„Wer nackt Würde zeigt, gibt sich keine Blöße.“ Wer möchte dem deutsch-österreichischem Autoren und Fotograf Klaus Ender da schon widersprechen? Denn wer sich aller Hüllen entledigt und mutig ob der eigenen vermeintlichen Unvollkommenheit dem gesellschaftlichen Dogma der ästhetischen Selbstoptimierung entgegentritt, ist nicht etwa blößenwahnsinnig. Er ist mutig und frei. Vorausgesetzt die selbstgewählte Nacktheit ist fern von stumpfem Exhibitionismus und versteht sich stattdessen als tapferes Statement für selbstbewusste Natürlichkeit.

Die Berliner Fotografin Sophia Vogel hält diesen rebellischen Akt der Loslösung von Schönheitsidealen und Stereotypen in ihren Bildern fest. Für ihr Fotoprojekt „With and Without“ porträtiert sie Menschen gleich zweimal in identischer Pose. Einmal mit Kleidung und einmal ohne. Ihr Ziel: Nacktheit zu entsexualisieren. So entstehen Bilder von eindrücklicher Selbstverständlichkeit. Wir haben mit Sophia Vogel über ihr Projekt gesprochen:

Frau Vogel, was unterscheidet Ihre Fotos von anderen Aktaufnahmen und können Fotos von nackten Menschen noch etwas besonderes sein?

Die Aktaufnahmen, die zu „With and Without“ entstehen sind sehr natürlich, es handelt sich um alltägliche Motive: Menschen in ihrem Zuhause, an ihrem Arbeitsplatz oder in Freizeitsituationen. Diese natürliche Darstellung der Nacktheit ohne sexuelle Posen unterscheidet meine Fotografien von anderen Aktaufnahmen.

Die Aktfotografie ist seit Jahren im Wandel, die Nacktheit rückt ein wenig aus der Tabuisierung und aus dem ausschließlichem Kontext zur Sexualität, nun Nacktheit im Natürlichen anzusehen, ist für die Betrachter gewiss spannend.

Was hat Sie zu Projekt „With and Without“ gebracht?

Es gibt viele Punkte, die mich zu diesem Fotoprojekt geführt haben. Der Druck ein geschlechtliches Wesen zu sein ist für alle Menschen allgegenwärtig. Dadurch, dass wir im Alltag angesehen und durch andere bewertet werden, haben wir einen großen Anspruch an uns selbst. Die Modeindustrie und andere überschütten uns mit Schönheitsidealen und Kritiken an Körpern.

Die Kommunikation im Internet ist ein großer Bestandteil des heutigen Lebens, ebenso die Selbstdarstellung dort. Ich halte es für die Persönlichkeitsentfaltung vieler Menschen hinderlich diesem Selbstoptimierungsdruck zu unterstehen, dagegen möchte ich mich mit dem Fotoprojekt aussprechen und mit den verschiedenen Körperformen und natürlichen Körperhaltungen zeigen, dass jeder schön ist, so wie er ist.

Ist es überhaupt möglich, Nacktheit zu entsexualisieren - insbesondere auf Fotos? Inwieweit die Aufnahmen im sexuellen kontextualisiert werden, hängt doch auch immer vom Betrachter ab.

Ich habe mich dafür entschieden, die Intimbereiche auf meinen Aufnahmen zu bedecken um das Auge des Betrachters gezielt auf die Nacktheit an sich zu ziehen und nicht auf die jeweiligen Geschlechtsteile der Menschen. Die Hintern der Personen sieht man, da dieser bei beiden Geschlechtern vorhanden ist. Bestimmt wird es Betrachter geben, die der Aktaufnahme etwas Attraktives entnehmen, jedoch finde ich es fehlerhaft Nacktheit per se mit Sexuellem zu verbinden. Im Gesamtkonzept sieht man stark, dass die Personen zwar nackt sind, aber es eben nicht im sexuellen Kontext steht, sondern für das Wohlfühlen in der eigenen Haut.

Wie sehen Sie Ihre Rolle als Fotografin bei diesen Aufnahmen?Würde ein Mann etwa anders porträtieren?

Das Wichtigste ist, dass ein Vertrauensverhältnis zwischen dem Fotografen und den Modellen entstehen kann. Wenn diese Offenheit und Aufrichtigkeit ein männlicher Fotograf mitbringt, stünden ihm auch alle Türen offen ein solches Projekt durchzuführen. Das gesamte Fotoprojekt ist sehr von Vertrauen geprägt.

Warum brauchen Sie den Kontrast zwischen Nacktfoto und der Aufnahme, auf dem die Models anzogen sind? Könnte nicht auch das Nacktfoto für sich alleine stehen?

Ich arbeite im Zuge des Projektes mit einem Zitat von Heinrich Heine: „Wenn wir es recht überdenken, stecken wir doch alle nackt in unsern Kleidern.“ Dieser leitet mich sehr an. Ich möchte zeigen, dass das Nacktsein, neben dem Angezogensein ganz natürlich ist und alle Menschen in der hiesigen Gesellschaft mit diesen Problemen zu tun haben. 

Die Kleidung erzählt, genauso wie das persönliche Umfeld auf den Fotografien, noch etwas mehr für die jeweilige Person. Ebenso kaschiert man mit der Kleidung viel, sie dient auch den eigenen Unsicherheiten als Schutz. Ich finde Menschen sollten sich für sich stark machen und sich nicht in die gesellschaftkonformen Körperideale quetschen. Beide Punkte machen die Gegenüberstellung des Fotos auf dem die Person bekleidet ist und die auf dem sie unbekleidet ist, sehr wichtig.

Wie finden Sie Ihre Models und was bringt diese dazu, an Ihrem Projekt teilzunehmen?

Die Menschen, die mitwirken möchten, melden sich über das Kontaktformular auf der Projekt-Website oder auf Instagram. Oft ist es so, wenn ich Termine in WG's habe, das Menschen spontan mitmachen! Mundpropaganda spielt auch eine Rolle.

Es gibt ganz individuelle Gründe der Teilnehmer, ich bekomme viele persönliche Geschichten erzählt. Ganz eigene Schicksale über Krankheiten und Mobbingfälle, aber auch Menschen, die sich schon immer sehr wohl in ihrem Körper fühlen und es toll fänden, wenn mehr Selbstliebe, Offenheit und Akzeptanz bestünde.

Beschreiben Sie doch einmal den Ablauf eines Shootings. Wer entscheidet über die Pose oder das Setting und besprechen Sie vor eine Art „Drehbuch“?

Ich möchte durch die Bilder im natürlichen Umfeld der Menschen etwas über die jeweilige Person erzählen und inszeniere keine Situationen. Das Motiv besprechen wir im Vorgespräch per E-Mail. Ich frage nach den alltäglichen Situationen der Modelle und bespreche mich gemeinsam mit ihnen, wo und wie wir diese umsetzen. Daraufhin machen wir einen Termin aus. Ich nehme mir für jeden gerne so viel Zeit, wie er braucht und führe immer wieder tolle Unterhaltungen. In der Regel sind die beiden Fotos in 30 Minuten aufgenommen.

Das klingt alles sehr spontan und befreit. In „With and Without“ geht es ja primär um die Loslösung von Stereotypen und Idealen. Können Aktaufnahmen am Ende tatsächlich eine therapeutische Wirkung bis hin zur mehr Selbstakzeptanz haben?

Ich kann diese Frage nur als Künstlerin und nicht als psychologisch geschulte Person beantworten. Ich für meinen Teil denke, dass Bilder - also ein Medium, welches für alle gut verständlich ist - ganz klar Einflüsse auf einen ausübt und verschiedenes in einem bewegen kann.

Werbekampagnen, die seit vielen Jahren mit Bildern von immer „gleich-dünnen“ Frauen und Männern „nur mit Sixpack“ laufen, setzen Menschen negativ unter Druck so aussehen zu wollen, denn das wird ja als das „richtige Schönsein“ propagiert. Gleichermaßen ist es möglich mit Bildern ein Bewusstsein für individuelle Körperformen zu schaffen, wie ich das in meinem Fotoprojekt, aber auch andere Künstler tun. Das Ziel des Fotoprojektes ist auch nicht das Aufrufen zum Nacktsein, sondern Menschen dazu zu sensibilisieren sich anzunehmen und wohl in ihrer Haut zu fühlen.

Das Gespräch führte Clemens Schnur.

Mehr Informationen finden Sie unter http://sophiavogel.de/withandwithout/ und https://www.instagram.com/sobirdy/.