Wolfgang Wagner, Chef der Rohrweberei Pritzerbe, bei der Ernte.
Foto: Thomas Uhlemann

PritzerbeDas havelländische Dorf Pritzerbe kann mit einer Rarität aufwarten: die einzige verbliebene Rohrweberei Deutschlands. Gerade ist die Ernte von Schilfrohr, genauer: der Miscanthus-Stängel, zu Ende gegangen. Seit Sonntag darf kein Baum, kein Strauch mehr geschnitten werden, weil die Brutzeit der heimischen Vögel beginnt. Zeit also, sich mit dem Chef der Rohrweberei, Wolfgang Wagner, über die jahrhundertealte Handwerkstradition in Brandenburg auszutauschen.

Schilf aus dem Pritzerber See schneidet er schon lange nicht mehr – auch hier geht Naturschutz vor. Stattdessen wird der Rohstoff auf eigenen Feldern jenseits des Sees kultiviert. „Wir nutzen die Sorte Miscanthus, sie ist robust und pflegeleicht“, erklärt Wolfgang Wagner.

Der Rohstoff wird auf eigenen Feldern jenseits des Sees geerntet.
Foto: Thomas Uhlemann

Miscanthus ist ein bis zu vier Meter hohes Wuchergewächs ohne natürliche Feinde. Auf 2000 Quadratmetern baut Wagner das asiatische Schilfgras an. Es kann trockenen Fußes geerntet werden. Sein Betrieb, der von der Stadt bezuschusst wird, ist eine Mischung aus Museum, Bildungsstätte und Produktionsstätte.

Der Bedarf an Schilfmatten ist da

Schon bei der Anfahrt zur Rohrweberei sieht man das in der Sonne golden leuchtende Schilfgras von weitem. Wildgänse rufen, Kraniche staksen über die Felder. Seit 1946 verweben sie hier in dieser Idylle Schilfrohr zu Matten. Traditionell wurde das Schilf aus dem See im Winter bei Eis über der gefrorenen Wasserkante abgestoßen. In der DDR taten sich Fischer, Rohrweber und Korbmacher zu einer Innung zusammen. Nun aber ist ein zugefrorener See selten geworden.

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Auch wenn das Unternehmen in Pritzerbe das einzige verbliebene ist, gibt es weiter Bedarf an Schilfmatten: Sie werden als Sichtschutz eingesetzt, als Dachabdeckung für Gewächshäuser, als Baummanschetten bei Bauarbeiten oder als Rollos und Putzträger im Baugeschäft. Die meisten Matten kommen heute allerdings billig aus dem Baumarkt.

Wolfgang Wagners Miscanthus-Matten halten dafür länger, sagt er. „Außen zehn Jahre“, sagt er. Die Schilfmatten aus dem Baumarkt seien schon nach zwei Jahren hin. „Miscanthus ist vollkernig, Schilf ist hohl“, zählt Wagner weiter auf. „Wenn der Faden kaputt geht, geht die Matte auf.“

Von Hand verknotet

In Pritzerbe sorgt Wagners Frau dafür, dass sich so schnell kein Faden löst. Sie knotet die Stäbe per Hand zusammen – mit Doppelknoten, sagt Wagner. Für eine Matte von vier Metern Länge und knapp zwei Metern Breite benötigt Heike Wagner sechs Stunden. Die harten Stängel, die sie verarbeitet, sind vom vorletzten Jahr.

Denn was jetzt geerntet wird, muss ein Jahr lang trocknen. Wenn der Balkenmäher sich durch den Stängelwald gefressen hat, werden die stabilen Halme zu Garben aufgestellt. Bis zum Spätsommer bleiben sie draußen, dann kommen sie unters Schleppdach und zum Schluss in die Scheune. „Im März sind die Stangen trocken“, sagt Wagner. Dann beginnt die Weberei mit ihrer Arbeit.

Heike Wagner verknotet die Stäbe noch mit der Hand.
Foto: Thomas Uhlemann

Auf einem Steg durch das Schilf

Schulklassen kommen regelmäßig nach Pritzerbe, ebenso Privatleute und Kunden, die Sonderanfertigungen kaufen wollen. „Wir schauen, was wir möglich machen können“, sagt Wagner. Im kleinen angeschlossenen Museum lernen Besucher die Tiere im Schilf kennen. Draußen führt ein Steg 43 Meter lang in den unberührten Schilfgürtel hinein.

Im Biberbau, der bei Niedrigwasser trocken liegt, hat sich eine Mink-Familie eingerichtet. Der erste Storch ist schon da. „Ich komme jeden Tag mit Freude zur Arbeit“, sagt Wagner.

Die Rohrweberei Pritzerbe (An der Marzahner Chaussee 6, 14798 Havelsee, Tel. 033834/ 50236; Internetseite: rohrweberei.de) ist montags bis freitags von 8 bis 16 Uhr geöffnet. Eine Besichtigung mit Führung kostet drei Euro. Am Wochenende sind nach Anmeldung Gruppenführungen möglich.