Wohnen am Kudamm: Wir ziehen hier nicht mehr weg

Ein großer Spiegel hängt im Foyer des Altbaus, die Wände sind mit dunklem Holz getäfelt, beigefarbene Fliesen zieren den Boden. „Welcome to Berlin“ steht auf dem Schild eines Hotels, das mehrere Etagen belegt. 

Dazwischen residieren Anwälte und Architekten in dem Vorderhaus am Kurfürstendamm. Nur die oberste Etage wird nicht gewerblich genutzt: Im Dachgeschoss befinden sich zwei Wohnungen. In einer von ihnen leben Renate und Siegfried Wiechmann, beide 72 Jahre alt. Er arbeitete lange Jahre als Redakteur der „Abendschau“ für den Sender Freies Berlin und für dessen Nachfolger RBB, sie als Journalistin für die Berliner Morgenpost.

Wenn Siegfried und Renate Wiechmann Besuch bekommen, zeigen sie als Erstes das Erkerzimmer hoch über dem Kurfürstendamm. Das Zimmer ist an drei Seiten verglast und bietet einen guten Blick auf den Boulevard. Wer zur linken Seite rausschaut, sieht beispielsweise das schmalste Haus am Kudamm, das nach Plänen des deutsch-amerikanischen Architekten Helmut Jahn am Adenauerplatz gebaut wurde. 

Zunächst als Untermieter bei einer Fotografin 

Wer rechts hinausschaut, blickt vorbei an prächtigen Dachkuppeln auf Höhe der Leibnizstraße bis zum Europacenter. Funkturm und Fernsehturm sind in der Ferne zu erkennen.

„Wir sind Ostern 1968 eingezogen“, sagt Siegfried Wiechmann. Kurz nach dem Attentat auf den Studentenführer Rudi Dutschke. Gerade 29 Jahre alt waren die Wiechmanns damals. Die ersten Jahre wohnten sie zunächst als Untermieter bei einer Fotografin, die sich die Miete für die Wohnung am Kudamm alleine nicht leisten konnte. Nachdem diese gestorben war, wurden Renate und Siegfried Wiechmann die Hauptmieter. Das war 1972. 

„Es war ein erhebendes Gefühl, hier zu wohnen“, berichtet Siegfried Wiechmann. „Wir konnten aus erster Hand erfahren, was in Berlin passiert.“ Während der Studentenproteste liefen Demonstranten über den Kudamm und riefen in Anspielung an den damaligen Regierenden Bürgermeister: „Brecht dem Schütz die Gräten, alle Macht den Räten!“ 

Nicht jede Protestaktion blieb friedlich. „Es gab einmal eine Demonstration, da zogen die hier mit Einkaufswagen durch die Straße, voll mit Pflastersteinen, und warfen sämtliche Schaufensterscheiben ein“, sagt der 72-Jährige. 

Der Kudamm als Bühne für Kurioses 

Auch Kurioses gab es zu sehen: Zur 750-Jahr-Feier Berlins im Jahr 1987 rollte die Tour de France zum Auftakt über den Boulevard. Die verantwortlichen Politiker ließen sich damals einiges einfallen, um Schlagzeilen aus der Halbstadt zu produzieren. Der Kudamm, das war stets die Bühne für kleine und große Aufführungen aller Art. Und die Wiechmanns verfolgten das Geschehen wie von einem Logenplatz aus. 

Nach siegreichen Spielen der deutschen Nationalmannschaft bei wichtigen Turnieren feiern stets Tausende Fans den Triumph im Autokorso laut hupend und Fahnen schwenkend. „Dann gehen wir runter und feiern mit“, sagt Renate Wiechmann. „Schlafen kann man dann sowieso nicht.“ Laute Jubelfeiern sind jedoch die Ausnahme. Normalerweise ist es im Dachgeschoss ruhig. Deswegen liegt das Schlafzimmer der Wiechmanns nach vorne raus. 

Ihre Wohnung hat sechs Zimmer und ist 160 Quadratmeter groß. Wie teuer die Wohnung ist, möchten sie nicht sagen. Nur soviel verraten sie: „Die Miete ist immer noch erträglich.“ Haushalte, die eine Wohnung am Kudamm anmieten möchten, müssen tief in die Tasche greifen. Acht bis 14 Euro je Quadratmeter verlangen die Vermieter derzeit, sagt Andreas Habath, Vorstandsmitglied des Immobilienverbandes Deutschland (IVD) in der Region Berlin-Brandenburg.

Damit bewegen sich die Mietpreise deutlich über dem Berliner Durchschnitt. „Zum Kudamm ziehen die Leute, die den Herzschlag der Stadt mitbekommen wollen“, sagt Habath. Das Publikum gehöre eher zur „gehobenen gesellschaftlichen Klientel“. Die feine Adresse ist beliebt. „Es gibt keine Vermietungsschwierigkeiten“, weiß Boris Drigalski, Prokurist des Immobilienunternehmens Becker und Kries zu berichten. 

Eine beliebte Adresse für Prominente 

Becker und Kries verwalten gut 100 Wohnungen am Kurfürstendamm. Eine 200 Quadratmeter große Dachgeschosswohnung kann schon mal 2 800 Euro Warmmiete kosten. Sie findet trotzdem Abnehmer. 

Schon seit mehr als 100 Jahren ist der Kudamm eine beliebte Adresse. Hier wohnten der Schauspieler O. E. Hasse, Schriftsteller Jurek Becker, der Erfinder des Dieselmotors Rudolf Diesel, die Schauspielerin Tilla Durieux, der Kabarettist und Schriftsteller Fritz Grünbaum. Der Arzt und Bakteriologe Robert Koch unterhielt eine Zweitwohnung am Kudamm, und Dirigent Herbert von Karajan wohnte im Hotel Kempinski. 

Der Schriftsteller Robert Musil lebte von 1931 bis 1933 in der damaligen Pension Stern am Kudamm 217. Dort schrieb er an seinem Roman „Der Mann ohne Eigenschaften“. Mehrere Jahre wohnte auch Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit am Kudamm, etwa auf Höhe eines großen Baumarktes Richtung Halensee. Inzwischen ist Wowereit jedoch fortgezogen. 

Siegfried und Renate Wiechmann wohnten zwar nicht neben Wowereit, hatten aber auch einen prominenten Nachbarn. „In unserem Nebenhaus wohnte der Schauspieler Horst Buchholz“, berichtet Siegfried Wiechmann. 

In der Wohnung der Wiechmanns hatte einst der Maler Fritz Heidingsfeld sein Atelier. Schräg gegenüber lebte für kurze Zeit die Schauspielerin Hildegard Knef in einer Nebenstraße des Kudamms. Er habe sie zwar nie getroffen, aber die Kioskbesitzerin von gegenüber habe von ihr erzählt, dass sie zum Zeitungsgeschäft „geschlurft“ sei, sagt Wiechmann. 

Kinder nicht einfach vor die Tür schicken 

Die Einkaufsmöglichkeiten in der Nähe ihrer Wohnung seien „ganz gut“ sagt Renate Wiechmann. Es gibt einen Supermarkt am nahe gelegenen Adenauerplatz und einen weiteren Richtung Halensee. Ansonsten gebe es zwar „Massen an Bäckereien, aber keinen Fleischer und kein Fischgeschäft“. Die Masse der Bäckereien führt aber offenbar zu verbraucherfreundlichen Preisen. Im U-Bahnhof Adenauerplatz kriege er drei Croissants für einen Euro, sagt Siegfried Wiechmann. 

Im Laufe der Jahre hat sich der Kudamm ganz schön verändert. „Früher gab es noch einen Laden, der Wolle verkaufte und ein Eisenwarengeschäft“, erinnert sich Wiechmann. „Die sind jetzt weg.“ Mehr und mehr Luxusgeschäfte haben sich stattdessen angesiedelt.

Zwei Kinder haben Renate und Siegfried Wiechmann in ihrer Wohnung am Kudamm großgezogen. „Das war schwierig“, sagt Renate Wiechmann. „Denn man konnte sie ja nicht einfach vor die Tür schicken.“ Zum Spielen und Toben sind sie deswegen in den Preußenpark am Fehrbelliner Platz gegangen, immerhin ein 20-minütiger Fußweg. Mit ihrem Enkel geht Renate Wiechmann heute wieder in diesen Park.

Zu mehreren Nachbarn haben die Wiechmanns zwar ein gutes Verhältnis, aber ein Kiez, in der einer den anderen kennt, ist ihr Wohnort nicht. „Wenn wir ins Haus kommen, treffen wir fremde Menschen“, sagt Siegfried Wiechmann. Leute, die ins Hotel wollen. Dass so viele Menschen in seine Stadt und in seine Straße kommen, schmeichle ihm jedoch, meint er. Und es verpflichte. 

Gastfreundschaft und sehr viel Besuch 

Als Siegfried Wiechmann eines morgens zur Arbeit ging, traf er auf der Treppe zwei Touristen, die keinen Platz mehr im Hotel bekommen hatten. Sie campierten dort. Da bot er ihnen zu ihrer Überraschung an, sich in seiner Wohnung zu duschen und lud sie gleich noch zum Frühstück ein. Für die Wiechmanns eine Selbstverständlichkeit. 

Schon kurz nach dem Mauerfall hatten sie eine Familie mit zwei Kindern zu sich eingeladen, die aus der DDR zum Kudamm gekommen war. Die Wiechmanns hatten sie einfach angesprochen. Ihre Gastfreundschaft hat sich bei Freunden und Verwandten herumgesprochen. „Wir haben sehr viel Besuch“, sagt Renate Wiechmann. Zum Kirchentag stellten sie sogar gleich die ganze Wohnung zur Verfügung. Zum Dank erhielten sie eine große Palme.

Siegfried und Renate Wiechmann führen nicht nur ihre Gäste ins Erkerzimmer, um ihnen ihre Straße zu zeigen. Sie sitzen selbst oft dort und schauen raus. „Es ist das permanente Fernsehprogramm“, sagt Siegfried Wiechmann. Besonders schön sei es zur Adventszeit, wenn der Kudamm festlich geschmückt ist. „Die Straße ist dann hell, die Tristesse ist weg.“ Für die Wiechmanns steht fest. „Wir ziehen hier nicht mehr weg.“