Es hat sehr lange gedauert, bis die Humboldt-Universität (HU) endlich ein Buch auf den Weg brachte, das sich mit ihrer einstigen Beteiligung an einem der größten Verbrechen der Menschheitsgeschichte auseinandersetzt. Immerhin sind 77 Jahre seit Kriegsende vergangen. Am Mittwochabend nun wurde im HU-Hauptgebäude Unter den Linden die Schrift „Wissenschaft plant Kriegsverbrechen: der Umgang der Humboldt-Universität zu Berlin mit dem nationalsozialistischen Generalplan Ost“ vorgestellt.

„Der Generalplan Ost ist vielen Menschen unbekannt“, sagte der Historiker Sven Oliver Müller, Autor der  144-seitigen Publikation. Dabei sei er ein „wesentliches Element des Vernichtungskrieges“ gewesen. Der Plan enthielt die Grundlagen für die gewaltsame „Eindeutschung“ riesiger Gebiete von Osteuropa bis ins tiefe Sibirien hinein. Konkret sollten in etwa drei Jahrzehnten 30 bis 40 Millionen „rassisch unerwünschter“ Menschen deportiert werden – vertrieben, ermordet oder dem Hungertod preisgegeben. Dafür sollten 14 bis 16 Millionen Siedler – Deutsche, Holländer, Norweger – als „Wehrbauern“ das Land bewirtschaften und einige Millionen „slawische Untermenschen“ als Zwangsarbeiter schuften. Das deutsche Neuland sollte Namen tragen wie „Ingermanland“, „Gotengau“ oder  „Memel- und Narewgebiet“.

Den Auftrag zum Generalplan Ost erteilte Heinrich Himmler, Reichsführer SS, der auch die wesentlichen Entscheidungen traf, wie es in dem Buch heißt. Mit der Ausarbeitung beauftragte er einen höheren SS-Offizier, den er schon lange kannte: Konrad Meyer. Der 1901 geborene Niedersachse war seit 1934 Professor für „Ackerbau und Landbaupolitik“ und Direktor des Instituts für Agrarwesen an der Berliner Universität, die damals Friedrich-Wilhelms-Universität hieß. Meyer wurde zugleich Chef des Planungsamtes des neuen Reichskommissars für die Festigung deutschen Volkstums (RKF).

Interdisziplinäre Grundlagenforschung für den Massenmord

Als führender Agrarwissenschaftler mit guten Verbindungen baute Meyer seinen Einfluss auf viele Dienststellen des Reichs aus. Er schaffte es, dass eine halbe Million Reichsmark an Mitteln von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) in den Generalplan Ost flossen. Es entstanden fünf Varianten. Die wichtigste wurde am 28. Mai 1942 an Himmler übergeben.

Sven Oliver Müller beschreibt die monströsen Planungen nicht als Werk einzelner Täter, sondern bettet sie in die langfristigen Entwicklungen des akademischen Betriebs ein. Wissenschaftler verschiedenster Disziplinen waren beteiligt. Dazu gehörten: Agronomie, Soziologie, Anthropologie, Biologie, Jura, Geologie, Medizin und Architektur. Es handelte sich laut Müller um eine „interdisziplinär aufgestellte moderne Grundlagenforschung“.

Die Wissenschaftler der Berliner Universität sowie  anderer Institutionen und Hochschulen machten sich mitschuldig am Massenmord. Denn der Generalplan Ost blieb nicht nur Theorie. Im besetzten Polen etwa vertrieben die Nazis etwa 800.000 Menschen, um Platz für Siedlerfamilien aus dem Westen zu schaffen, und deportierten mehr als 1,7 Millionen Männer als Zwangsarbeiter ins Deutsche Reich.

Bisher sei die Rolle von Wissenschaftlern bei den Naziverbrechen – ihre Taten, ihre Publikationen – „noch ein Feld, das wenig behandelt und untersucht ist“, sagte der Historiker Michael Wildt, Professor an der HU, der maßgeblich an der Entstehung des Buchs mitgewirkt hat. Das betreffe alle Universitäten. Hier sei noch „einiges an Forschung nötig“, so Wildt. Laut Sven Oliver Müller müssten etwa die Strukturen noch besser erforscht werden: der konkrete Austausch der Wissenschaftler untereinander sowie mit ihren Vorgesetzten und der Politik.

Die Verbrechen von Wissenschaftlern interessierten lange niemanden

Lange hätten die Verbrechen von Wissenschaftlern in Ost und West niemanden interessiert, heißt es in dem Buch. Auch die Humboldt-Uni brauchte mehrere Anstöße von außen, um sich endlich mit ihrer widersprüchlichen Geschichte zu befassen. „Vor 1989 glaubte meine Universität, durch eine antifaschistisch-demokratische Erneuerung der Universität einen Schlussstrich unter die Vergangenheit gezogen zu haben“, so wird der ehemalige HU-Präsident Christoph Markschies zitiert. Nach der DDR-Ideologie saßen die alten Nazis vor allem im Westen. Alle, die am neuen Weg des Sozialismus mitwirkten, hätten die richtigen Lehren aus der deutschen Geschichte gezogen.

Nach dem Ende der DDR gab es unzählige andere Probleme an der Uni. Wie so oft setzten erst Initiativen von Studenten die Auseinandersetzung mit der eigenen Nazivergangenheit in Gang. 2002 gab es zum ersten Mal zwei öffentliche Stellungnahmen zum Generalplan Ost – vom HU-Präsidenten und dem Dekan der Landwirtschaftlich-Gärtnerischen Fakultät. Anlass war der 60. Jahrestag der Übergabe der wichtigsten Fassung des Plans an Himmler. 2008 präsentierte man im Haus die DFG-Wanderausstellung zum Generalplan Ost. Warum die HU nicht selbst eine Dokumentation vorlegte oder eine Ausstellung im In- und Ausland zeigte, bleibe erklärungsbedürftig, so Sven Oliver Müller.

Konrad Meyer konnte auch nach 1945 als Professor wirken

„Ziel der Publikation ist es, die Debatte darüber nicht zu einem Abschluss zu bringen, sondern intensiv fortzuführen“, erklärt die HU. „So fehlt bis heute eine Biografie über den Haupttäter Prof. Dr. Konrad Meyer und ebenso eine vergleichende Forschung, die den Umgang der HU mit NS-Verbrechen mit der Vergangenheitsaufarbeitung anderer deutscher Universitäten ins Verhältnis setzt.“

Konrad Meyer wurde übrigens 1948 vom Internationalen Militärgerichtshof in Nürnberg freigesprochen, weil er – wie er vermitteln konnte – „rein wissenschaftlich“ gearbeitet und mit den praktischen Wirkungen des Generalplans Ost nichts zu tun gehabt habe. Er wurde 1956 Professor für Landesplanung und Raumforschung, dieses Mal in Hannover, erhielt wieder DGF-Fördergelder, betrieb eine Zeitschrift, war sogar politischer Berater. Er starb 1973.

Sven Oliver Müller: „Wissenschaft plant Kriegsverbrechen: der Umgang der Humboldt-Universität zu Berlin mit dem nationalsozialistischen Generalplan Ost“, erschienen in der Reihe „Neues aus der Geschichte der Humboldt-Universität zu Berlin“, als PDF herunterladbar unter: edoc.hu-berlin.de/handle/18452/25440