Prangendorf, Mecklenburg-Vorpommern.
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BerlinVor Rostock gibt es ein kleines Dorf. Prangendorf. Den Ort findet man zwar auf Google Maps, aber für Wikipedia hat es nicht gereicht. Wenn man aus Rostock kommt, macht die Landstraße einen Linksknick, und dann ist man in Prangendorf. Das dritte oder vierte Haus auf der rechten Seite der Straße ist ein Backsteinbau. Das Haus hat meinem Uropa Ernst gehört. Der Hof gehörte der Familie seit Mitte des 19. Jahrhunderts. Uropa Ernst hatte eine Frau, Erna hieß sie, und sie muss eine strenge Frau gewesen sein. Zusammen hatten sie drei Kinder, und Erna hielt das Geld und alles im Hintergrund zusammen. Wenn Uropa Ernst mal in die Kneipe ging, bekam er von ihr Geld zugeteilt. Ob ich seine Gene habe?

Erna starb vor meiner Geburt. Aber Uropa Ernst ist tief in meinem Gedächtnis eingebrannt: das erste Mal eine Kuh melken, das erste Mal ein Auto lenken auf dem Dorf – das alles hat er mir gezeigt. Die Spinnen aus der metallenen Badewanne verjagen – bevor das Wasser aus dem Badeofen eingelassen wurde, hat er sie mit seiner großen Hand in die Flucht geschlagen. Prangendorf ist ehrlicherweise keine Reise wert. Aber ich habe es geliebt, das schöne Backsteinhaus von Uropa Ernst. Dort war ich angstfrei. Dort kamen immer alle zusammen. Alle Tanten, alle Onkel waren am Wochenende auf dem Hof bei Uropa Ernst. Heute liebe ich es, wenn alle zusammen an einer großen Tafel essen. Ich liebe und brauche die Gemeinschaft.

Aus meiner Erinnerung gestrichen sind die Bilder, wie seine Kinder, meine Großeltern, ihm am Ende den Schnaps wegnahmen, den er zu viel trank, weil Erna nicht mehr da war. Uropa Ernst bliebt für mich ein Held. Der Mann konnte Traktor fahren! Mit Schnaps im Blut.

Nach seinem Tod 1986 verkauften seine Kinder den Hof. Immobilien waren uninteressant für meine Großeltern in der DDR. Und nachdem sich Uropa Ernst Jahre erfolgreich dagegen gewehrt hatte, Teil der örtlichen LPG zu werden, ging der Hof nun in deren Besitz über.

Knapp 35 Jahr später. Ich war auf Urlaub in Rensow und machte mich auf den Weg, meine Oma in Rostock zu besuchen. Eine Landstraße führt von Rensow quasi direkt in die Hansestadt. In meinem Auto sitzt die wunderbare Mutter meiner Tochter Matilda. Und plötzlich sehe ich das Schild an der Abbiegung. „Prangendorf 5 km“. Ich schwöre, ich war all die Jahre nicht da, obwohl ich den Ort nie vergessen habe. Es wäre ein leichtes, dort mal ranzufahren. Aber in meinem Bauch war irgendeine Angst. Aber dieses Mal bog ich ab. Ich fand das Haus, und wer nicht dabei war, mag es nicht glauben: Ich weinte vor dem Hof. Ich weinte, als hätte jemand eine Schleuse aufgemacht. Es hörte nicht auf.

Warum ich euch das erzähle? Ich habe heute einen alten Freund getroffen, einen wunderbaren Mann. Er ist mit seinen Eltern unglaublich eng. Seine Kinder springen zwischen seinem Haus und dem seiner Eltern hin und her. Dieser Freund, ein gestandener, erfolgreicher und vor allem auch noch sympathischer Anwalt, hat tief in sich eine unglaubliche Angst davor, dass seine Eltern sterben. Heute, bei einem Bier und ein paar Rum, sagte er einen Satz, der in mir hallt: „Wenn meine Eltern sterben, stirbt etwas von meinem Zuhause.“

Mein Zuhause war Prangendorf. Ein Ort der Unschuld. Ein Ort der Zusammenkunft. Vielleicht weinte ich deswegen vor dem Backsteinbau. Weil ich so lange meine Sehnsucht nicht verstanden hatte. Ich will ein Zuhause. Ich weiß nicht, wie es euch geht. Ich brauche Wurzeln. Und ich versuche, sie meiner Tochter zu geben. Ich sagte meinem alten Freund, dass er keine Angst haben soll. Es wird ihm das Herz herausreißen, wenn seine Eltern sterben. Aber spätestens seine wunderbaren Kinder werden dieses Herz heilen.