Wo König Lüderjahn mit seiner Mätresse das Leben genoss und ein niederländischer König zweimal Exil fand

1. Mai 1946 Unter den Linden. Vor den Resten des Niederländischen Palais versammeln sich die Genossen der SED-Gruppe Buckow, links neben ihnen freut sich ein Transparent auf „Die neue Millionenpartei SED).

Die gibt es nicht mehr, und lange vor deren Ende fiel ihrer Bau- (besser Abriss-) Politik das nicht nur schöne, sondern auch geschichtsträchtige, fein geschmückte Palais zum Opfer.

Zwingend war das nicht. Zwar hatte ein Bombentreffer den Vorderteil bestätigt, doch  Erdgeschoss,  Treppenhaus, einige Räume des ersten Stockwerks und der rückwärtigen Bebauung blieben  benutzbar. Laut offizieller Karte der Gebäudeschäden 1945 galt es als „beschädigt und wiederaufbaufähig.“

Privattheater für die Geliebte

Ungefähr ein Dutzend Mal hatten die Besitzer des Hauses in bester Lage gewechselt, als seine Geschichte 1786 wirklich pikant wurde. In diesem Jahr erwarb König Friedrich Wilhelm II., genannt der Lüderjahn, das Haus für einen Sohn, den er mit seiner Mätresse Wilhelmine Rietz, geborene Enke, spätere Gräfin Lichtenau, erwarb.

Als der Sohn früh starb, kam das Haus an dessen Mutter, und der König ließ für seine Geliebte umbauen. Er beglückte sie zum Beispiel mit einem über zwei Stockwerke reichenden Saal und einem zweiten Binnenhof mit Privattheater. Ein rückwärtiges Grundstück erweiterte die Platzverhältnisse – Raum genug für das skandalträchtige Treiben des Königs.

Sein Tod im Jahr 1797 beendete auch das lustige Leben der Gräfin Lichtenau im Palais. Lüderjahns Nachfolger übergab es der königlichen Armendirektion, die es fünf Jahre nutzen durfte – bis der Schwager des neuen Königs ein Haus in Berlin suchte.

Zweimal Exil für die Niederländer

Es handelte sich um den  niederländischen Erbprinzen Wilhelm I., dessen Frau Friederike Luise eine Schwester des Königs Friedrich Wilhelm III. war. Die beiden – nach der Eroberung der Niederlande durch  französischen Truppen  ins Exil gezwungen –  hatten ein paar Jahre im Berliner Schloss gelebt, nun erwarben sie auf Raten das Palais Unter den Linden. Auf sie geht dessen Name zurück.

Sie lebten dort bis zum Heimkehr  1815, wo Wilhelm zum ersten König der Niederlande gekrönt wurde. Nach seiner erzwungenen Abdankung wählte Wilhelms 1840 Berlin wieder als Exilsitz – bis zu seinem Tod 1843. Ihm folgte als Eigentümerin Kronprinzessin Louise von Schweden-Norwegen, seine Enkelin, die es 1883 an den preußischen Fiskus verkaufte.

Über das Ende der Monarchie hinaus blieb das Palais im Besitz der Hohenzollernfamilie – bis es die sowjetische Militäradministration 1945 entschädigungslos enteignete.
Der Abriss kam – Denkmalschutz hin oder her – zwar in Raten, aber konsequent.

Im Jahr 1963 fielen die letzten Reste, um Platz für einen Stahlbeton-Skelettbau zu schaffen. Der wiederum stellte eine Nachbildung des 1721 errichteten Gouverneurshauses am Roten Rathaus (Rathausstraße 19/Ecke Jüdenstraße) dar, das 1967 im Zuge des Neubaus der Rathausstraße gesprengt werden sollte.

Merkwürdige Hausversetzung

Schade um beide Häuser -doch warum diese  merkwürdige Hausversetzung?  Niederländisches Palais und Gouverneurshaus stammten vom selben Architekten,  Friedrich Wilhelm Diterichs (1702-1782), und nur eines seiner Werke durfte überleben. Die 1963 geborgenen, barocken  Schmuckelemente des Mittelrisalits des Gouverneurshauses wurden Unter dem Linden wiederverwendet. 

Der Neubau war breiter als zuvor das Niederländische Palais – daher  wurde die Oranische Gasse (auf dem Foto oben rechts noch zu erkennen) überbaut, sodass der Neubau nun an das benachbarte Alte Palais stößt.