Rommel Abou-Chaker (49) und li. Arafat Abou-Chaker auf dem Weg in den Gerichtssaal am Mittwoch. 
Foto: Pressefoto Wagner

BerlinZehnter Verhandlungstag im Prozess gegen die vier Abou-Chaker-Brüder Arafat, Nasser, Yasser und Rommel: Eigentlich hatte sich Bushido darauf eingestellt, weiter als Zeuge auszusagen, so wie er es bereits seit fünf Verhandlungstagen tut. Seine Schilderungen endeten im Jahr 2012.

Vor vierzehn Tagen wollte er diese bereits fortsetzen. Doch an diesem Tag starb die Mutter der Angeklagten. Das war am neunten Verhandlungstag des Prozesses, in dem darüber verhandelt wird, ob die Abou-Chakers im Winter 2018 den Rapper Bushido beleidigt, genötigt, verletzt und seiner Freiheit beraubt sowie dessen Geld veruntreut haben. Die Sitzung wurde damals nach wenigen Minuten abgebrochen. Mittlerweile ist die Mutter unter großem Polizeiaufgebot beerdigt worden.

Kurz darauf, am Dienstag, den 22. September 2020, durchsuchte die Steuerfahndung zeitgleich 18 Objekte, in denen vier Mitglieder der Familie Abou-Chaker leben oder in denen sie irgendwelche relevanten Beweise abgelegt haben könnten.

So eine riesige, konzertierte Aktion wird lange vorbereitet, erklärte Oberstaatsanwältin Petra Leister in der heutigen Verhandlung. „Sehr unglücklich“ fand sie, dass ihre Kollegen von der Steuerfahndung diese ausgerechnet jetzt anberaumten, wo gerade der Strafprozess vor dem Landgericht läuft.

Die Art und Weise der Durchsuchungen und das, was darüber öffentlich bekannt wurde, warf so viele Fragen auf, dass die Fortsetzung des Strafprozesses zunächst blockiert ist. Martin Rubbert, Verteidiger von Arafat Abou-Chaker verlangte den sofortigen Abbruch des Prozesses, mit oder ohne Urteil, da seinem Mandanten das Recht auf ein faires Verfahren genommen werde.

Als die Steuerfahnder kurz nach sechs Uhr zum Anwesen des Clanchefs Arafat Abou-Chaker nach Kleinmachnow gekommen seien, war bereits die Presse vor Ort. Wer hatte sie informiert? Die Steuerfahnder hätten dann einen Ordner mitgenommen, in dem sich Unterlagen befanden, die Arafat Abou-Chaker für seine Verteidigung wichtig gewesen seien. Des Weiteren hätten die Steuerfahnder Notizen fotografiert, die sich der Mandant während des Prozesses gemacht habe. Dabei müssten die Steuerfahnder doch wissen, dass es gerichtliche Entscheidungen gibt, wonach Verteidiger-Unterlagen unantastbar sind.

Des Weiteren wunderten sich die Verteidiger des Clanchefs über die Anwesenheit von Bushidos Rechtsanwalt während der Durchsuchung. Wurde der Rapper etwa rechtzeitig von der Steuerfahndung informiert?

Alles Zufall, erklärten Bushido und sein Anwalt heute im Zeugenstand. Die Steuerfahnder hätten Bushido bereits am 10. September um die Schlüssel zu seinem Haus gebeten. Dieses befindet sich auf demselben Grundstück wie das von Arafat Abou-Chaker. Bushido hat in diesem Haus nie gewohnt. Es handelt sich um ein mittlerweile zum Verkauf stehendes Relikt aus jenen Tagen, da der Clanchef und der Rapper noch eine funktionierende Geschäftsbeziehung pflegten.

Bushido übergab den Steuerfahndern seine Schlüssel: „Das ist besser, als wenn immer eine neue Tür bezahlt werden muss“, sagte er heute vor Gericht. Weil er am 22. September frühmorgens nach dem Aufstehen wie gewohnt eine Presseschau mit den Suchbegriffen „Bushido“ und „News“ durchgeführt habe, bekam er mit, dass gerade die Villen in Kleinmachnow durchsucht wurden. Er habe sofort seinen Anwalt gebeten, dorthin zu fahren. Der sollte verhindern, dass dem Rapper etwas Belastendes angehängt wird.

Die Steuerfahnder nahmen etliches aus der Villa von Arafat Abou-Chaker mit. Der Clanchef war darüber sehr erbost. Eine seiner Gegenmaßnahmen soll darin bestanden haben, den bei ihm unter Vertrag stehenden Rapper Level 44 darum zu bitten, einen sogenannten Disstrack gegen Bushido zu produzieren, also ein Stück Musik, mit dem der Rapper durch den Kakao, besser: durch den Dreck, gezogen werden sollte . Einen Tag nach der Steuerfahndung wurde er unter dem Titel „King Sushido / Bushido“ hochgeladen. Level teilt darin heftig gegen Bushido und dessen Frau Anna-Maria aus: „Du stinkst nach Zinker!“ und „Ein Hund, der für eine Bitch über Brüder geht“. Poetischer dagegen die Zeile: „Was für Löwen, Alter, ihr seid höchstens Löwenzahn!“

Am nächsten Verhandlungstag ist die Steuerfahnderin geladen, die für die Durchsuchungsmaßnahmen gegen die Abou-Chakers zuständig ist. Anhand ihrer Aussagen wird sich das Gericht eine Meinung darüber bilden, ob gegen die Angeklagten noch ein faires Verfahren geführt werden kann.

Die Schlammschlacht in der Rap-Szene geht also weiter.