Jetzt probiert es Winfried Härtel auch selbst aus. Der 37-jährige Architekt ist Experte, wenn es um gemeinschaftliche Wohnformen geht. Er hat das Internet-Wohnportal Berlin mitbegründet, die zentrale Anlaufstelle für alle, die sich für Wohnprojekte interessieren. Und er hat rund ein Dutzend solcher Bauvorhaben als Projektentwickler begleitet. Das jüngste heißt „Wohnen am Hochdamm“, befindet sich in Alt-Treptow und ist eine Siedlung mit mehr als 60 Wohnungen und vielen Gemeinschaftsbereichen. Für Menschen, die über 80 sind und für Menschen, die noch gar nicht auf der Welt sind. Anfang kommenden Jahres, wenn das erste von drei Häusern fertig ist, zieht Winfried Härtel mit seiner Familie selbst dort ein.

Die Sehnsucht nach neuen Wohnformen in einer wie auch immer gearteten Gemeinschaft ist in Berlin keine Domäne junger Alternativer mehr. Im Gegenteil. Auf der Suche ist die Generation ab 30 und weit aufwärts, Zuzügler, Familien, Paare, Singles, finanziell in leidlich oder gut gesicherten Verhältnissen. Sei es aus Angst vor steigenden Mieten, vor dem Alter, der Einsamkeit oder aus Freude am Miteinander.

Seit 2003 hat sich Winfried Härtel auf Gemeinschaftsprojekte spezialisiert. Sein erstes war „Lebens(t)raum Johannisthal“, eine ökologische Holzreihenhaussiedlung, die 2005 bezogen wurde und gut funktioniert. „Aber der Anfang war anstrengend. Es gab viel Streit beim Bauen.“ In drei Jahren hat er an 130 Sitzungen teilgenommen. Aus solchen Erfahrungen hat er gelernt. Treffen werden zeitlich begrenzt und konfliktträchtige Themen vorgezogen. „Am Anfang kann man sich leichter einigen.“

Antwort auf das Single-Dasein

Knapp ein halbes Dutzend Projektentwickler- und Architektenbüros gibt es in Berlin, die mit gemeinschaftsorientierten Gruppen arbeiten. Weil der Bedarf da ist und das Angebot an Altbauten knapp, initiieren sie auch selbst Neubauprojekte. Wie jenes am Hochdamm. Das Grundstück gehörte der Bahn und fand lange keinen Abnehmer. Der Architekt konnte unter Vorbehalt kaufen und hatte Zeit, Mitstreiter zu finden. Zeit, die in Konkurrenz zu Investoren oft fehlt. Aber was ist da noch der Unterschied zu Bauträgern? „Wir verkaufen keine Wohnungen, wir suchen Mitglieder“, sagt Härtel. Und die Quadratmeterpreise sind mit 2100 bis 2700 Euro eher moderat.

Auch Theo Killewald merkt, dass die Nachfrage steigt. Er ist der Geschäftsführer der Gesellschaft Stattbau, die seit 2008 im Auftrag des Senats die Netzwerkagentur GenerationenWohnen betreibt, eine Anlauf- und Beratungsstelle für gemeinschaftliche Wohnprojekte. „Soziale Nachbarschaften initiieren“ nennt Killewald seine Aufgabe. „Das ist auch eine Antwort auf das Single-Dasein.“ Das Netzwerk unterhält einige Stammtische, bei denen sich Gleichgesinnte finden können. Meist aber melden sich Gruppen, die nach passenden Objekten suchen. Und viele Einzelpersonen, über 80 Prozent Frauen, denen es um ein Gemeinschaftswohnen zur Miete geht. Den einen wie den anderen kann Killewald selten direkt helfen. Innerhalb des S-Bahnrings, vor allem diese Lagen sind gefragt, gibt es kaum noch geeignete und bezahlbare Grundstücke oder Häuser.

So hat die in Hattingen im Ruhrgebiet ansässige gemeinnützige Bürgerstiftung Trias auf diesem Feld schon mehr bewegt, als der Berliner Senat. Zu ihren Zielen gehört es, Wohnprojekte zu fördern, die Antworten auf gesellschaftliche Fragen der Bodenspekulation, des Zusammenlebens und ökologischer Verhaltensweisen suchen. An 21 Projekten ist Trias beteiligt, neun davon in Berlin und eines in Potsdam. Meist kauft die Stiftung die Grundstücke und vergibt sie an die Nutzer in Erbbaupacht. „Es gibt keine Stadt, die so kreativ und vielfältig ist, wie Berlin“, sagt Geschäftsführer Rolf Novy-Huy fast entschuldigend wegen dieser Hauptstadtlastigkeit. „Der pekuniäre Nutzen des Versprechens, sich gegenseitig zu helfen, wird in der Politik noch nicht ausreichend gesehen.“ Sinnvoll wäre es etwa, wenn die Stadt die Gründung einer Dachgenossenschaft personell unterstützte, der sich Gruppen anschließen könnten. Viele seien mit diesen Formalien überfordert. „Das kostet kein Riesengeld. Und bei Genossenschaftsmodellen ist das Wort Solidarität gleich mit eingewebt.“

Immerhin, auch in der SPD wächst neuerdings der Druck, landeseigene Grundstücke bevorzugt in Erbbaupacht an Wohnprojekte zu vergeben. Und im August hat Stadtentwicklungssenator Michael Müller (SPD) einen genossenschaftlichen Neubauwettbewerb ausgelobt. Den Gewinnern winken bis zu 15 Jahre zins- und tilgungsfreie Baudarlehen. Für Michael LaFond ist das ein Hoffnungszeichen: „In den letzten zehn Jahren gab es keine Wohnpolitik in Berlin. Endlich passiert ein bisschen was.“ Der aus Seattle stammende Architekt ist einer der umtriebigsten Akteure in der Berliner Projektszene. Er ist Gründer des Instituts für kreative Nachhaltigkeit, Mitinitiator des Wohnportals und Motor der seit 2004 mit wachsender Resonanz alljährlich veranstalteten Experimentdays. Dabei werden auch geglückte Projekte vorgestellt.

Als Käufer kommen nur Frauen in Frage

Solche etwa wie das von von Martin Küenzlen, der schon in der Berliner Hausbesetzerbewegung der 80er-Jahre aktiv war. Der 71-jährige Architekt mit dem zum Zopf gebundenen grauen Haar stapft über die verwilderte Wiese auf der Insel Eiswerder in Spandau. Links glitzert die Havel. Rechts steht die Ende des 19. Jahrhunderts erbaute frühere Gottlob-Münsinger Berufsschule, in der Küenzlen seit dem vergangenen Jahr mit seiner Partnerin, der Architektin Susanna Engelhardt, lebt und arbeitet. So heißt auch die Gruppe: Gemeinsam leben und arbeiten bis ins hohe Alter. Fünf Jahre hat sie nach dem richtigen Ort gesucht.

Zum festen Stamm gehören derzeit sieben Männer und Frauen, alle mit „Projekterfahrung“ und dem Anspruch, das lokale Umfeld einzubeziehen. In dem Haus mit über 1200 Quadratmetern Nutzfläche gibt es einen Verlag, ein Institut, ein Atelier und eine Hobbythek, vollgestellt mit Spielen, in der sich jeder bedienen kann oder neues vorbei bringen. Und es gibt ein Café mit Veranstaltungsräumen und lauschiger Terrasse. Nebenan, in den ehemaligen Werkstätten, plant eine zweite Gruppe ein reines Wohnprojekt. Besitzer des Areals ist die Stiftung Trias, die es vom Bund kaufte.

Doch auch klassische Bauträger haben den Gemeinschaftsmarkt entdeckt. Im Auftrag des Vereins BeginenWerk baut Kondor Wessels in Pankow schon das dritte „Haus für Frauen“. Zu den Eigentumswohnungen gehören Gästewohnungen und Gemeinschaftsflächen. Nur Frauen kommen als Käufer in Frage, sie dürfen aber Männer mitbringen. „Hier will keiner eine WG“, erzählt eine der 53 Bewohnerinnen des ersten Beginenhofes am Erkelenzdamm in Kreuzberg. „Aber man achtet aufeinander, kocht mal zusammen. Es gibt einen Jour fixe.“ Unlängst habe man auch den ersten Todesfall gehabt. Die 71-jährige Nachbarin sei zu Hause gestorben. „Und sie war keine Minute allein.“