Als die ARD nach dem Deutschlandspiel gegen Ghana von Rio de Janeiro in die Heimat schaltete, um Fan-Reaktionen zu zeigen, ging es nicht zur berühmten Fanmeile ans Brandenburger Tor. Zu sehen waren Fußball-Enthusiasten in Köpenick, die im dortigen Stadion An der Alten Försterei auf Sofas sitzen und sich die WM-Spiele angucken. Die Sofas im Fußballstadion sind ganz offenbar eine Attraktion. Nicht nur die ARD, sondern Medien aus vielen Ländern berichten davon.

700-Zoll-Riesenbildschirm

Die Sofas auf jenem Rasen, auf dem sonst die Spieler des Zweitligisten 1. FC Union ihre Fans begeistern oder frustrieren, sind die Idee des Veranstalters Compact Team. Das Stadion, das von den Unionern als ihr Wohnzimmer bezeichnet wird, wurde als ein solches ausstaffiert: Die Gegengerade erhielt eine bunte Retro-Tapete und einen 700-Zoll-Riesenbildschirm. Fans wurden aufgerufen, ihre eigenen Sofas mitzubringen. 850 Begeisterte folgten der Einladung. Ihre Sofas – plüschig oder stylisch, aus Leder oder Stoff, aber immer gemütlich und insgesamt sehr farbenfroh − stehen nun für 25 WM-Tage auf dem Spielfeld.

Bilder des stimmungsvollen WM-Wohnzimmers, in dem Menschen gemeinsam Fußball gucken und abends kleine Lampen auf Couchtischen leuchten, sind weltweit zu sehen. Der britische Guardian berichtete davon unter der Schlagzeile „Sofa so good“. Seine Leser kommentierten die Aktion im Internet mit Sprüchen wie „Man muss diese kreativen Deutschen einfach lieben!“ oder „Ich hoffe, Deutschland holt den Titel!“.

Fotos und Berichte über den Verein und seine Fans, die ihr Stadion selbst gebaut haben und sich jährlich dort zum Weihnachtssingen treffen, finden sich derzeit in vielen Zeitungen. Aber vor allem die „verrückte WM-Idee“ ist Thema, selbst in Vietnam und Bangladesch wurde darüber berichtet.

Auch in Australien, im Sydney Morning Herald, waren Bilder aus dem „Wohnzimmer Alte Försterei“ zu sehen. Die Deutsche Welle feierte die Sofa-Idee gar mit den Worten „what a great feeling of freedom!“. Und kurz vor dem Spiel Deutschland–USA berichten auch US-Medien aus Köpenick. Die Washington Post etwa veröffentlichte in ihrer Onlineausgabe einen Bericht sowie Fotos von der „living room atmosphere“.

Nur das Bier ist recht teuer

Es scheint, als würde die Alte Försterei dieses Jahr zur heimlichen WM-Fanmeile werden. Wer einmal dort war, versteht wieso. Die Atmosphäre ist unaufgeregt und freundlich, die Fischbrötchen und Steaks sind so lecker wie bei allen Union-Spielen, nur das Bier ist mit vier Euro recht teuer. Aber irgendwie, so sagen Besucher, muss der kostenlose Eintritt ja finanziert werden. Auf vielen Sofas liegen Union-Schals neben Deutschland-Fähnchen, man kennt und grüßt sich. „Schlaand“-Gekreische und Klatschpappen sind dagegen selten und Tröten werden am Eingang eingesammelt.

Doch nicht alle Unioner mögen die WM-Aktion. Kommerz ist bei ihnen zutiefst verhasst und Event ist für sie ein Schimpfwort. Dabei bringt das WM-Wohnzimmer ihrem Club mehr Reputation ein als je zu erwarten war. Entsprechend äußert sich auch Vereinssprecher Christian Arbeit. „Wir sind sehr zufrieden mit der Resonanz“, sagt er . Vor allem bei Deutschland-Spielen sei das Stadion restlos gefüllt. Das wird auch beim USA-Spiel am heutigen Donnerstagabend wieder so sein.