Die Bürgermeisterin klatscht in die Hände: „Alle einsteigen, wir fahren jetzt Bus!“, ruft Ramona Pop in die Runde. Zwei Dutzend Menschen, fast nur Männer übrigens, gerade noch in Pulks verstreut, gehorchen und entern einen Linienbus der Marke Foton: ein blau-gelb lackiertes, blitzblank gewienertes Vorführmodell, das mit der Senatorin und ihrer Delegation eine Runde auf dem Betriebshof im Pekinger Stadtteil Chaoyang dreht.

Es ist ein Elektrobus, der mit seinen Passagieren aus Mitteleuropa sanft und leise über den Xiaojing Bus Terminal rauscht. Vorbei an Doppeldeckern, ebenfalls mit Batteriebetrieb. Vorbei an Ladesäulen für bis zu 30 Busse gleichzeitig. Rund 130 „Electric Vehicles“ täglich saugen auf der Anlage Strom aus der Steckdose, der dann für gut einhundert Kilometer reicht. Keine zwanzig Minuten dauert einmal Vollladen, bitte.

Die Gäste aus Berlin staunen. Rund 2000 E-Busse schickt Foton, ein Staatsunternehmen, allein in Peking auf die Straße. Warum geht so etwas eigentlich nicht in Deutschland?

Warum nach China? 

Solchen Fragen nachzugehen, ist eines der Ziele dieser Dienstreise. Ramona Pop, Wirtschaftssenatorin der Grünen und als Bürgermeisterin auch Vize-Chefin der rot-rot-grünen Koalition von Michael Müller (SPD), ist auf ihrer ersten Auslandstour als Ressortchefin nach China aufgebrochen. Eine Woche lang, erst Peking, dann Shanghai. Warum nach China?

Weil China nach den USA bereits der zweitwichtigste Exportmarkt für Berliner Unternehmen ist. Und der am stärksten expandierende. Weil China, wie es ein mitgereister Außenwirtschaftsexperte der Industrie- und Handelskammer (IHK) sagt, eine Art Allzeithoch beim Wirtschaftswachstum hat: zurzeit knapp sieben Prozent, doppelt so viel wie Berlin, dreimal so viel wie Deutschland. Unternehmen wie Foton, Huawei, Alibaba, State Grid – teils privat, teils staatlich – sind dabei, die Weltmärkte zu erobern.

Staatliche Megaprogramme wie die „Neue Seidenstraße“, ein gigantisches globales Infrastrukturprogramm, oder auch „Made in China 2025“, ein strukturierter Plan zur Transformation der nominell noch kommunistischen Volksrepublik in ein High-Tech-Wonderland, garantieren Geldströme ohne Ende. Aber nur für Chinesen. Protektionismus ist Staatsdoktrin, Unternehmen aus dem Westen stehen seit Jahren vor der Frage: zugucken oder mitmachen?

Das Motto: nachhaltige Stadtentwicklung

Wie es sich für eine Grüne gehört, ist Pops Reise nach Fernost unter das sehr weitsichtig klingende Motto nachhaltige Stadtentwicklung gestellt. Es geht um Fragen der Mobilität, Energieversorgung, Wasserreinheit, Luftverschmutzung und um „smarte“, also internetgestützte Lösungen für die Probleme wachsender Städte.

Also hat die Senatorin eine der größten Delegationen mit auf Reisen genommen, die je aus der deutschen Hauptstadt aufgebrochen ist. Fast 50 Vertreter aus dem Verkehrs-, Öko-, Energie- und Start-up-Bereich sind dabei, dazu Vertreter der hiesigen Wirtschaftsverbände. Sie wollen bei etlichen von der Außenhandelskammer arrangierten Treffen und Firmenbesuchen Kontakte knüpfen, reden, erste Eindrücke sammeln, was in China möglich wäre. Oder auch schon Kooperationen vereinbaren.

Unternehmer, Anwälte und junge „Entrepreneure“

Ramona Pop steht am Rednerpult im Start-up-Inkubator XNode im Zhang Jiang Hi-Tech Park, dem Silicon Valley Shanghais, wie es hier heißt. Der neue Stadtteil hinter der futuristischen Hochhauswand im Stadtteil Pudong wurde in kaum 15 Jahren hochgezogen, junge Talente aus China und der ganzen Welt versuchen hier ihr Start-up-Glück.

Hinter Pop wird das Wort Berlin in Schriftzeichen, gesprochen „Bai lin“, an eine Wand gebeamt, vor ihr sitzen in einem studentisch wirkenden kleinen Auditorium chinesische Unternehmer, Anwälte und junge „Entrepreneure“, wie man sich hier modisch nennt. „We need an ecological Transformation of the Economy“, spricht die Senatorin ins Mikrofon. Es ist früh, nicht jedes englische Wort („Internationalization“) gelangt holperfrei vom Manuskript in den Saal, doch Pop lächelt die kleinen Zungenbrecher einfach weg.

Nie schnell genug

Die 40-Jährige ist Berlins erste grüne Wirtschaftssenatorin, zuständig auch für Energie und die großen städtischen Betriebe. Von Anfang an hat sie politische Akzente gesetzt, ein landeseigenes Klimastadtwerk gegründet, die Digitalbranche gefördert, die inzwischen ein Fünftel zum seit Jahren überdurchschnittlichen Berliner Wachstum beiträgt.

Sie arbeitet eng mit der strengen Verkehrssenatorin Regine Günther (parteilos, für Grüne) zusammen, will als Aufsichtsratschefin der Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) einen möglichst emissionsfreien Verkehrsmix auf und unter die Straßen der Stadt bringen. Es ist zu spüren, dass sie sich wohlfühlt in dem kraftraubenden Job. „Endlich etwas umsetzen“, sagt Pop. Nur schnell genug geht es ihr nicht. Eigentlich gar nichts.

„Wir stehen vor einem Jahrzehnt der Investitionen“

Ramona Pop weiß, dass man in der Politik Chancen ergreifen muss, wenn sie da sind. Die Grüne vom realpolitischen Flügel hat sich schnell Respekt verschafft in den meist männerdominierten Verbands- und Unternehmerlobbywelten. Anderthalb Jahrzehnte im Abgeordnetenhaus, zuletzt als Fraktionschefin, waren eine gute Vorbereitung für die stets fleißige, schnell denkende Generalistin. Im Haushaltsausschuss des Parlaments, lange Zeit eine Art Kriseninterventionszentrum, hat sie oft genug in den Bilanzen der Landesunternehmen herumgepikt. Ihr macht so leicht keiner was vor, wenn es um Zahlen und Zustände der Hauptstadt geht.

Pop ist als Grüne in die Regierung eingestiegen, als endlich wieder viel Geld da war. Ein unschätzbarer Vorteil. Statt Kürzungsprogramme zu verkünden, darf sie jetzt voller Überzeugung Sätze sagen wie: „Wir stehen vor einem Jahrzehnt der Investitionen.“ Berlins Infrastruktur braucht eine Generalüberholung, die Milliardenbeträge dafür stehen bereit. Der Nachteil: Nun muss Rot-Rot-Grün auch liefern, sonst ist nach einer Wahlperiode schnell wieder alles vorbei mit der ökosozialen Wende.

Der Wahnsinn der Megacity

In China wirken die Probleme der deutschen Hauptstadt dabei gelegentlich etwas schräg, um nicht zu sagen: niedlich. Während der Satz „Berlin wächst“ allen Landespolitikern sofort aus dem Mund fällt, wenn sie ihn nur öffnen, sitzt Ramona Pop in Peking Stadt-Verantwortlichen gegenüber, die wollen, dass der Wahnsinn dieser Megacity mit inzwischen 24 Millionen Einwohnern endlich aufhört. Die Probleme sind nicht mehr beherrschbar, die Stadtverwaltung zieht die Notbremse.

Tägliche Fahrverbote, Zulassungen nahezu nur noch für E-Fahrzeuge, staatliche verordnete Produktionspausen für luftverschmutzende Industrien sind nur ein paar der rigorosen Maßnahmen, mit denen man dem Verkehrskollaps und der Luftverschmutzung begegnet will. Die gesamte Stadtverwaltung soll künftig an den Rand der monströsen Metropole verlagert werden, um Autoströme umzulenken und die Innenstadt zu beruhigen. Das wäre in etwa so, als würde das Rote Rathaus nach Ahrensfelde umziehen. Und zwar ohne den Hauptpersonalrat zu fragen.

Ein abschreckendes Beispiel

Die Berliner Gäste sind jedenfalls sichtlich beeindruckt. „Es darf nicht so weit kommen, dass man morgens erst einmal per App checken muss, wie hoch die Luftbelastung ist – und ob man heute die Atemmaske braucht“, sagt Ramona Pop. Genau das tun die Pekinger, jedenfalls viele. So wirkt die Hauptstadt Chinas, trotz zauberhaftem Kaiserpalast und tulpenbepflanzten Parks im Zentrum, mit ihrer Smogglocke aus Wüstenstaub und Industriepartikeln, mit ihren Dauerstaus trotz U-Bahn-Ausbau und vielspurigen Stadttrassen, auch als abschreckendes Beispiel.

„Da, ein Lastenfahrrad!“ Die Senatorin reckt sich zum Fenster des kleinen karamellfarbenen Busses, der die Delegation in Shanghai durch die Stadt kutschiert, und knipst schnell ein Handyfoto. Nach all dem Hightech im Hochglanzformat endlich mal etwas scheinbar Authentisches: Große Kartons aus Styropor hat ein älterer Mann waghalsig auf dem Gepäckträger zusammengeschnürt, von hinten überragt ihn seine wacklige Fracht, die er durch die Rushhour bugsiert. Gut, das ist vielleicht doch kein so gutes Beispielfoto für die geplante grüne Verkehrswende in Berlin, in der Lastenräder die letzte Meile zu den Händlern übernehmen sollen.

Die zwei Seiten Chinas

Aber es ist ein Beispiel für die Ungleichzeitigkeit im Land. Turboentwicklung auf der einen Seite, China hat inzwischen mehr Milliardäre als die USA. Rückständigkeit, Umweltverschmutzung, Landflucht und teils elende Arbeitsbedingungen von Wanderarbeitern auf der anderen Seite. Dazu ein politisches System, das selbst von den reichsten Privatunternehmern einen Kotau vor dem Staat verlangt, wenn es dem in den Plan passt. Von Überwachung und diktatorischem Rechtssystem ganz zu schweigen.

Wie sie mit diesen Themen umgeht, als deutsche Politikerin bei Treffen mit Parteifunktionären? „Ich kann das nur auf den Feldern ansprechen, für die ich auch zuständig bin“, sagt Ramona Pop im Karamell-Bus. Die beliebte deutsche Forderung, in China bitte auch „die Menschenrechte“ anzusprechen, ist auf der Stellvertreter-Ebene, auf der sich Pop bewegt, wenig hilfreich. So erwähnt Pop in ihren Grußworten stets die Forderung nach Investitionssicherheit und diskriminierungsfreiem Wettbewerb im Rahmen international anerkannter Regeln. Sie hat sich vorher vom Auswärtigen Amt und von der grünennahen Heinrich-Böll-Stiftung beraten lassen, was das Beste wäre. „Ich bin zu unwichtig, um das wirkungsvoll anzusprechen. Das würde nur Schaden für andere bringen.“

Zu unwichtig, sagt sie, ganz ohne Koketterie. Ein kluger, ziemlich seltener Satz im Politikgeschäft.