„Die DDR hat ihr eigenes Nationalgericht: Gedämpfte Zunge.“ Es ist nicht gerade ein Schenkelklopfer, mit dem der CDU-Politiker Heinrich Lummer sein vor 40 Jahren erschienenes Traktat „Der politische Witz in der DDR“ einleitete. Aber der damalige CDU-Fraktionschef im Westberliner Abgeordnetenhaus und eingeschworene Antikommunist wollte auch keine Witzsammlung veröffentlichen, sondern eine literatur- und polittheoretische Abhandlung über die Funktion, die eine solche – wie es Lummer nannte – „Verteidigungswaffe des Geistes“ in Staaten besitzen, die keine demokratische Opposition dulden.

Von einer „Witz-Opposition“ in undemokratischen Staaten spricht der Autor in seiner heute weitgehend vergessenen Schrift: „Das Lachen drückt Konsens aus. Insofern ist der politische Witz eine denkbar ernste Angelegenheit.“ In totalitären Systemen sei er oft die einzige Möglichkeit, „die Dinge mit gedämpfter Zunge beim Namen zu nennen“, so Lummer.

Weder Verlag noch Druckerei

Dass sich der Oppositionsführer und Chef der stärksten Fraktion im Abgeordnetenhaus publizistisch mit dem Thema des politischen Witzes in der DDR auseinandersetzt, gehört rückblickend eher zu den Kuriositäten im Kalten Krieg zwischen Ost und West.

Vier Jahrzehnte später sind die Hintergründe dieser Aktion kaum mehr aufzuklären. Das 35-seitige Heftchen weist weder einen Verlag noch eine Druckerei aus, bei der man nach der damaligen Auflagenhöhe fragen könnte. Auch lässt sich nicht mehr klären, auf welchen Widerhall Lummers – inhaltlich eher banale – Analyse traf und wer das Heftchen finanziert und inspiriert hat. Der heute 85-jährige Ex-Politiker ist auch nicht erreichbar – er hat sich nach einem Schlaganfall 2003 aus dem öffentlichen Leben zurückgezogen.

Kooperation mit Pullach?

Gut möglich, dass der Bundesnachrichtendienst seinerzeit die Finger mit im Spiel hatte. Schließlich pflegte Lummer seit 1962 bis mindestens 1978 enge Bande zum Auslandsgeheimdienst, der unter anderem die Libanon-Reisen des CDU-Rechtsaußen in den 1970er-Jahren finanzierte. Und hatte der BND nicht auch Ende 1977 die Geheimoperation „DDR-Witz“ gestartet?

Um einen Eindruck von der Stimmung im Osten und der Haltung der DDR-Bürger zur SED-Führung zu gewinnen, begann man in Pullach damals, die politischen Witze im Arbeiter- und Bauernstaat nachrichtendienstlich zu erfassen und auszuwerten. Eine erste Witze-Akte wurde am 11. November 1977 an den damaligen SPD-Kanzler Helmut Schmidt übergeben. War Lummers ein Jahr später erschienene Abhandlung also ein Produkt der Kooperation des CDU-Politikers mit Pullach?

„Kleiner Napoleon des gesunden Volksempfindens“

Der rhetorisch begabte Rechtspopulist Heinrich Lummer war in den 1970er- und 1980er-Jahren einer der einflussreichsten Politiker Westberlins. 1932 in Dortmund geboren, war er schon mit 20 der CDU beigetreten. 1962 schloss er sein Studium an der Freien Universität als Diplom-Politologe ab. In der Westberliner CDU arbeitete sich der Politiker systematisch nach oben. Nach den Wahlen 1967 zog er für die CDU ins Abgeordnetenhaus ein, zwei Jahre später schon war er deren Fraktionschef im Landesparlament.

1981 übernahm er unter dem Regierenden Bürgermeister Richard von Weizsäcker den Posten des Innensenators und ging mit harter Hand gegen Hausbesetzer und Linke vor. Lummers streng antikommunistische Ausrichtung, aber auch seine verbalen Ausfälle gegen Einwanderer und SPD-Politiker sowie antisemitisch geprägte Äußerungen brachten ihm bei vielen Wählern der „Frontstadt“ große Sympathien ein. Als „kleiner Napoleon des gesunden Volksempfindens“ schmähte hingegen die SPD den 1,58 Meter großen Möchtegern.

Es drohe wenig Gefahr

Auch der Stasi war Lummer frühzeitig ins Visier geraten, was hauptsächlich an dessen medienwirksamen Attacken und Ausfällen gegen die DDR-Führung lag. Regelmäßig wurden Lummers Artikel und Schriften ausgewertet, sofern sie sich gegen das SED-System richteten. Kein Wunder also, dass auch die Witz-Broschüre 1978 umgehend kritisch ausgewertet wurde. Das Heft sei eine „Hetzschrift“, die „ihrem Wesen nach auf eine Diskreditierung und grobe Verleumdung der gesellschaftlichen Verhältnisse in der DDR gerichtet“ sei, heißt es in einem Aktenvermerk aus der MfS-Analyseeinheit Zentrale Auswertungs- und Informationsgruppe (ZAIG).

Die darin aufgeführten 78 Witze seien sowohl gegen führende Repräsentanten als auch gegen die Schutz- und Sicherheitsorgane gerichtet und würden konkrete gesellschaftspolitische Verhältnisse beziehungsweise geschichtliche Entwicklungsetappen der DDR verleumden und verzerren, analysierte die ZAIG. Doch drohe von der Broschüre, sollte sie in die DDR gelangen, wegen ihres mangelnden Neuigkeitswertes wenig Gefahr, schätzte die Stasi noch ein: „Überprüfungen zufolge war ein erheblicher Teil der von Lummer verwendeten ‚Witze‘ unter der Bevölkerung der DDR bereits im Umlauf.“

Die HVA schickt lange Beine

Nicht nur durch seine Veröffentlichungen hatte sich Lummer bei der Stasi den Status eines Staatsfeindes erarbeitet. Beunruhigend fand das MfS auch seine häufigen Einreisen nach Ostberlin, bei denen er „vor allem in Gaststätten gezielt den Kontakt mit DDR-Bürgern gesucht und mit ihnen über Politik diskutiert“ habe. Allein zwischen 1973 und 1979 war er laut Stasi 83 mal in den Ostteil der Stadt gereist.

Gleichwohl suchte Lummer in Ostberlin nicht nur politisch interessierte Gesprächspartner, sondern auch attraktive junge Frauen. Und da fand die für Auslandsspionage zuständige Stasi-Hauptverwaltung A (HVA) einen guten Ansatzpunkt, den CDU-Politiker in Bedrängnis zu bringen.

Bereits 1973 hatte die HVA eine attraktive und kluge 25-Jährige mit langen Beinen an den kleingewachsenen Politprofi aus der Frontstadt herangespielt. Acht Jahre lang pflegte die dunkelhaarige Schöne eine Liaison mit Lummer, dem sie sich als Susanne Rau und Mitarbeiterin im staatlichen DDR-Kunsthandel vorgestellt hatte.

Der Anfang vom Ende

Viermal jährlich – so behauptete es später Lummer – trafen sich die beiden in Ostberlin. Mit Bekannten der schönen Susanne und Westberliner Freunden Lummers unternahm das Paar Ausflüge zum Müggelsee oder durchstreifte die Altstadt von Köpenick. Das MfS war immer dabei – und lag auch in der Wohnung der Frau auf der Lauer, in die sich die Verliebten zu ihren Schäferstündchen zurückzogen.

Jahre später, im Sommer 1991, erinnerte sich der HVA-Offizier Günther Bohnsack in einem Spiegel-Interview daran: „Kollegen müssen die Zimmerdecke durchbohrt und von oben geknipst haben. Man sah nur einen nackten Rücken und das blanke Hinterteil.“

Stasi-Honigfalle Susanne Rau 

Mit den delikaten Fotos wollte die HVA offenbar Lummer zu einer Zusammenarbeit mit dem MfS drängen. Tatsächlich lockte die Stasi-Honigfalle Susanne Rau ihren Liebhaber im März 1981, zwei Monate vor den Berliner Abgeordnetenhauswahlen, in eine Wohnung nahe der Karl-Marx-Allee in Berlin-Friedrichshain. Zwei Männer waren dabei, die sich als „Lindner“ und „Wagner“ vorstellten und mit dem CDU-Politiker bei Speisen und Getränken ein ausführliches politisches Gespräch führten.

Sechs Wochen später folgte ein zweites Treffen mit Susanne und ihren beiden Begleitern von der HVA, in dem die Herren schon deutlicher wurden, was die weiteren Kontakte mit dem amtierenden Westberliner Parlamentspräsidenten anbelangte.

Schluss mit Tête-à-Têtes

Lummer, der nach der Abgeordnetenhauswahl vom Mai 1981 Innensenator von Westberlin wurde, lehnte nach eigenen Angaben weitere Treffen mit „Lindner“ und „Wagner“ ab; und auch seiner Susanne ging er zunehmend aus dem Weg, fuhr nur noch selten nach Ostberlin.

Die HVA schickte ihm daraufhin mit der Post die eindeutigen Fotos seiner Tête-à-Têtes mit der schönen Susanne, was den CDU-Politiker dazu brachte, sich dem ihm unterstellten Verfassungsschutzchef von Westberlin zu offenbaren. Auch der BND wurde offenbar in Kenntnis gesetzt, ebenso die Berliner CDU-Spitze.

Als Lummer 1986 über seine Verwicklung in einen Bauskandal und seine früheren Verbindungen zu Neonazis stolperte und das Amt als Innensenator aufgeben musste, nahm das ein wenig Dampf aus dem Kessel. Dabei hätte die Stasi noch jederzeit einen veritablen Skandal auslösen können, denn Lummer blieb Vizechef des CDU-Landesverbandes und war als Bundestagsabgeordneter Mitglied des Auswärtigen Ausschusses und des Unterausschusses für Abrüstung und Rüstungskontrolle.

Eine pragmatischere Linie

Dass die Spionageaffäre jedoch erst im September 1989 aufflog, als der Spiegel unter Berufung auf Ermittlungsakten die Geschichte um die Stasi-Braut des Polit-Bulldozers enthüllte, lag möglicherweise auch an einer Personalrochade in der Normannenstraße: 1986 schied Markus Wolf, der nach eigenen Aussagen keine Skrupel gehabt hätte, Lummer über die Klinge springen zu lassen, auf eigenen Wunsch aus der HVA aus.

Sein Nachfolger Werner Großmann verfolgte danach im Fall Lummer offenbar eine pragmatischere Linie als sein Vorgänger. Zumal die Stasi ein wichtiges Ziel sowieso längst erreicht hatte – von 1983 an bis zum Mauerfall reiste Lummer nicht mehr nach Ostberlin.