Kleingärten vor einer Baustelle in der brandenburgischen Stadt Velten.
Foto: Berliner Zeitung/Carsten Koall

VeltenBrandenburg beginnt in einer scharfen Rechtskurve. Junge Kiefern und niedrige Hagebuttenbüsche sind auf dunklem Puderzuckersand verwachsen. Die Natur hat diesen Grenzstreifen nur zögerlich wieder in Besitz genommen, nach Jahrzehnten des Kalten Kriegs.

So also endet Berlin. In alle Richtungen Stille. Dabei hatte es geheißen, die Hauptstadt greife immer mehr um sich. Pumpe sich auf, drücke ihre Reihenhäuser wie Adern ins Land. Eine Kleinstadt leiste dagegen Widerstand, sechs Kilometer nördlich der Grenze.

In Velten, 12.000 Einwohner, hatte die Stadtverordnetenversammlung im Frühjahr ein Moratorium beschlossen: keine Bauvorhaben für mehr als 50 Wohneinheiten. Und kein Anschluss an die Berliner S-Bahn. Die Medien hatten getitelt: „Eine Stadt schottet sich ab“ und „Die Stadt bei Berlin, die keine Pendler will“, der Ortspfarrer hatte in Interviews von Rufschädigung und einer „gespaltenen Stadt“ gesprochen – denn den Beschluss zustande gebracht hatten die Stimmen der Wählervereinigung „Pro Velten“, der AfD, der NPD und einer von zwei CDU-Abgeordneten. Die Märkische Oderzeitung hatte groß geschrieben: „Pro Velten befürchtet Überfremdung“. Es hatte nach hochgezogenen Gartenzäunen geklungen.

„Die Berliner können sich nicht benehmen“, sagt der Polizist

Auf breiten Schneisen hatte mich die S-Bahn stadtauswärts gebracht an den letzten Berliner Vorposten: Heiligensee. Die niedrigen, kubischen Häuser aus den West-Berliner Sechzigern kamen mir wie Bunker vor, reichlich Deutschlandfahnen waren zu sehen, und das von Veltenern in Zeitungen öffentlich befürchtete „Berliner Flair“ offenbarte sich gleich am Bahnhof in einem roten Ziegelhäuschen, das über dem Eingang mit „Alp Café Bar Disco & Shishalounge“ für mehrere Sünden zugleich warb. Ein feinherber Duft lag in der Luft, er wehte aus einem Bau heran, in dem – laut Firmenschild „weltweit im Dienste des Wohlbefindens“ – ein hochprozentiger Magenbitter hergestellt wird, dessen Kräuter aus 43 Ländern kommen.

Diese Internationalität verblasst hundert Meter nördlich an der Grenze rasch. Nichts raschelt. Kein Vogel singt. Ich lasse die dürren Kiefern auf dem Staub hinter mir und stoße weiter gen Velten vor.

Einen halben Kilometer weiter, vor den Baracken des ehemaligen 38. Grenzregiments „Clara Zetkin“, in denen nun Asylbewerber wohnen, wacht ein Polizeiwagen. Wie so ein Polizeidienst im Speckgürtel rund um Berlin denn sei, frage ich die beiden Insassen. „Die Berliner können sich nicht benehmen“, sagt der Mann am Steuer. „Die gehen in Naturschutzgebiete rein und lassen sich gar nichts sagen“, ergänzt die Beamtin neben ihm. „Das war schon zu DDR-Zeiten so.“

Velten dann, endlich. Nur das Ortsschild und ein aus dem Nichts auftauchender Bürgersteig deuten an: Hier ist sie, die Stadt. Eine verwitterte Einfahrt auf der rechten Seite zeugt von Rückbau. Eisenbahngleise beginnen irgendwo und enden ebenso abrupt, dazwischen Gestrüpp und riesige Hallen: Veltens kaum bewohnter Süden beheimatet Industriefirmen und Kaninchen. Zäune in verschiedenen Größen umringen die ersten Bürgerhäuser, schlängeln sich weiter durch die Stadt; selbst Gräber auf dem Friedhof haben Zäune, wie eine Abwehrmauer gegen Berlin wirken sie nicht. Über manche würde es auch ein Kaninchen schaffen.

Ein einheitliches Stadtbild ist nicht zu erkennen. Wenig miteinander verbunden erscheinen die Wohnflächen: Hier ein Neubauquartier, dort zuweilen grau verputzte gewesene Stadtvillen und dazwischen viel Grün; man hat ausprobiert. Anfang des 19. Jahrhunderts war Velten noch ein Bauerndorf mit rund 300 Einwohnern, dann aber wuchs es mit Berlin: Jemand hatte in der kalkhaltigen Tonerde westlich Veltens den passenden Baustoff für Kachelöfen erkannt, dann kam es Schlag auf Schlag; um 1900 produzierten in Velten 43 Fabriken jedes Jahr 100.000 Öfen. „Velten heizt Berlin ein“, hieß es. Damals hatte es Pläne gegeben, die Stadt zu einer 300.000-Einwohner-City wachsen zu lassen.

Irgendwann gab es dann genug Öfen 

Es kam anders, irgendwann gab es genug Häuser und Öfen. In den Sechzigern war die S-Bahn-Verbindung nach Berlin kaltkriegsbedingt gekappt worden, und die Stadt verharrte in ihrer Größe von um die 10.000 Einwohnern; die Wende änderte daran wenig.

In ihrer Antragsbegründung für das Bau-Moratorium hatte „Pro Velten“ geschrieben, es drohe „ein Identitätsverlust durch die starke Vergrößerung überbauter Flächen“. Schon jetzt könne man „eine zunehmende Entfremdung der Einwohner“ feststellen. Daraus wurde dann in den Medien „Überfremdung“.

Den Mann, der diesen Beschluss vorangetrieben hatte, treffe ich am Bahnhof. „Die Leute sind jetzt anders“, sagt er, „man grüßt sich weniger auf der Straße.“ Marcel Siegert sieht in seiner blauen Sportjacke aus, als wäre er vom Bolzplatz herbeigeeilt. Ihm fehle der Zusammenhalt, die Gemeinschaft. Wann hat es das denn mal gegeben? „In meiner Jugend.“ Es klingt, als erzählte er von einem anderen Stern. „Viele Berliner ziehen hierher, und das ist auch gut so. Wir stemmen uns nicht gegen ein Wachstum an sich, wollen aber ein behutsames.“ Erst mal müssten Fragen geklärt werden, etwa der Ausbau der Kita- und Schulplätze, „wir müssen vorbereitet sein“. Dann spricht er vom Hennigsdorfer Bahnhof, davon, dass sich die „Aufenthaltsqualität nicht verbessert“ habe, wegen Kriminalität, Pöbelei und Suff. „Hier ist es noch ruhig, ich will nicht solche Verhältnisse.“ Und was ist das mit dem „Rechtsbündnis“? Das Rechtsbündnis gebe es nicht. „Wir entscheiden mal so, mal so.“

Hinterhof eines Wohnhauses in Velten.
Foto: Berliner Zeitung/Carsten Koall

Auch Siegerts Kontrahentin, die SPD-Bürgermeisterin Ines Hübner, trägt eine Sportjacke. Sie residiert im Rathaus, lächelt müde und sagt: „Dieses angebliche Rechtsbündnis kann man abkühlen, und zwar durch fachliche Kommunalpolitik.“ Einen regionalen Rechtsdrall könne sie aus den aktuellen Beschlusslagen ihrer Stadt nicht herauslesen. „Es gab und gibt auch konsensfähige Beschlusslagen. Eigentlich wollen wir alle das gleiche, aber offensichtlich auf anderen Wegen.“ Hübner atmet tief durch, als sie von Siegerts Bedenken hört. Überhaupt gebe es im Ort nur noch wenige Familien, die schon vor 1990 dort lebten. „Zur Geschichte Veltens gehören Zuzug aus Berlin und Wegzug nach Berlin, wir haben eine enge Wechselbeziehung.“ Eine Veltener Identität gewinne man über Marketing, übers Herz, „und nicht, wenn ich eine Entwicklung stoppe wie mit diesem Bau-Moratorium“. Auf dem Smartboard im Raum tummeln sich kleine Buchstaben und Zahlen wie in einem Chemielabor.

Verwirrt verlasse ich das Rathaus. Zeter und Mordio hatte ich erwartet, doch Siegert und Hübner hören sich recht ähnlich an. Ich beschließe ein Experiment. Da man mich auf den Straßen nicht grüßt (Siegerts Bedauern), fasse ich mir ein Herz (Hübners Marketing) und grüße drauflos. Ich ernte überraschte Gesichter, wie aufgewacht, und eine Menge Herzlichkeit. Und erfahre, wo man das beste Eis isst.

Ziegel im Erdreich, die einmal rot waren

Nun zum Ortspfarrer, der von einer gespaltenen Stadt gesprochen hatte. „Eine Zusammenarbeit mit AfD und NPD halte ich für höchst problematisch“, sagt Markus Schütte in seinem Amtszimmer, es zeigt sich in mattem Naturbraun. „Und dass es ja nur um Lokalpolitik gehe, kann ich nicht gelten lassen. Die NPD etwa hat mit rassistischen Plakaten Lokal-Wahlkampf gemacht.“ Schütte trägt nichts Sportives, sein dunkles Hemd hat er oben aufgeknöpft. Er wird prinzipiell. Die Beschlüsse in der Stadtverordnetenversammlung: „Kein Zufall. Eher ein Dammbruch.“ Die AfD hatte in der entscheidenden Sitzung für das Bau-Moratorium geworben, indem sie laut Protokoll auf einen „großen Zuzug von ausländischen Mitbürgern im vergangenen Jahr“ hinwies. Ein Blick in die Datenbank erklärt mir später nicht, was die AfD damit meinte: Von den 12.715 Einwohnern besitzen 274 neben dem deutschen auch einen anderen Pass, und 527 haben ausschließlich einen ausländischen Pass.

Draußen vor der Tür stolpere ich über ein anderes Erbe. Zuerst fallen mir Trümmer in der Stadt auf, an mehreren Stellen – wie Findlinge aus prähistorischer Zeit, deren Stümpfe vom Niedergang der Ofenfabriken erzählen.

Gegenüber der schon 1923 liquidierten „Riefenstahl & Co“ sehe ich vor einem leer stehenden „Volkshaus“ einen Stolperstein. „Hier wohnte Richard Ungermann“, steht verblichen darauf, „Meissnershof. Bestialisch gefoltert. Erschossen April 1933“. Es klingt nach einem schwarzen Ortsfleck. Ob es diesen Meissnershof, der anscheinend keiner weiteren Beschreibung bedurfte, noch gibt?

Google Maps weist mir den Weg. Ich wandere südwärts, wieder durch Veltens Industrie-Karnickel-Areal. „Berlin, du bist so wunderbar“, singt ein Bierwerbeplakat. Die Industriebetriebe haben die Veltener Innenstadt verlassen und ernähren sie vom Rande her, fast alle aus Berlin.

Mitten in einem stillen „Businesspark“ mache ich halt – laut Karte soll dort der „Meissnershof“ sein, oder was davon übrig geblieben ist, ein sogenanntes wildes KZ, Vorbote von allem, was mit den Nazis kam: Im Februar 1933 hatte eine SA-Standarte aus ungeklärten Umständen einen Treffpunkt der Naturfreunde an sich gerissen; Kommunisten und Sozialdemokraten der Region brachte man dorthin, noch heimlich. Im Juni 1933 war das wilde KZ geschlossen worden, die Häftlinge wurden in ein anderes KZ überführt. Ungermann hatte nicht mehr dazugehört.

„Danach hab ich auch schon gesucht“, sagt ein Mann an der Rezeption eines verwaisten Hotels, als ich ihn auf den Meissnershof anspreche. „Sollte eigentlich hier sein.“ Nebenan thront ein Klotz aus schwarzem Glas, in dem Schemen von Menschen zwischen Tischen umhergehen. Ich klingele, niemand öffnet. 

Es ist Zeit zu gehen. Ich wende mich ab und beschließe, eine letzte Kurve zu nehmen, sie zieht scharf nach links. Hundert Meter voraus erblicke ich eine metallene Stele am Straßenrand – eine Erinnerung an den Meissnershof, den es nicht mehr gibt.

Moosüberwuchertes Steinpflaster, Ziegel im Erdreich, die einmal rot waren, hinab zum Stichkanal, den die Veltener 1912 gruben, um ihre Waren komfortabler nach Berlin zu befördern; mit ihrer Wirtschaft ging es damals schon bergab. Das Gewässer steht, scheint träge mal in die eine, mal in die andere Richtung zu fließen – als könne es sich nicht entscheiden.

In Velten will man also ein paar Fragen klären, Moratorium hin oder her. Sich vorbereiten. Vielleicht, denke ich, greift die Metropole gar nicht nach Velten. Sondern die Kleinstadt nach Berlin. Wer sich über wen Gedanken macht, ist jedenfalls klar.