Berlin - Die Liste der Stellenangebote ist überschaubar. Eine Pharma-Firma sucht einen Finanzbuchhalter – das ist alles, was Stepstone, eine große Online-Börse für Fachkräfte, seit Beginn der Woche an Jobs in Schönefeld hereinbekommen hat. In ganz Deutschland bietet das Portal 55.000 Stellen an, am Standort des neuen Flughafens Berlin-Brandenburg kamen noch im Dezember oft zwei bis drei täglich hinzu.

Seit der erneuten Absage der BER-Eröffnung aber herrscht Flaute, hier wie auf anderen Stellenbörsen. Auch die zuständige Arbeitsagentur in Cottbus meldet Stillstand. „Wir haben am Flughafen etwa zehn freie Stellen“, sagt Pressesprecherin Bianca Kunze.

Auf absehbare Zeit dürfte es so bleiben, befürchten Wirtschaftsexperten, die sich um die Ansiedlung von Firmen in und um Schönefeld kümmern. Denn die nochmalige Verschiebung des Flugstarts auf unbestimmte Zeit lässt mögliche Investoren vorsichtig werden. Die Zukunftsagentur Brandenburg (ZAB) merkte das schon nach der Absage des Eröffnungstermins 2012, wie ihr Sprecher Alexander Gallrein sagt: „Firmen haben geplante Investitionen nach hinten verschoben.“ Zwar sei niemand endgültig abgesprungen, „aber die Unternehmen haben ihre Zeitpläne angepasst“.

Schlechte Zahlen für 2012 erwartet

Angesichts der neuerlichen Verzögerung beim Flugbetrieb werde sich dieser Trend wohl fortsetzen, erwartet Gallrein. „Wir hoffen natürlich, dass es anders kommt, aber jeder ist klug beraten, nicht davon auszugehen.“ Nach zwei fetten Jahren hatten die Wirtschaftsförderer der Region mit einem anhaltenden Boom gerechnet. 2010 siedelten sich über 90 Firmen am künftigen Flughafen an, 4000 Arbeitsplätze entstanden. 2011 waren es schon mehr als 100 Projekte mit 5000 neuen Jobs.

Doch dann kam, wenige Wochen vor der geplanten Eröffnung des BER im Juni, die Absage und damit der Rückschlag auch für die Ansiedlungspolitik. Noch gibt es für 2012 keine Zahlen, aber Gallrein sagt: „Das werden wir im Jahresergebnis mit Sicherheit spüren.“

Der Landrat des Kreises Dahme-Spreeewald, Stephan Loge, bekam die Veränderung schon in den letzten Tagen mit. In seinem Landkreis liegt der BER. „Das Investitionsverhalten stagniert“, sagt er. Die Firmen hielten sich zurück und warteten ab, was geschieht. Er erwartet zwar nicht, dass Unternehmen sich ganz anders orientieren. Aber Loge fürchtet den Imageverlust für seine Region, weil der Landkreis in Gesprächen immer sofort auf das Flughafendebakel reduziert werde. „Dabei haben wir auch ohne den neuen Flughafen mit 7,1 Prozent die geringste Arbeitslosenquote in Brandenburg“, sagt er.

Auch Gerhard Janßen, Chef der Wirtschaftsförderung in Dahme-Spreewald, erwartet eine noch größere Zurückhaltung bei möglichen Investoren. „Die Verschiebung ist ein Hemmnis, weil niemand mehr auf Risiko geht.“ Die Wahrnehmung bei vielen sei, „dass man sich auf nichts mehr verlassen kann“, beim Bau von Büros oder anderem.

Der Chef des Hotels Holiday Inn in Schönefeld, Thomas Tarnok, hat es bereits aufgegeben, auf den Flughafen zu setzen. „Uns hat die erste Absage des Eröffnungstermins im Mai vorigen Jahres voll getroffen“, sagt er. Zehn Millionen Euro Umsatzverlust wies er danach bis zum jetzt auch geplatzten BER-Start am 27. Oktober 2013 aus. „Wir haben rund 100 der 300 Zimmer für die Airlines vorgesehen, die Zimmer stehen jetzt oft leer“, sagt Tarnok. „Aber wir wussten, dass es auch diesmal nicht klappt.“

Das Hotel hatte 2010 rund 50 Millionen Euro investiert, auch in einen Konferenzbereich für 900 Gäste. „Wir setzen bei unseren Buchungen nicht mehr auf den BER, sondern akquirieren in alle anderen Richtungen“, sagt Tarnok.

Die Berliner Senatsverwaltung für Wirtschaft richtete eine Internet-Hotline ein, über die von der BER-Startverschiebung betroffene Unternehmen Hilfe erhalten können:

Service-fuer-BER-Unternehmen@Berlin-Partner.de