Wohnen in Berlin (5): Bauwagen statt Bausparen

Berlin - Etwa 200 Meter die Sesamstraße geradeaus und dann links in den Kurfürstendamm abbiegen. So kommt man von der Pankgrafenstraße in Karow zu Mareikes Wohnung. Die 38-Jährige lebt in der Wagenburg Pankgräfin. Am Trampelpfad zu ihren Wagen hat sie ein altes Straßenschild von Berlins berühmtestem Boulevard aufgehängt. Und Sesamstraße nennen die Bewohner der Pankgräfin den zentralen Weg aus Bauplatten, von dem man zu ihren Wagen gelangt.

Mareikes Heim sind zwei Zirkuswagen, die so gestellt und umgebaut wurden, dass 70?Quadratmeter Wohnfläche entstanden. Draußen ranken Weinreben, neben der Hollywoodschaukel reifen Stachelbeeren. „Ich möchte nirgendwo anders wohnen“, sagt die schlanke Frau mit den roten Haaren. Mitten in der Natur und mit vielen Freunden, das sei die Erfüllung ihres Traums.

Natürlich gibt in der Pankgräfin auch schlichtere Wohnwagen. Jeder lebt, wie er es für richtig hält, sagt Mareike. Die Wagen wirken auf dem vier Hektar großen Gelände wie Gartenlauben im Grünen. Irgendwie erinnert die ganze Anlage, die etwa zehn Fußminuten vom S-Bahnhof Karow entfernt liegt, an eine große Schrebergartenkolonie. Vom Mittelweg gehen rechts und links die „Positionen“ ab. So nennt der Verein Pankgräfin, dem alle Bewohner angehören, die Wagen-Stellplätze. Jede „Position“ ist 160?Quadratmeter groß und kostet den Bewohner 110?Euro im Monat. Der Stromverbrauch wird extra berechnet.

Kompost-Toiletten und biologische Kläranlage

Das Areal der ehemaligen Schweinemastanlage war vor knapp 20 Jahren als Ersatz für Kreuzberger Rollheimer hergerichtet worden. Doch die Kreuzberger wollten nicht an den Stadtrand, dafür kamen Wagenburgler von anderen Orten. Sie gründeten den Verein Pankgräfin, mieteten das Gelände vom Bezirk und vereinbarten, ökologisch zu leben. Mit Kompost-Toiletten, biologischer Kläranlage und einem Naturkindergarten, in den auch Eltern aus Prenzlauer Berg ihre Kleinen gern schicken. Mareike ist Erzieherin, sie betreut derzeit zwölf Kinder.

Weitere Projekte des Vereins sind der Waldgarten mit drei Wollschweinen sowie Sportkurse auch für Nicht-Mitglieder. Es gibt eine Tischlerwerkstatt, eine Kleiderkammer und ein Internet-Café. Der jüngste Bewohner ist zwei Wochen alt, der älteste knapp 70?Jahre. Die meisten sind Künstler, Studenten und Freiberufler. So wie Irina (38). Die freiberufliche Musiklehrerin war 1993 eine der ersten in der Pankgräfin. Als Abiturientin verließ sie ihr Elternhaus, sie wollte in einem großen Kollektiv leben. Auch die Nähe zur Natur reizte sie. „Wenn der Regen aufs Dach prasselt und der Wind am Wagen rüttelt, das ist einfach toll.“

Doch manchmal ist das Leben in der Wagenburg auch beschwerlich. Beim Montags-Plenum, auf dem alle Probleme ausdiskutiert werden, wird die Kompromissfähigkeit auf die Probe gestellt. Irina bewohnt mit Freund und Sohn mehrere Wagen. Einer steht seit kurzem leer, weil die 16-jährige Tochter ins Haus zu Oma und Opa gezogen ist. Sie fand das Wagenburg-Leben nicht mehr so toll. Irina: „Ich bin froh, dass wir diese Lösung gefunden haben, sonst hätten wir alle in eine Wohnung ziehen müssen, was mir sehr, sehr schwergefallen wäre.“

Strom vom Dach

Auch Elektra ist Wagenburglerin mit Leib und Seele. Seit 1992 tingelte die IT-Spezialistin mit ihrem 20 Quadratmeter großen Bauwagen von Platz zu Platz. In der Wagenburg Laster&Hänger in Friedrichshain hat sie ein Zuhause gefunden. Auf der bezirkseigenen Brache an der Modersohnstraße stehen die Wagen eng an eng auf einem halben Hektar. 45 Menschen leben dort, auch hier sind die meisten Freiberufler und Studenten.

„Ich habe ein Eigenheim, ganz ohne Bausparen“, sagt die 46-jährige Elektra. In einem „Steinhaus“ fehle ihr die Unabhängigkeit. Ausdruck dieser Unabhängigkeit ist auch, dass der Platz nicht ans Stromnetz angeschlossen ist. Jeder produziert seinen Strom per eigener Solaranlage auf dem Wagendach. Wasser wird vom Hahn auf dem Platz geholt. Auch für den Badewagen, den alle nutzen. Es gibt zudem einen Saunawagen sowie einen großen Wagen für Veranstaltungen. In der Gemeinschaftsküche wird auch für die „Volksküche“ gekocht, in die einmal wöchentlich Nachbarn zum Drei-Gang-Menü für zwei Euro eingeladen werden.

Seit elf Jahren werden die Laster&Hänger vom Bezirk geduldet, jetzt sollten sie einen Mietvertrag erhalten. Doch der muss neu ausgehandelt werden. Denn der Landesrechnungshof befand, dass ein Mietpreis von 17 Cent pro Quadratmeter zu gering ist. Baustadtrat Hans Panhoff (Grüne) sagt: „Wir sollten noch mal diskutieren, denn ein Wagenplatz mitten in der Stadt ist wirklich Luxus.“

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