Prangendorf, Mecklenburg-Vorpommern.
Foto: Imago Images

Berlin - Vor Rostock gibt es ein kleines Dorf. Prangendorf. Den Ort findet man zwar auf Google Maps, aber für Wikipedia hat es nicht gereicht. Wenn man aus Rostock kommt, macht die Landstraße einen Linksknick, und dann ist man in Prangendorf. Das dritte oder vierte Haus auf der rechten Seite der Straße ist ein Backsteinbau. Das Haus hat meinem Uropa Ernst gehört. Der Hof gehörte der Familie seit Mitte des 19. Jahrhunderts. Uropa Ernst hatte eine Frau, Erna hieß sie, und sie muss eine strenge Frau gewesen sein. Zusammen hatten sie drei Kinder, und Erna hielt das Geld und alles im Hintergrund zusammen. Wenn Uropa Ernst mal in die Kneipe ging, bekam er von ihr Geld zugeteilt. Ob ich seine Gene habe?

Erna starb vor meiner Geburt. Aber Uropa Ernst ist tief in meinem Gedächtnis eingebrannt: das erste Mal eine Kuh melken, das erste Mal ein Auto lenken auf dem Dorf – das alles hat er mir gezeigt. Die Spinnen aus der metallenen Badewanne verjagen – bevor das Wasser aus dem Badeofen eingelassen wurde, hat er sie mit seiner großen Hand in die Flucht geschlagen. Prangendorf ist ehrlicherweise keine Reise wert. Aber ich habe es geliebt, das schöne Backsteinhaus von Uropa Ernst. Dort war ich angstfrei. Dort kamen immer alle zusammen. Alle Tanten, alle Onkel waren am Wochenende auf dem Hof bei Uropa Ernst. Heute liebe ich es, wenn alle zusammen an einer großen Tafel essen. Ich liebe und brauche die Gemeinschaft.

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