Als Ursula und Hans Wolf mit ihren beiden Kindern Mitte der 70er-Jahre in einen Plattenbau unweit des Tierparks zogen, war die Drei-Raum-Wohnung ideal: Es gab „Warmwasser aus der Wand“, wie es damals hieß, Fernwärme und auch einen Aufzug. Heute sind die Wolfs über 70, und obwohl ihnen ihre Wohnung nach wie vor gefällt, werden sie irgendwann ausziehen müssen: Hans Wolf hat Parkinson, seine Frau ist zuckerkrank und hat Probleme mit den Füßen, doch der Fahrstuhl im Haus fährt nur bis zur 9.?Etage, sie aber wohnen in der 10. „Noch geht alles“, sagt Ursula Wolf. Doch spätestens in fünf Jahren, schätzt ihr Mann, brauchen sie eine seniorengerechte Wohnung.

Berlin altert. Etwa 458.000 Berliner sind derzeit älter als 70, 120.000 älter als 80 Jahre, und nur die wenigsten leben in seniorengerechten oder wenigstens seniorenfreundlichen Wohnungen. Vor einigen Jahren hat die Wohnungsbaugesellschaft Degewo in Marzahn ihr Programm „Wohnen nach Maß“ gestartet, Hunderte Wohnungen wurden seitdem für Senioren umgebaut. Die Gewobag beteiligt sich an einem bundesweiten Modellprojekt „Altersgerecht umbauen“. Ziel ist es, später ganze Quartiere zu schaffen, in denen Senioren selbstbestimmt und altersgerecht leben können.

Die etwa 50.000 Wohnungen des landeseigenen Wohnungsunternehmens Howoge befinden sich zumeist in Plattenbauten, die in den 70ern und 80ern an jüngere Familien vermietet wurden. Viele wohnen heute noch dort – und sind jetzt Senioren. Doch ihre Wohnungen entsprechen nicht den Ansprüchen des Alters. In die schmalen Bäder passt kein Rollstuhl, es gibt hohe Schwellen am Austritt auf den Balkon, es gibt Häuser ohne Aufzug.

Burghard Wieckhorst kennt diese Probleme. Der frühere Seniorenbeauftragte der Howoge leitet heute das Howoge-Kundenzentrum in Alt-Lichtenberg. Das Durchschnittsalter der Bewohner in den 9500 Wohnungen dort liegt bei Mitte 60. „Das merkt man schon“, sagt Wieckhorst. „Das Hauptproblem ist der Sanitärbereich. Viele Leute kommen nicht mehr in ihre Badewanne hinein.“ Die Betroffenen täten sich schwer, so etwas zuzugeben. „Viele haben Angst, dass sie ins Heim müssen. “ Doch daran hat der Vermieter kein Interesse. Denn Senioren sind beliebt als Mieter: Sie zahlen pünktlich Miete, machen keinen Lärm und gehen pfleglich mit ihrer Wohnung um. Die Howoge tut einiges, um den Älteren das Wohnen zu erleichtern. Umbauten im Badezimmer gehören ebenso dazu wie rollstuhlgerechte Rampen an den Eingängen oder höhergesetzte Steckdosen.

Umbauten müssen Mieter selbst zahlen

„Eigentlich hätte all das schon Anfang der 90er-Jahre ein Thema sein müssen“, sagt Wieckhorst. Damals begann die großangelegte Sanierung der Ost-Berliner Plattenbauten, doch Seniorengerechtigkeit war noch kein Thema. „Zudem gab es Förderprogramme, unter denen alles schnell gehen musste.“ So vermied man es zum Beispiel, Sechsgeschosser nachträglich mit einem Fahrstuhl auszustatten. Inzwischen informiert die Howoge ihre Mieter mit speziellen Broschüren über ihre Angebote, eine trägt den Untertitel „Mit den Jahren wachsen die Ansprüche. Die Howoge hält mit.“

Was an Umbauten nötig wird, müssen die Mieter allerdings bislang selbst zahlen, manchmal werden die Kosten auch auf die Miete umgelegt. „Wenn sie eine Pflegestufe haben, beteiligt sich aber auch die Pflegekasse“, sagt Wieckhorst. Einmalig gebe es 2500 Euro. Der Einbau des Bades samt ebenerdiger Dusche, für viele unabdingbar, kann schon mal bis zu 7000 Euro kosten, wenn größere Umbauarbeiten nötig sind. Im Kundenzentrum in Alt-Lichtenberg gibt es ein Musterbad mit rollstuhlgerechter Toilette, ebenerdiger Dusche und höhenverstellbarem Spiegel.

Doch nicht überall können Duschen eingebaut werden. Manchmal sind die Bäder zu schmal. Und auch die Schwellen zu den Balkonen können nicht überall entfernt werden, aus statischen Gründen. Und so ziehen jeden Monat Mieter aus, weil ihre Wohnungen nicht altengerecht umgebaut werden können. Laut Howoge haben 7000 ihrer Wohnungen Aufzug und sind barrierearm und somit seniorenfreundlich. Hundertprozentig seniorengerecht sind die Wohnungen in zwei Wohnanlagen in der Volkradstraße in Friedrichsfelde und der Woldegker Straße in Neu-Hohenschönhausen, die bereits zu DDR-Zeiten so konzipiert wurden. Und auch elf Senioren-Wohngemeinschaften gibt es bei der Howoge; einige mit direkter Beteiligung eines Pflegedienstes.

Um ihren alten Mietern das Leben zu erleichtern, stellt die Howoge ihnen inzwischen Kiezhelfer zur Seite, spezielle Mitarbeiter, die einkaufen gehen, die Senioren auf Spaziergängen begleiten oder auch mal Löcher in die Wand bohren. Der Service kam so gut an, dass die Kiezhelfer auch von jüngeren gebucht wurden. „Das war natürlich nicht so gedacht“, sagt Wieckhorst. Nun ist Bedürftigkeit Bedingung.

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