Manchmal sind es die ganz banalen Dinge, an denen man einen Trend erkennt. In Berlin ist der Wasserverbrauch in den vergangenen zehn Jahren um acht Millionen Kubikmeter gesunken, in Pankow im gleichen Zeitraum um fast vier Millionen Kubikmeter gestiegen. Nun sind die Bewohner von Pankow nicht verschwenderischer als andere Berliner, und sie leiden sicher auch nicht unter Waschzwang – es sind nur viel mehr geworden.

In keinem anderen Bezirk der Stadt ist die Zahl der Bewohner in den vergangenen Jahren so rasant gestiegen wie in dem nördlich gelegenen Bezirk. Lebten dort nach der Wende noch 300?000 Menschen, sind es im heutigen Großbezirk Pankow aktuell über 385?000. Das heißt, im Laufe von 25 Jahren ist der Bezirk um die Einwohnerzahl einer Stadt wie Tübingen gewachsen. Man kann sagen, Pankow ist um eine Kleinstadt größer geworden – und internationaler. Neben dem Berliner Dialekt hört man jetzt Schwäbisch, Bayerisch, Italienisch, Englisch, Polnisch und Spanisch.

Geschlossene Schulen wiedereröffnet

Pankow hat sich zu einer kleinen noblen Weltstadt entwickelt, in die vor allem studierte, gut verdienende Familien gezogen sind. Sie fühlen sich schnell heimisch, kümmern sich um ihren Kiez, engagieren sich in Initiativen und haben hohe Ansprüche an Bildung, Kultur, Politik sowie an die Unterbringung und Erziehung ihrer Kinder. Erstaunlich, dass es in den vergangenen Jahren nicht mehr Probleme gegeben hat, dass die vielen zugezogenen Familien immer noch einen Kita- und Schulplatz für ihre Kinder gefunden haben.

3?000 neue Grundschulplätze hat der Bezirk zwischen 2008 und 2012 geschaffen – ohne dass ein einziger Neubau hinzukam. Dafür wurden geschlossene Schulen wiedereröffnet, leerstehende Räume für den Unterricht umgebaut, Container übereinandergestapelt und in Schulerweiterungsbauten umbenannt, weil das nicht so provisorisch klingt.

Die Folge dieser Verdichtung spüren die Kinder jeden Tag, überall müssen sie drängeln: In den vollen Klassenräumen, auf den Gängen und in den Pausen auf den Höfen. „Die Schulen im Bezirk sind voll, jetzt gibt es keine Kapazität mehr“, sagt die Stadträtin Lioba Zürn-Kasztantowicz (SPD). „Das hat pädagogische Konsequenzen!“

Fachräume, etwa für Naturwissenschaften und Kunst, sind weggefallen, weil ganz normale Klassenräume fehlen. Vormittags wird dort unterrichtet, nachmittags zieht der Hort ein. „Die Kinder verbringen oft den ganzen Tag in einem Raum“, sagt Zürn-Kasztantowicz. Die Schulspeisung dauert von 11 bis 14 Uhr und wird in vier Durchgängen organisiert, anders ist der Andrang nicht zu bewältigen. Die größte Grundschule im Bezirk befindet sich am Falkplatz in Prenzlauer Berg. Ausgelegt ist sie für bis zu 600 Schüler, jetzt unterrichten die Lehrer dort 800 Kinder.

Ganz ähnlich sieht es in den Kindergärten aus. „Alle Kitas sind bis zum Anschlag voll“, sagt Stadträtin Christine Keil (Linke). Von 2011 bis 2014 sind 60 neue Kitas im Bezirk gegründet worden, meist sind es kleine Kinderläden freier Träger und Eltern-Initiativ-Kitas. 1?730 neue Kitaplätze kamen in diesem Zeitraum hinzu.

Doch das Jugendamt kann den Eltern längst nicht mehr einen Kitaplatz in der Nähe ihrer Wohnung vermitteln. Sie können froh sein, dass ihr Kind überhaupt noch einen Platz bekommt. „Wunsch- und Wahlfreiheit gibt es bei uns nicht mehr“, so Stadträtin Keil. Manche Eltern brauchen mit Bus und Bahn eine halbe Stunde bis zur Kita. Rechtlich ist das nicht zu beanstanden. Eltern berichten, dass das Gedränge auf den öffentlichen Spielplätzen unerträglich geworden sei. An Rutschen und Schaukeln müssen die Kinder anstehen. Pankow platzt aus allen Nähten. Und ein Ende ist nicht erkennbar.

Kürzlich hat Stadtentwicklungssenator Andreas Geisel (SPD) neue Prognosen vorgelegt. Demnach sollen zu den derzeit 3,5 Millionen Berlinern schon bis 2019 weitere 250?000 Menschen hinzukommen. Im Jahr 2030 könnten in Berlin vier Millionen leben. Geisel sagt, in Pankow werde es weiterhin den mit Abstand größten Zuwachs geben. Bis zum Jahr 2030 könnten 450?000 Menschen im Bezirk leben. Da sind die zu erwartenden Flüchtlinge, die in Pankow künftig untergebracht werden, noch gar nicht mitgerechnet.

+++ Lesen Sie im nächsten Abschnitt, warum schnell auf die vielen Zuzügler in Pankow reagiert werden muss +++