Verschollene Fliesenbilder aus einem verschütteten U-Bahn-Tunnel am Alexanderplatz.
Foto: Stiftung Stadtmuseum

BerlinSechs wundervolle Ansichten aus der Geschichte des Alexanderplatzes begrüßten die Passagiere des ebendort erbauten U-Bahnhofes, als am 21. Dezember 1930 die neue, zentrale Umsteigestation eröffnet wurde. Künstler der Königlich-Preußischen Porzellanmanufaktur (KPM) hatten nach historischen Vorlagen – Stichen, Karten, Gemälden – Wandbilder aus Fliesen hergestellt, wahrscheinlich im Auftrag der öffentlichen Bauherren, offenbar Leute mit Sinn für Schönheit und Tradition.

Zunächst waren für die östliche Vorhalle des U-Bahnhofes fünf Bilder vorgesehen gewesen, die die Entwicklung des Platzes von 1730 bis in die 1920er-Jahre zeigen. Ein sechstes kam kurzfristig hin zu: eine Ansicht aus der Vogelperspektive, die das Chaos auf dem Platz während der aufwendigen, lauten Bauarbeiten zeigten und das die soeben durchlebte Baugeschichte in ein Fliesenbild bannte. Alle sechs Wandbilder maßen 70 mal 110 Zentimeter, waren in beige-braunen Tönen gehalten und trugen gut sichtbar die KPM-Malereimarke mit dem Reichsapfel.

Die Kriegszerstörungen am Alexanderplatz betrafen auch die Fliesenbilder, doch selbst im Nachkriegsdurcheinander fanden sich Kulturfreunde, die die Fragmente offenbar nahezu vollständig bargen und bewahrten. Irina Tlusteck, als Sammlungskuratorin der Stiftung Stadtmuseum für Keramik und Porzellan zuständig, hat dem Schicksal der Wandbilder nachgespürt, denn ihre Geschichte endet nicht mit der Nachkriegsbergung.

Neuanfertigung in Meißen

Als in der zweiten Hälfte der 1960er-Jahre die DDR den Alexanderplatz als Modell sozialistischer Stadtgestaltung quasi neu erschuf, kam wieder ein namentlich nicht bekannter Kulturfreund auf die Idee, die schönen alten Bilder wieder zu zeigen.

Die Fragmente hatten die Jahre glücklicherweise in der Obhut des Volkseigenen Betriebes Denkmalpflege überstanden und dienten nun den Meistern in der Porzellanmanufaktur in Meißen als Vorlage für eine Neuauflage: Sie bildeten die KPM-Originale so detailgetreu nach, dass man nach Einschätzung von Irina Tlusteck sicher sein kann, dass ihnen die originalen Fragmente vollständig vorlagen.

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Die sechs Bilder aus den 1920ern wurden nun abermals ergänzt, der historische Zyklus fand eine weitere Fortschreibung: zwei Bilder, eines mit dem in Trümmern liegenden S-Bahnhof, eines vom Aufbau des Alexanderplatzes 1968 kamen hinzu. Alle acht, nunmehr stolz verziert mit den blauen Schwertern, fanden ihren Platz an der Wand eines neuen Fußgängertunnels, der die Karl-Liebknecht-Straße und den Alex mit Abzweigungen bis hin zur Weltzeituhr unterquerte.

Nach der Wende verliert sich die Spur

Die KPM-Originale gingen zurück zum VEB Denkmalpflege in Berlin. Irina Tlustecks Recherchen ergaben, dass sie auf dem Hof des VEB Tiefbau in Heinersdorf in einer Spezialbaracke für Kunstgüter eingelagert wurden. Dort blieben sie. Bis zur Wende. Nach 1989/1990 verliert sich ihre Spur.

Wo sind sie geblieben? Wer hat sie gesehen? Wer weiß Details über ihr Schicksal zu berichten? Wer kannte die Baracke und weiß, was bei der Auflösung des Betriebes mit deren Inhalt geschah? Womöglich gibt es Fotos?

Irina Tlusteck gibt die Hoffnung nicht auf. Die Bilder seien so schön, dass sie sicherlich nicht vernichtet wurden in jenen ungewissen Zeiten. Haben Arbeiter, die abbauen, aufräumen und sauber machen sollten, Gnade walten lassen mit den Schätzen? „Ich bin sicher, dass die Bilder heute Badezimmer oder Datschen zieren und so dankenswerterweise erhalten sind.“ Dann würde man gerne mit den Bewahrern ins Gespräch kommen.

Die Meißner Neuanfertigungen konnte die Sammlungsleiterin retten: Als im Jahr 2005 klar wurde, dass der Fußgängertunnel zugeschüttet werden sollte, setzte sie alle Hebel in Bewegung, um die Fliesenbilder zu bergen. Das gelang im Sommer 2006. Die acht Zeugnisse von Porzellankunst lagern wohl verwahrt im Spandauer Depot des Stadtmuseums. 2010 fanden sie wieder ihren Weg in die Öffentlichkeit in einer Ausstellung des Museums Porzellanikon in Selb.

Informationen bitte an: Leser-blz@berlinerverlag.com