jede Erzählung wurde filmisch festgehalten – O-Töne von Zeitzeugen mit historischem Wert. Die DDR-Wirtschaftselite arbeitete kritisch und selbstkritisch gemeinsam ihre Geschichte auf.

Die DDR-Wirtschaft wurde nach 1990 „von Leuten, die keine Ahnung hatten, in Grund und Boden geredet“, wie Uwe Trostel, ehemals Bezirksplankommission Magdeburg, sagte. Dennoch birgt das Experiment, eine moderne Ökonomie unter Bedingungen des Volkseigentums aufzubauen, Zukunftspotenzial. Schließlich stehen Transformationen bevor, die die ungeübte westdeutsche Gesellschaft erschrecken könnten, während die ostdeutsche Gesellschaft über Erfahrung mit harten Brüchen verfügt.

Kernbereiche vergesellschaften

Aktuell geht es um die Verstaatlichung lebenswichtiger Betriebe, um die Vergesellschaftung von Wohnungen, um die Steuerung der Energieversorgung und um den Wunsch nach mehr Orientierung am Gemeinwohl. Als planlos und chaotisch beurteilten am Sonnabend die wirtschafts- und technologiekundigen Frauen und Männer den Umgang der Bundesregierung mit der akuten Mehrfachkrise.

10 Jahre Generaldirektoren-Salon wurden auf dem Gelände der Hochschule für Technik und Wirtschaft gefeiert.
10 Jahre Generaldirektoren-Salon wurden auf dem Gelände der Hochschule für Technik und Wirtschaft gefeiert.Volkmar Otto

Als Kernbereiche, die ohne vorausschauende Planung und Vergesellschaftung nicht auf Dauer funktionieren, nennt Christa Bertag, ehemals Generaldirektorin der Berlin Kosmetik, die Energieerzeugung und -versorgung sowie die Landesverteidigung. Auch Grund und Boden gehörten in staatliche Hand, um Spekulation zu unterbinden.

Eckhardt Netzmann, 1979 bis 1990 Generaldirektor des SKET, ergänzte: „Planung muss sein für gesamtgesellschaftliche Zusammenhänge wie Bildung, Gesundheit, Infrastruktur.“ Diskutieren könne man über Art und Tiefe der Planung, und er räumt ein: „In der DDR haben wir zu viel geplant.“

Die eingeladenen jungen Leute wollen Vergesellschaftung und Planung neu interpretieren. Zunächst ergänzen sie diese Begriffe um schöne Beiworte wie „emanzipatorisch“ und „ökologisch“. Das klingt nicht nach DDR, sondern nach Utopie. Jana Gebauer vom Netzwerk Wachstumswende sagt, Planwirtschaft sei unter jungen Leuten jetzt ein „heißer Scheiß“.

Holger Friedrich hielt Festrede

Der per Zoom aus New York zugeschaltete Abiturient Leon Schwalbe, 2. Kreisvorsitzender der Linke in Saalfeld, sagt, „Sozialismus“ sei unter jungen Leuten gar kein Begriff mehr. Falk Flade, Wirtschaftshistoriker von der Viadrina, diagnostiziert unter den Alten ein „irrationales Verletztsein“, erkennt einen Abwehrkampf. Manche ihrer Argumente stießen junge Leute ab. Bei allem guten Willen: Da redeten Jung und Alt aneinander vorbei.

Die Festrede der Jubiläumsveranstaltung hatte Holger Friedrich, Eigentümer des Berliner Verlages und Verleger der Berliner Zeitung, gehalten. Als 16-jähriger Lehrling im VEB Kühlautomat Niederschöneweide lernte er ab 1983 nahe dem Veranstaltungsort. Damals war Eckhard Netzmann schon vier Jahre SKET-General. „Für mich schließt sich ein Kreis“, sagte Holger Friedrich nun. Mit den Anwesenden teilt der nach der Wende erfolgreiche Unternehmer die Erfahrungen als Ostdeutscher.

Viele der Alten haben die Entwertung ihrer Lebensleistung erlebt, die Geringschätzung ihres Wissens und Könnens. Holger Friedrich, der als Ostdeutscher wagte, in die Welt der Westverleger einzudringen, sagt nun: „Was ich in den vergangenen drei Jahren erlebt habe, haben Sie 30 Jahre lang erlebt.“ Von der Berliner Zeitung erwartet er nun, dass sie den „Diskursraum öffnet“, um die vielen Wahrheiten und Perspektiven zu erfassen, und dass „gesellschaftliches Aushandeln“ stattfindet: „Es braucht viele Stimmen, um eine Geschichte zu erzählen.“