Ein Urban-Art-Projekt wie The Haus gab es noch nie in Berlin: Ein ganzes Gebäude, noch dazu in der City West, wurde hier von Sprayern, Tape Artists und anderen Street-Art-Talenten umgestaltet. 60.000 Besucher besichtigten das Spektakel, am Mittwoch (31. Mai) war der letzte Tag. Doch kein Grund zur Trauer, falls Sie die Ausstellung verpasst haben - Fans dieser Kunstform werden in Berlin überall fündig.

Die Stadt gilt als Hauptstadt der Street Art: Tausende Bilder sind an Fassaden, Hauseingängen und Mauern zu sehen. Neben den großen Wandbildern, die es an vielen Brandschutzwänden in Berlin gibt und die bereits aus der Ferne gut zu erkennen sind, gibt es eine große Vielfalt an kleinen Kunstschätzen, die oft unentdeckt bleiben.

Caro Eickhoff bietet in Berlin Führungen durch die kreativen Kieze an. Seit ihrer Schulzeit interessiert sie sich für Straßenkunst. Sie hat es sich zur Aufgabe gemacht, anderen die vielfältigen Kunstwerke in Berlin näher zu bringen.

"Viele Künstler aus der ganzen Welt haben sich in Berlin verewigt," sagt Eickhoff. Unter anderem aus Brasilien, Belgien, Italien und Berlin kommen die Maler, die oftmals politische und sozialkritische Botschaften mit ihrer Straßenkunst vermitteln. Besonders spannend sei der Kiez rund um das Schlesische Tor, sagt Eickhoff. Im Video erklärt sie, welche Ecken Berlins sonst besonders spannend sind - und warum Street Art in Berlin viel mit Gentrifizierung zu tun hat:

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Für die Berliner Zeitung hat Caro Eickhoff eine kleine Street-Art-Tour mit ausgewählten Kunstwerken - bekannten, aber auch unbekannten Bildern - durch Kreuzberg entlang der Linie U1 zusammengestellt. Sie beginnt am Schlesischen Tor, führt entlang der Hochbahn über den Görlitzer Bahnhof zum Kottbusser Tor:

Os Gêmeos (Brasilien): The Yellow Man

Los geht es am Schlesischen Tor. Unweit des U-Bahnhofs am Anfang der Oppelner Straße ist eine große gelbe Figur an eine Hauswand gemalt. "The Yellow Man" stammt vom brasilianischen Künstlerduo Os Gêmeos. Die Zwillinge haben das Mural (Wandbild) 2007 im Rahmen des Berliner Backjumps Festival entworfen.

Nomad (Berlin): Figuren

Schräg gegenüber, an einer Brandschutzwand an der Oppelner Straße 46, ist ein großes Bild des bekannten Berliner Künstlers Nomad zu sehen, das zwei verschlungene Menschen zeigt. 

Nomad ist nicht nur in Berlin bekannt, sondern auch international: Weil Demi Moore und Ashton Kutcher bei einem Deutschland-Besuch 2009 von Nomads Werken so begeistert waren, durfte der Künstler das Garagentor ihrer Villa in Los Angeles gestalten.

Robi the Dog (Schweiz): Kermit

Ein paar Meter weiter hat sich der Schweizer Künstler Robi the Dog mit einem kleinen Kermit verweigt. Er ist nicht aufgesprüht, sondern aufgeklebt - solche Schablonenbilder ("Cut-Outs") sind charakteristisch für den Street-Art-Künstler. In Berlin gibt es an mehreren Orten Werke von ihm.

1UP (Berlin)

An der Kreuzung Oppelner Straße / Schlesische Straße lohnt sich ein Blick nach oben. Wie auf vielen Dächern in der Stadt hat hier die Berliner Gruppe 1UP in dicken Buchstaben ihren Schriftzug hinterlassen. 1UP steht für „One United Power“. Die Graffiticrew sprayt sich seit 2003 durch die Stadt - und macht auch vor S-Bahn-Zügen keinen Halt. 

SOBR (Frankreich): It's Time To Dance

Mit zahlreichen anderen Straßenkünstlern hat Oliver O. Rednitz im Laufe der vergangenen 13 Jahre die Fassade des L.U.X. in der Schlesischen Straße in eine große Kollage verwandelt. Unter anderem findet sich hier auch die Aufforderung "It's Time To Dance" des französischen Künstlers SOBR. Auch an anderen Orten in Berlin gibt es Teile dieses Kunstprojektes, das 2012 entstanden ist.

Bonjour Tristesse / BITTE LƎBN

Das Haus an der Ecke Schlesische Straße / Falckensteinstraße des Architekten Álvaro Siza Vieira wurde zur Internationalen Bauausstellung 1987 gebaut. Es ist bekannt als "Bonjour Tristesse". Diesen Namen hat das Haus allerdings nicht vom Architekten, sondern von Unbekannten, die diese Worte 1984 auf den gut sichtbaren Giebel malten.

2012 kam dann der rote Schriftzug „BITTE LƎBN“ (mit Anarchie-A) hinzu.  Eine Ecke weiter, an der Ecke Cuvrystraße / Schlesische Straße, wird in ganz ähnlichen Lettern die „Fickt Eusch Allee“ ausgerufen.

Josef Foos (Berlin): Street Yogis

Im Gegensatz dazu ist das nächste Kunstwerk klein und unscheinbar. Street Yogi heißen die Korkmännchen, die seit 2009 auf vielen Straßenschildern in Berlin sitzen. Erfunden hat sie der Berliner Yoga-Trainer Josef Foos. Sie bestehen aus zwei Flaschenkorken und einem Schaschlik-Spieß.

Auf seiner Webseite schreibt Foos: "Wenn sich Ihnen ein Street-Yogi zeigt, möchte er Ihnen Freude und Glück bringen."

Push (Hamburg)

Leicht zu übersehen ist auch das kleine Kunstwerk an der Wand des Clubs Musik & Frieden (früher Magnet) unweit der Oberbaumbrücke. Es stammt von der Hamburger Street-Art-Gruppe Push Styrocuts. Sie haben sich darauf spezialisiert, aus Polystryrol kleine Plastiken zu schaffen, die auf vielfältige Art und Weise ihren Namen zeigen.

Blu (Italien): Pink Man

An der anderen Seite des Hauses findet sich ein großes Bild des italienischen Künstlers Blu. Er hat dort im Rahmen des Berliner Backjumps Festivals 2007 einen pinken Riesen mit weißen Augen gemalt. Wenn man direkt davor steht, sieht man, dass er aus lauter kleinen pinken Menschen besteht. Ein weißer Mensch droht, von dem Riesen verschluckt zu werden. Das Bild wird als Pink Man oder Leviathan bezeichnet.

Zwei andere Werke von Blu, in dessen Bildern stets Sozialkritik zu erkennen ist, gibt es mittlerweile nicht mehr: Im Dezember 2014 wurden die Bilder an der Cuvrybrache im Einvernehmen mit Blu mit schwarzer Farbe übermalt - als Zeichen gegen die Stadtentwicklungspolitik. Das eine zeigte zwei maskierte Figuren, das andere den kopflosen Oberkörper eines Mannes, der an den Handgelenken je eine goldene Uhr trug, die als Handschellen verbunden waren.

ROA (Belgien): Tote Tiere

Mit der U-Bahn geht es vom Schlesischen Tor zum Görlitzer Bahnhof. Dort sticht an der Ecke Oranienstraße / Manteuffelstraße ein Bild des Street-Art-Künstlers ROA ins Auge.

Es zeigt, wie viele Bilder des Belgiers, tote Tiere - und wirkt sehr plastisch, obwohl es nur mit schwarzer Farbe auf die Brandschutzmauer aufgesprüht worden ist. Ähnliche riesengroße, gespenstische Kadaver hat der Künstler auch in Städten in aller Welt gemalt. 

Plakatief (Berlin)

Gleich nebenan wird es hoch politisch: An der Brandschutzmauer der Manteuffelstraße 42 hängt ein Plakat, das die Politik von Innensenator Frank Henkel kritisiert. "Linke Freiräume verteidigen", heißt des darauf. Das Plakat ist  ein Projekt der Berliner Gruppe Plakatief, die seit fast 20 Jahren überdimensionale Wandbilder zu aktuellen linken Themen gestaltet. Sie hängen in der Regel zwischen sechs und acht Wochen und haben eine Größe von drei mal sechs Metern. Manch ein Plakat war auch schon ein Fall fürs Gericht.

Victor Ash (Frankreich): Astronaut Cosmonaut

Zu Fuß geht es entlang der Hochbahn die Skalitzer Straße hinunter Richtung Kottbusser Tor. An der Mariannenstraße ist eines der bekanntesten Street Art Bilder Berlins zu sehen: An die Wand des Wohnhauses Oranienstraße 195 hat der französische Künstler Victor Ash 2007 den Schatten eines Kosmonauten gemalt. Von Weitem sieht es aus, als schwebe er aus der Wand. Der Astronaut sieht so aus, als wäre er mit einer Schablone gesprüht. Das 22 mal 14 Meter große Bild ist jedoch mit schwarzer Farbe gemalt.

Auf der gegenüberliegenden Straßenseite befindet sich ein Autohaus, vor dem Fahnenmasten stehen, die von einem Scheinwerfer angestrahlt werden. Dies projiziert den Schatten neben das Bild auf die Hausfassade - bei Dunkelheit sieht es so aus, als ob der Astronaut eine Fahne in den Boden stecken würde.

Sope (Berlin): Kollage

Ein Stück weiter Richtung Kottbusser Tor, am Haus neben dem abgebrannten Festsaal Kreuzberg, ist eine Kollage zu sehen, die mehrere Künstler zusammen gemalt haben. "Mäde in Sopeländ" ist darauf zu lesen. Es besteht aus vielen kleinen Elementen. Der Pilz in der linken Bildhälfte deutet auf den Berliner Künstler Sope hin, dessen Markenzeichen Pilze in jeglichen Variationen sind.

ÜF (Berlin)

Unmittelbar am Kottbusser Tor findet sich, von unten nach oben geschrieben, das Zeichen der Berliner Graffitti-Sprayer ÜF. ÜF steht für Überfresh. Ihr Markenzeichen ist die verschlungene Schrift, die an vielen Hauswänden zu sehen ist. Vom Dach seilen sich die Sprayer ab und verewigen sich.

Hinweis der Redaktion: Street Art ist eine vergängliche Kunstform, sie verschwindet mitunter so plötzlich, wie sie entstanden ist - etwa weil ein neuer Hausbesitzer oder ein anderer Künstler sie übermalt hat. Daher kann es leider passieren, dass in diesem Text empfohlene Werke - die Tour für die Berliner Zeitung entstand bereits im Mai 2016 - inzwischen nicht mehr da sind.