Unsere Autorin Barbara Weitzel (Mitte) war plötzlich ganz verliebt in den Klang ihrer Füße.
Foto: BLZ/Markus Wächter

BerlinStamp – Cramproll – Stamp – Brush – Stamp – Brush – Step – Kick – Heel – Brush – Step – Heel – Toe – Heel – Stamp! So weit, so klar. Vorhin, als wir die Steptanz-Choreografie langsam geübt haben, hat es schon ganz gut geklappt. Außerdem hatte ich mich ja vorab informiert, hatte die Grundschritte recherchiert, wie sie heißen und was ich mit meinen Füßen anstellen kann, wenn sie zum ersten Mal in den eisenbesohlten Schuhen stecken.

Der „Stamp“ etwa ist ein Schritt mit dem ganzen Fuß, Ferse und Ballen werden belastet. Beim „Ball“ schlägt der Fuß leicht mit dem Ballen auf.   Beim „Heel“ erzeugt die Ferse den Ton, der Ballen bleibt unbelastet. Und beim Brush gilt es, den Unterschenkel nach vorne oder hinten zu schwingen und dabei einen leichten Ton mit dem Ballen zu erzeugen. Eine Art Wuuusch...

Mit Denken kommt man beim Steptanz nicht weit.

Anina Krüger, Leiterin des Tanzstudios Blue Tap

Doch jetzt, als die Musik läuft, und wir alle Schritte in beachtlichem Tempo absolvieren, wuuuuscht überhaupt nichts. Mein angelesenes Wissen kann ich nicht gebrauchen, ich steppe Kuddelmuddel, die Füße machen, was sie wollen.

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„Mit Denken kommt man nicht weit“, wird mir Anina Krüger, die Leiterin des Tanzstudios Blue Tap, später bestätigen. Da habe ich das Ganze schon einige Male in Gedanken mit dem Erlernen eines Musikinstrumentes verglichen, wenngleich es erheblich schweißtreibender ist. Noten lesen zu können, reicht noch lange nicht, um ein Instrument zu spielen. Viertel und Achtel kann man noch mitlesen und -denken. Spätestens bei den Sechszehntel müssen, wie ich als Klarinettistin weiß, die Finger wissen, was sie tun. Der Kopf ist dafür zu langsam.

Einfach mal ausprobieren

Anbieter: Verglichen mit Tango oder Swing ist die Step-Szene klein und folglich auch das Kursangebot. Neben dem Blue Tap haben sich die Studios Steps in Steglitz, Hoof-In im Wedding und Tap Beat in Charlottenburg auf Step spezialisiert. Außerdem bieten etliche klassische Tanzschulen und auch die Volkshochschulen Kurse an.

Kosten: Eine Probestunde ist fast überall kostenlos. Im Kreuzberger Studio Blue Tap beispielsweise fallen danach für Einzelstunden (60 Minuten) 17 Euro an. Zehnerkarten gibt es ab 125 Euro.  Der Flatrate-Vertrag, der es einem erlaubt, so oft man will zu tanzen, kostet monatlich 49 Euro. Die Kurse finden Montag bis Freitag abends sowie Dienstag und Freitagvormittag statt. Man kann jederzeit einsteigen.

Auch für Anina – man duzt sich im Blue Tap – sind ihre Füße, in Kombination mit den Schuhen und dem Tanzboden in erster Linie ein Instrument – wenn auch eines, bei dem das Visuelle eine große Rolle spielt. In ihrem Studio im Umspannwerk an der Hobrechtbrücke in Kreuzberg nimmt deshalb ein Spiegel eine ganze Wand ein.

Füße mal fliegend, mal klockernd, mal  stehend
Foto:  BLZ/Markus Wächter

Das Studio hat Anina 2011 eröffnet, zuvor betrieb sie viele Jahre mit einer Kollegin zusammen das Tapa Toe. Dem Step verfiel sie während ihres Biologiestudiums, zunächst nur als Hobby. Doch dann kam eine Phase, „da musste ich mal raus, was anderes machen“, erzählt sie. Sie ging nach New York, die Wiege des Step, und ließ sich dort und später in Paris zum Profi ausbilden. Nebenbei jobbte sie in einem Studio. Heute tanzt sie in mehreren Companys und arbeitet als Choreographin und Kontrabassistin.

Ich schaue in meiner ersten Stunde selten in den Spiegel, sondern meistens auf den dunkelgrau glänzenden Boden. Aus Ahornholz ist er, erfahre ich später, die fast schwarze Farbe rührt vom Eisenabrieb tausender Stamps und Steps und Brushs respektive Wuuuuschs. Man könnte auch sagen: von den Stimmen der Füße. Jeder klingt anders, das höre ich, als ich um Atem ringend, Wasser hinunter stürzend und meinen Schweiß trocknend zuschaue und höre.

Zaghaft der Eine, forsch der Andere

Anina stellt mit ihren Füßen klickernd und klockernd eine „Frage“, sie lautet etwa so: „Bakududibakududitapadakadu? Und ein einzelner Teilnehmer antwortet: „Bakududibakududitapadakadu.“ Dann antworten die anderen: Forsch der eine, zaghafter die andere, triumphierend die dritte. Und das liegt nicht nur an den unterschiedlichen Schuhen.

Foto: BLZ/Markus Wächter
Mit Eisen auf der Sohle

Zum Steppen braucht man nichts als bequeme luftdurchlässige Kleidung und natürlich die Schuhe. Erhältlich sind sie bei allen Anbietern für Tanzbedarf. Der Preis beginnt bei 30 Euro, für Qualität muss man jedoch um die 80 Euro investieren. Klassiker sind geschnürte, lederne Unisex-Schuhe. Riemchen-Modelle sehen zwar hübsch aus, bieten aber weniger Halt. Die Schuhe sind aus Leder, die Aluminiumplatten sollten angeschraubt sein. Zwischen Metall und Sohle befindet sich häufig eine Gummischicht, damit man die Kante der Eisenplatte nicht spürt. Profis verzichten darauf. Zum Üben zu Hause reicht eine Holzplatte aus dem Baumarkt. Um die Nachbarn zu schonen, kann man auch in Turnschuhen trainieren.

Meine habe ich im Blue Tap geliehen. Das weiche Leder und die Eisenplatten an Ballen und Ferse bilden einen sonderbaren Kontrast, doch die Schuhe sind sehr bequem, und schon nach den ersten Schritten auf dem Tanzboden, dessen Resonanz durch einen Hohlraum erzeugt wird, bin ich ganz verliebt in den Klang meiner Füße.

Nach 15, 20 Wiederholungen hab ich es raus

Das ist das Schöne am Step: Man muss nicht viel können, um Rhythmen und kleine Melodien zu erschaffen. Aber: Einmal angefixt und zwischen den anderen, die schon weiter sind, packt mich der Ehrgeiz. Während die Fortgeschrittenen unsere Schrittfolge in umgekehrter Richtung üben, wiederholt Anina mit mir die Stamps und Steps und Toes. Und noch mal. Und noch mal. Nach 15, 20 Wiederholungen hab ich es raus. „Jay!“ ruft Anina und spricht mir aus der Seele. Es kickt, wenn es klappt, diesen Jay!-Moment kenne ich vom Klarinettenspiel.

Allerdings auch Menno!-Momente, wenn sich die Füße doch wieder verheddern. Doch es ist ein kurzes Menno. Zu mitreißend klingen die Sounds, die wir alle zusammen erzeugen, zu glücklich macht das, um sich lange zu ärgern. Ich verstehe mit jeder Minute mehr, warum in den USA schon die Kleinsten mit dem Step beginnen. Auch Anina bietet seit kurzem einen Kinderkurs an. „Das ist musikalische Früherziehung“, erklärt sie, „und es ist alles mit drin: Rhythmus-Schule, Krach machen, tanzen, toben.“ Fünf Jahre alt ist ihr jüngster Teilnehmer.

Legendärer Tänzer: Bill Robinson. Foto: Encyclopædia Britannica
Prominente Tänzer

Fred Astaire, Ginger Roberts, Gene Kelly, Shirley Temple, Michael Flatley – was diese berühmten Tänzerinnen und Tänzer in der Geschichte des Step eint: Sie sind weiß.  Geprägt haben den Tanz aber maßgeblich schwarze Männer. Da sie aufgrund von Rassismus kaum Film- und Musicalrollen bekamen, blieben sie jedoch unsichtbar – mit wenigen Ausnahmen. Neben Gregory Hines (1946–2003) glänzte auch der multitalentierte Entertainer Sammy Davis Jr. (1925–1990) auf Aluminiumsohlen. Und er sang, wie unzählige andere vor und nach ihm, das Lied von „Mr. Bojangles“. Der Original-Bojangles hieß Bill Robinson (1877–1949) und hat es als einer der wenigen Schwarzen mit fliegenden Füßen auf den Broadway und nach Hollywood geschafft.

Und auch nach oben gibt es keine Grenze: Die bekannteste Step-Künstlerin der Gegenwart, Brenda Bufalino, wird dieses Jahr 83. Zuhause suche ich gleich auf YouTube nach Videos und bin hingerissen.

Man vergisst alles andere

Vor allem aber bekomme ich augenblicklich wieder Lust und weiß: Es wird nicht bei diesem einen Mal bleiben. In meiner zweiten Stunde trainieren wir Grundschritte. Step – Heel – Step – Heel. Immer wieder. Und obwohl es dieses Mal nicht gilt, einer Choreographie zu folgen, fordern die Füße, Aninas anfeuernde Anweisungen, der Rhythmus der Musik und das herrliche Getöse um mich herum wieder meine ganze Konzentration. Auch deswegen macht Step so froh: Man vergisst alles andere, Arbeit, Sorgen, Aufgaben, das Gestern, die nächste Woche und was später noch zu tun ist. Man kann nicht steppen und gleichzeitig planen oder grübeln.

Mit freiem Kopf und selig lächelnd gehe ich nach Haus. Die letzten Step-Heels tanze ich auf dem Heimweg. Und freue mich auf die nächste Stunde. Jay!