Früher war sie Innenausstatterin, richtete Banken und Hotels ein, wusste alles über Tresore – Großbritannien vertraute ihr sogar die Einrichtung der Botschaft in Berlin an. Nur für den Mieterrat der landeseigenen Wohnungsbaugesellschaft Degewo soll die 66-jährige Christine Wußmann-Nergiz nicht geeignet sein. Angeblich wegen „nachhaltiger Verletzungen der mietvertraglichen Pflichten“ wurde sie als Kandidatin zur Mieterratswahl nicht zugelassen, teilte ihr die Wahlkommission mit.

„Im ersten Moment konnte ich es erst gar nicht glauben“, sagt Wußmann-Nergiz. Sie hakte nach, wollte mehr über die Gründe erfahren. Daraufhin erhielt sie zur Antwort, dass ihre Kandidatur gemäß Wahlordnung „auch nach nochmaliger Prüfung“ nicht berücksichtigt werden könne, „da eine Klage anhängig“ sei.

Rechtsstreit mit Degewo

Es stimmt zwar, dass es einen Rechtsstreit gibt, aber diesen hat nicht etwa die Degewo gegen Wußmann-Nergiz angestrengt, sondern die 66-Jährige gegen die Degewo. Stellvertretend für viele Mieter an der Autobahnüberbauung Schlangenbader Straße in Wilmersdorf habe sie dagegen geklagt, dass die Müllabsauganlage in der Wohnanlage außer Betrieb genommen wird, berichtet Wußmann-Nergiz.

Die Mieter der „Schlange“ konnten den Müll früher einfach in einen Schacht auf ihrer Wohnetage entsorgen. Aus Sicht der Degewo war der Weiterbetrieb der mehr als 30 Jahre alten Anlage aber nicht wirtschaftlich. Sie wurde deswegen 2015 außer Betrieb genommen. Die Klage dagegen scheiterte. Die Mieter müssen ihren Müll nun in Containern entsorgen, die im Freien stehen.

Christine Wußmann-Nergiz gehört zu jenen Bewohnern, die jetzt gegen den Lärm durch die Müllfahrzeuge klagen, die durch den begrünten Innenhof der Wohnanlage fahren, um die Tonnen zu leeren. Sie setzt sich zudem mit der Mieter-Initiative dafür ein, dass die „Schlange“ mit ihren mehr als 1 000 Wohnungen unter Denkmalschutz gestellt wird.

In dem Zusammenhang lud die Initiative die Architektenkammer Anfang des Jahres ein – und fragte die Degewo, ob sie dafür nicht auf die Dachterrasse gehen könne. Der Degewo gefiel das überhaupt nicht. Sie antwortete an Wußmann-Nergiz: „Mit Verwunderung nahmen wir zur Kenntnis, dass Sie in der Schlangenbader Straße Führungen veranstalten.“ Führungen seien jedoch bei der Degewo anzumelden und würden „ausschließlich durch die Degewo genehmigt und durchgeführt“. Zugleich forderte die Degewo Wußmann-Nergiz auf, „solche Aktivitäten ohne Zustimmung der Degewo zukünftig zu unterlassen“. Die Architekten kamen, die Dachterrasse blieb verschlossen.

41 Bewerber aussortiert

Wußmann-Nergiz sagt, sie vermute, dass ihr Engagement in der Mieter-Initiative der Grund für den Ausschluss als Kandidatin zu den Mieterratswahlen sei. Die Degewo will sich auf Anfrage der Berliner Zeitung nicht dazu äußern. „Aus datenschutzrechtlichen Gründen können wir keine detaillierten Auskünfte zu Mietverhältnissen geben“, erklärt das Unternehmen. Gemäß Wahlordnung habe die Degewo die Kandidaten „auf Ablehnungsgründe“ überprüft. „Alle Kandidaten, die gemäß Wahlordnung nicht zur Wahl zugelassen werden sollten, wurden der Wahlkommission vorgelegt.“ Die Kommission habe über die Ablehnung entschieden.

In der Wahlkommission, die nach einem Aufruf der Degewo gebildet wurde, sitzen Vertreter der Mieter und der Degewo. Die Mieter haben dabei die Mehrheit. Zwar soll die Kommission unabhängig sein, doch sind Zweifel daran erlaubt, weil die Informationen über die Wahl-Bewerber vorher durch das Unternehmen aufbereitet wurden. Die Kommission der Degewo ließ 41 Bewerber zu den Wahlen nicht zu. In der Hälfte der Fälle wurden die Bewerber laut Degewo-Sprecher Lutz Ackermann „aufgrund einer nachhaltigen Verletzung der mietvertraglichen Pflichten“ ausgeschlossen. Also mit dem gleichen Argument, mit dem auch Christine Wußmann-Nergiz ums passive Wahlrecht gebracht wurde. Teilweise habe es auch „erhebliche Mietrückstände“ bei den Bewerbern gegeben, führt Degewo-Sprecher Ackermann unter anderem als Ablehnungsgrund an.

Respekt vor den Anderen

Wußmann-Nergiz sagt, sie behalte sich rechtliche Schritte gegen den Ausschluss von den Wahlen vor. Von einer anderen Wahl ließ sie sich freilich nicht so einfach als Bewerberin streichen. Die 66-Jährige kandidiert bei den Berlin-Wahlen am 18. September für die Wählervereinigung Aktive Bürger für Charlottenburg-Wilmersdorf als Spitzenkandidatin für die Bezirksverordnetenversammlung. „Wir wollen versuchen, Druck auf den Senat und das Abgeordnetenhaus auszuüben, um die demokratischen Rechte der Berliner zu stärken“, sagt sie.

In ihrem Wohngebiet ist Christine Wußmann-Nergiz so bekannt, wie es sich mancher Politiker wünschen würde. Sie sitzt an einem Bistro-Tisch vor einem Supermarkt, um einen Kaffee zu trinken. Es dauert keine fünf Minuten, da wird sie angesprochen. „Ich habe eine Mieterhöhung bekommen“, sagt eine Frau – und fragt, was sie tun soll. Eine andere will wissen, wann sich die Mieter-Initiative das nächste Mal trifft. Christine Wußmann-Nergiz ist längst eine Ratgeberin der Mieter, auch ohne Sitz im neuen Mieterrat. Nachdem die Müllabsauganlage geschlossen wurde, setzte sie sich dafür ein, dass die Wege von den Wohnungen zu den Müllplätzen mit Rampen und Handläufen ausgestattet werden, damit der Weg für Ältere etwas leichter zu bewältigen ist. Beschwerlich bleibt er trotzdem noch. „Es ist ein tolles Gefühl, sich für andere einzusetzen“, sagt Christine Wußmann-Nergiz. Wie sie dazu kam? „Ich hatte eine tolle Großmutter. Sie hat mir alles beigebracht“, sagt sie. Vor allem eines: „Respekt vor dem Anderen.“ Sagt’s und räumt die Kaffeetasse ab.