Science Week: Berlin kürt die Durchbrüche des Jahres

Datenspeicherung in Pflanzen, sich selbst abbauende Kunststoffe und Robert Downey jr. – die Berlin Science Week vom 1. bis 10. November bietet Faszinierendes.

Blick in eine Veranstaltung der Berlin Science Week im vergangenen Jahr
Blick in eine Veranstaltung der Berlin Science Week im vergangenen JahrFalling Walls Foundation

Anfang November steht Berlin wieder ganz im Zeichen der internationalen Spitzenwissenschaft. Zum siebten Mal lädt die Stadt zur Berlin Science Week. Es ist eine durchaus lange Wissenschaftswoche, denn sie geht vom 1. bis 10. November. Tausende Teilnehmer werden zu etwa 200 Veranstaltungen mit mehr als 400 Aktiven aus vielen Teilen der Welt erwartet – online und live. Auch wird im Rahmen der langen Woche wieder der Berliner Wissenschaftspreis verliehen. Wer ihn bekommt, wird erst am Tag selbst bekannt gegeben.

„Pandemie, Krieg, Klimakrise – wie wichtig wissenschaftlicher Fortschritt, Forschung und Erkenntnis sind, gerade bei der Bewältigung multipler Krisen, das erleben wir eigentlich täglich im Praxiskurs“, sagte die Berliner Wissenschaftssenatorin Ulrike Gote – selbst Geoökologin – bei der Vorstellung des Programms. Egal wie komplex wissenschaftliche Forschung sei, sie müsse „erklärbar sein und zugänglich bleiben“. Dazu trügen die Berliner Wissenschaftseinrichtungen bei. Bei der Berlin Science Week gehe es „genau darum, Wissenschaft und Gesellschaft miteinander ins Gespräch kommen zu lassen“. An der Science Week komme in der wissenschaftlichen Community niemand mehr vorbei. 

„Falling Walls – Dare to Know“, besser könnte man es nicht sagen, sagte Ulrike Gote zum Motto der Berlin Science Week. Das fasse eigentlich alles zusammen, was man in Berlin wolle. „Dare to Know“ könnte man mit „zu wissen wagen“ übersetzen. Und „Falling Walls“ bezieht sich auf den Ursprung der Wissenschaftswoche. Denn die Berlin Science Week entstand 2016 aus der Falling Walls Conference. Und diese war am 9. November 2009 – zum 20. Jahrestag des Falls der Berliner Mauer – ins Leben gerufen worden.

Mauern fallen lassen, statt neue zu errichten

Spitzenforscher sollten in kurzen Vorträgen die nächsten Durchbrüche in ihrem Fach präsentieren. Sozusagen wissenschaftliche Mauerdurchbrüche. Bisher haben unter dem Motto „Falling Walls“ in Berlin bereits 20 Nobelpreisträgerinnen und Nobelpreisträger ihre Forschungen vorgestellt, darunter die Wahlberlinerin Emmanuelle Charpentier (Nobelpreis 2020) und die in diesem Jahr Geehrten: Alain Aspect und Anton Zeilinger (Quantenforschung) sowie Svante Pääbo (Paläogenetik).

„Wir wollen erreichen, mit der Berlin Science Week und dem Falling Walls Science Summit einen Ort  zu schaffen, wo sich einmal im Jahr alle auf der Welt treffen, die für das Thema Wissenschaft, Forschung und Innovation brennen und glauben, dass man damit die Zukunftsprobleme unserer Gesellschaften und unseres Planeten lösen kann“, sagte Jürgen Mlynek, Koordinator der Berlin Science Week von der Falling Walls Foundation. Man wolle das Thema im Herzen Europas stark machen – auch nach wie vor unter dem guten Namen „Fallende Mauern“. Damals, am 9. November 1989, habe in Berlin eine Zeitenwende stattgefunden – gerade jedoch sei man wieder dabei, „Mauern zu errichten, statt Mauern fallen zu lassen“.

Durchbruch in der Mukoviszidose-Behandlung

Die diesjährigen wissenschaftlichen Durchbrüche („Science Breakthroughs 2022“) werden vom 7. bis 9. November im Berliner Radialsystem auf einer Art Gipfeltreffen – dem Falling Walls Science Summit – präsentiert. Das Motto lautet übersetzt: „Welche Mauern fallen in Wissenschaft und Gesellschaft als Nächstes?“ Die ersten zehn internationalen Preisträger in den verschiedenen Kategorien wurden bereits verkündet – ausgewählt von einer Jury aus 1000 Nominierungen, die aus 105 Ländern eingereicht worden waren.

Gespräch mit dem „Digitalen Einstein“ in einer Ausstellung der ETH Zürich auf der Berlin Science Week 2021.
Gespräch mit dem „Digitalen Einstein“ in einer Ausstellung der ETH Zürich auf der Berlin Science Week 2021.Falling Walls Foundation

Zu den Preisträgern gehört der Mediziner Marcus Mall von der Charité Berlin – und zwar für einen Durchbruch in der Mukoviszidose-Behandlung. Er leitete eine erfolgreiche klinische Studie mit einer „hochwirksamen Dreifach-Kombinationstherapie“, die die Lungenfunktion und die Lebensqualität bei der Mehrheit der Patienten mit dieser schweren Krankheit „beispiellos“ verbessere, wie es zur Begründung heißt. Die Materialwissenschaftlerin Ting Xu von der University of California, Berkeley, wiederum fand eine Lösung für den biologischen Abbau von Kunststoffen. Mit Enzymen kann Kunststoff so programmiert werden, dass er sich irgendwann zu mehr als 95 Prozent in Moleküle auflöst, die von Mikroben im Boden als Nahrung genutzt werden.

Für einen Durchbruch im Bereich „Future Learning“ wird die Libanesin Aline Sara, Chefin des Unternehmens NaTakallam („Wir sprechen“), ausgezeichnet. Dieses bietet der Darstellung zufolge digitale Sprachdienste wie Sprachkurse, Übersetzungen, virtuelles Dolmetschen und kulturellen Austausch an. Es verbindet unter anderem Flüchtlinge und Vertriebene aus Syrien, Venezuela, Jemen, Irak, Kolumbien und anderen Ländern über Skype mit Studenten weltweit. Es ist ein Möglichkeit, Sprachkundige, die sonst kaum Arbeit finden, als Online-Tutoren, Lehrer und Übersetzer einzustellen. 

Pflanzen-DNA als Speichermedium für Texte, Bilder und Töne

Nahezu sensationell ist auch die Arbeit von Monika Seyfried, Cyrus Clarke und Jeff Nivala. Das internationale Team von Forschern und Designern wird geehrt für seinen „wissenschaftlichen Durchbruch zu organismusbasierten Datenzentren“. „Data Garden“ heißt ihr Datenzentrum, in dem Text-, Bild-, und Tondateien in der DNA von Tabakpflanzen und Arabidopsis (Ackerschmalwand) gespeichert sind. Die Dateien können im Rahmen einer Installation über spezielle Sequenzer abgerufen werden. Es geht hier nicht nur um neuartige, sondern auch um klimaneutrale Speichermethoden mithilfe von Organismen, die ihre eigene Energie erzeugen.

Zu den Geehrten gehört auch der Schauspieler Robert Downey jr. („Chaplin“, „Iron Man“, „Sherlock Holmes“), der mit der Managerin Rachel Kropa für das Projekt „Science Engine“ ausgezeichnet wird. So nennt sich eine Initiative der FootPrint Coalition, die der Schauspieler ins Leben gerufen hat. Es ist eine NGO „von Investoren, Spendern und Geschichtenerzählern“, die unter anderem Umwelttechnologien und nachhaltige Projekte fördert.

„Science Engine“ ermögliche es Wissenschaftlern, „ihre Forschungen zu Klima- und Biodiversitätskrisen zu teilen und über Crowdfunding zu finanzieren, indem sie direkt mit dem Publikum der Plattform in Kontakt treten“, heißt es zur Erklärung. Es ist also eine Möglichkeit, Klima- und Umweltforschung schnell und innovativ zu finanzieren. Leider kann Robert Downey jr. wegen anderer Verpflichtungen nicht selbst nach Berlin reisen. Aber die mit ausgezeichnete CEO seiner NGO, Rachel Kropa, wird das Projekt „Science Engine“ vorstellen.

Wissenschaftler, Science-Dummy oder einfach nur neugieriger Mensch

Globale Herausforderungen stehen auch im Mittelpunkt einer Reihe von Diskussionsrunden unterschiedlicher Art im Programm Falling Walls Circle. Dabei geht es unter anderem um folgende Themen: „Wie man die Wissenschaft in der Ukraine nach der russischen Aggression neu startet“, „Verantwortungsvolle Führung als Hebel für Veränderungen“, „Psychische Gesundheit für alle: Globaler Aktionsplan gegen Demenz und Altersdepression“, „Die Zukunft sauberer Energietechnologien: Beschleunigung des Übergangs zur CO₂-Neutralität“ und „Die Anwendung künstlicher Intelligenz in der Medizin“.

Das Festivalprogramm bietet darüber hinaus unzählige weitere Formate: zum Beispiel Workshops, Ausstellungen, sogenannte Slams, Erlebnisse mit virtueller Realität (VR) oder Filmvorführungen. Wie sich eventuelle neue Corona-Auflagen auf diese Veranstaltungen auswirken, konnte der Koordinator Jürgen Mlynek bei der Programmvorstellung noch nicht sagen. Mit dabei sind auch dieses Mal viele bekannte Berliner Institutionen, darunter das Zeiss-Großplanetarium, wo junge Wissenschaftler in aller Kürze ihre Forschungsprojekte vorstellen. Wer „die Herzen der Zuschauer:innen“ gewinne, werde zum Sieger gekürt, heißt es in der Ankündigung. Aber es geht wohl gleichermaßen auch um die Köpfe.

Mit dabei sind auch Orte wie das Futurium, der KI-Campus, das Humboldt-Labor, das Tieranatomische Theater. Das Museum für Naturkunde wird am 4. und 5. November 2022 zum Festivalzentrum namens Berlin Science Week Campus – zum ersten Mal gemeinsam mit der Humboldt-Universität. Eingeladen ist jeder, egal ob „eine (zukünftige) Wissenschaftlerin, ein Student, ein Science-Dummy oder einfach ein neugieriger Mensch“, wie es in der Ankündigung heißt. Der Schwerpunkt der beiden Tage lautet: „Paradigm Shift. Co-Creating a Sustainable Now!“ Man hätte es auch auf Deutsch schreiben können, etwa so: „Paradigmenwechsel. Ein nachhaltiges Jetzt mitgestalten!“ Aber Berlin will sich ja international präsentieren.

Improvisationstheater für die Wissenschaft

Unter anderem laden die Scientists for Future dazu ein, sich in einer Art Theaterwerkstatt kreativ mit der Klimakrise auseinanderzusetzen. „Unsere Welt steht in Flammen! Das Dürrejahr 2022 mit seinen ausgetrockneten Flussbetten in Europa, China und Nordamerika macht deutlich, dass wir JETZT handeln müssen“, schreiben die Veranstalter. „Doch viele Menschen erstarren vor der Komplexität dieser globalen Aufgabe.“ Die gemeinsame Klimawerkstatt soll „Zukunftsbilder für mehr Mut in der Klimakrise“ schaffen. Die Veranstaltung heißt „Puck You!“ – und was die Klimakrise mit Shakespeare zu tun hat, wird man gewiss auch erfahren. 

Zum ersten Mal ist die Deutsche Allianz für Meeresforschung mit dabei. Im Programm „Wie das Meer dem Klima helfen kann“ sprechen Forscherinnen und Forscher über ihre Erfahrungen und mögliche Lösungsansätze in der Klimakrise. Die Universität Zürich geht in einem Workshop der Frage nach, wie nachhaltige Textilien entstehen. Züricher Institutionen seien in diesem Jahr so etwas wie „Premium-Partner“ der Berlin Science Week, sagte Jürgen Mlynek.

Die Hochschule für Technik und Wirtschaft Berlin fragt, „wie wir in Zukunft unabhängig von Erdgas und klimaneutral werden können“. Die Berlin University Alliance interessiert sich dafür, ob „Improvisationstheater zu hilfreichen Impulsen für die Forschung führen“ könne. Und das Climate Change Center befasst sich mit der Bedeutung von Wissenschaftskommunikation in der Klimakrise. Wie können Forscher ihre Arbeiten einer größeren Öffentlichkeit vorstellen? Es geht also sehr stark darum, Wissenschaft und Gesellschaft zusammenzubringen, mehr über Wissenschaft zu diskutieren, neue Formen zu nutzen – etwa die Kunst – und gemeinsam mögliche Lösungen zu suchen. Wissenschaft und Kunst treffen zum Beispiel in einer Ausstellung zur Genforschung zusammen.

Gäste aus Zürich bringen Ökobeichtstuhl mit

Neben der Corona-Pandemie (für die die Aufmerksamkeit eher verblasst) sind die Klimakrise und die Energien von morgen große Felder, in denen Menschen drängende Fragen haben. Zu den großen Themenbereichen der Berlin Science Week gehören „Gesundheit und Wohlbefinden“, „Erforschung von Erde und Weltraum“, „Gesellschaftliche Trends und Transformationen“, „Innovative Technologien“ und „Zukunft von Leben und Arbeit“, um nur einige zu nennen. Aber es geht auch um „Science Fun“, also den Spaß an Wissenschaft. Zum Beispiel mit dem „Ökobeichtstuhl“, auf dem man seine „Ökosünden“ beichten und in den „Öko-Himmel“ kommen könne, wie es in der Ankündigung heißt. Mit dabei Wissenschaftler der ZHAW – Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften.

„Oft sind wir uns gar nicht bewusst, welche Auswirkungen unsere täglichen Handlungen haben – positiv wie auch negativ“, so die Veranstalter. „Das Ökosünden-Spiel zeigt auf, wie groß die Umweltauswirkungen von Ökosünden und guten Taten im Alltag sind.“ Spielerisch und nicht mit drohendem Zeigefinger soll hier unter anderem die Rolle von „Life Cycle Thinking“ dargestellt werden. Mit diesem „Lebenszyklusdenken“ ist eine ganzheitliche Sicht auf Produkte gemeint – von der Rohstoffgewinnung über Ressourcenverbrauch, Produktion, Verpackung, Transport, Konsum bis zu deren „Lebensende“ als Abfall oder als recyceltes Produkt.

Das Programm der Berlin Science Week findet sich im Internet unter: berlinscienceweek.com/de/programme/