BerlinVerzicht, Disziplin, Achtsamkeit. Was auch der Titel einer Einladung in die buddhistische Meditationsschule sein könnte, beschreibt den Duktus, der seit acht Monaten das gesellschaftliche Leben vor der Pandemie schützen soll. Mit den steigenden Infektionszahlen der vergangenen Wochen verschärft sich das Regelwerk, das uns durch die Krise bringen soll. Und mit der Notbremse, die wir damit als Gesellschaft ziehen, wird der wiederkehrende Appell an die Vernunft der Einzelnen täglich lauter.

Unterstützung kommt dabei eigentlich aus den Gesundheitsämtern. Mitarbeiter, die sonst ganz andere Aufgaben etwa im sozialpsychiatrischen Dienst haben, heißen jetzt „Fallermittler“ und arbeiten so viele Listen von Kontaktpersonen wie möglich ab. Die Kapazitäten sind jedoch endlich, die Leitungen der Hotlines laufen heiß. Im Corona-Hotspot Neukölln liegt die aktuelle Sieben-Tage-Inzidenz, die die Fälle pro 100.000 Einwohner in den vergangenen sieben Tagen beschreibt, bei rund 335. Zum Vergleich: Für ganz Berlin liegt der Wert bei rund 181.

Kein Wunder, dass die Zuständigen in Neukölln bereits seit Wochen nicht mehr hinterherkommen. „Immer wenn alles bearbeitet ist, haben wir wieder 200 neue Fälle“, sagt Christine Wagner, die den Kommunikations-und-Gesundheits-Stab des Gesundheitsamtes leitet. Die Kontaktpersonen zu benachrichtigen, ist inzwischen offiziell Sache des sogenannten „Indexfalls“, also der positiv getesteten Person selbst. Alle müssen mithelfen.

Die Fallzahlen schießen in die Höhe, die Nachverfolgung der Sommermonate passt längst nicht mehr zum Geschehen. „Wir befinden uns seitdem in der Strategieanpassung. Jeden Tag wird neu entschieden“, sagt Wagner. Seit November sind 220 Personen mit der Corona-Versorgung des Bezirks betraut. Ob das ausreicht, kann Wagner kaum beantworten – für jeden Mitarbeiter brauche es schließlich einen Arbeitsplatz und die entsprechenden Ressourcen. Man arbeite von Woche zu Woche. Um das Team weiter zu vergrößern, seien neue Standorte in Planung.

Auch für die Kommunikation mit der Bevölkerung hat sich das Amt etwas Neues ausgedacht: Mit dem Podcast „Feierabendfunk“ spricht Wagner mit Mitarbeiter Serkan Cetinkaya über „das Neueste aus dem Hotspot der Bundesrepublik“ und die Highlights aus der Hotline. Die fünf- bis zehnminütigen Sendungen sind auf den gängigen Podcast-Plattformen oder unter https://gesundheitsamtneukoelln.podigee.io/ abrufbar. In der aktuellen Folge geht es um die Quarantäne. Cetinkaya berichtet, was die Neuköllner beschäftigt: Darf ich den Müll runterbringen? Darf ich zum Briefkasten? Auf den Balkon? Zum Frisör? Wann darf ich wieder raus?

Was wann für wen gilt, ist nicht immer leicht zu überblicken. Der Podcast soll deshalb für Aufklärung sorgen. „Wir wollen das, was Thema ist im Bezirk, oder das, was wir an Anpassungen machen, aufgreifen“, sagt Wagner.

Dazu gehört auch eine Prise Humor: „Es soll nicht nur langweilig sein, man kann Corona auch mal mit einem Augenzwinkern betrachten.“ So berichtet Cetinkaya auch von dem älteren „Alman“-Ehepaar – im türkischen Slang ein spielerischer Sammelbegriff für Deutsche ohne Migrationshintergrund und ihre typischen Verhaltensweisen –, das drei Tage zu lange zu Hause blieb, weil es keinen Bescheid zum Verlassen der Wohnung bekam. Oder von den zwei Wohngemeinschaften, deren Bewohner wegen der Liebschaften einer Person alle in Quarantäne mussten.

Zurück in den Amts-Alltag: Auch den Mitarbeitern der Hotline tut ein Augenzwinkern zwischen den stressigen Telefon-Schichten gut. Denn besonders dort kommt es auch mal zu Frust: „Man möchte ja mit allen sprechen, aber es geht einfach nicht“, sagt Christine Wagner. Belohnungseffekte gebe es dennoch: „Viele Menschen sind sehr dankbar am Telefon. Sie sind froh, wenn sie wissen, wie sie sich richtig verhalten sollen, wenn ihnen jemand sagt, was zu tun ist.“

So viel also zur Eigenverantwortung. Das Amt sei darauf angewiesen, dass sich auch Menschen, die auf ihr Testergebnis warten, selbstständig um die Kontaktverfolgung kümmerten. „Sei schneller als dein Test“ heißt deswegen eine andere Folge des Formats.

„Wir brauchen Menschen, die mitdenken“, sagt Christine Wagner. Den Versuch, den Notstand in den Behörden abzumildern, verpackt sie als „Empowerment“. Mit der eigenen Kontaktverfolgung wolle man die „Bürger stärken, ihnen Kompetenz geben und sagen: Zieh dich zurück, informiere deine Kontakte, verhalte dich verantwortungsvoll.“ In den kommenden Wochen werden sich die Mitarbeiter der Gesundheitsämter auf die Versorgung verletzlicher Gruppen konzentrieren müssen. Und sich, in den Worten der Leiterin des Gesundheitsstabes und im Sinne des Diskurses der Eigenverantwortung, fragen: „Wer hat den Schutz wirklich nötig?“